21.07.2008 - 19:00 Uhr

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Aids in Odessa

Text: sabrina-gundert

Spid ist das russische Akronym für Aids. „[spid] Aids in Odessa“ ist auch der Titel von Andrea Diefenbachs Buch über die Epidemie in der Ukraine. Die Fotografin hat zwei Monate lang HIV-positive Menschen in Odessa fotografiert. jetzt.de hat mir ihr über ihre Arbeit, den Drogenkonsum und den Umgang mit Aids in der Ukraine gesprochen.

Ein Prozent der ukrainischen Bevölkerung ist HIV-infiziert, das sind eine halbe Million Menschen. Damit ist die Rate in der Ukraine die höchste in Europa. Warum?
Die Ukraine wechselt sich mit Russland ab. Allgemein ist in den gesamten ehemaligen Sowjet-Republiken eine Aids-Epidemie ausgebrochen. Hier liegt dies aber nicht primär am sexuellen Übertragungsweg, wie beispielsweise in Afrika, sondern am Drogenmissbrauch. In den 1990ern haben viele Menschen angefangen, sich Opium oder irgendwelche schmutzigen Mischungen zu spritzen. Es gab keine Aufklärung über Aids und so hat sich die Krankheit in den 1990ern rasant verbreitet.

Wer ist vor allem betroffen?
Zunächst Risikogruppen: Menschen, die sich Drogen spritzen oder Prostituierte. Mittlerweile verbreitet sich Aids durch Sex aber auch in der normalen Bevölkerung. Die Menschen, die sich in der Ukraine spritzen, sind aber nicht solche Junkies, wie man sie sich bei uns vorstellt, sondern oftmals normale Leute, die auf höheren Schulen waren. Insgesamt kommt der Großteil der Infizierten aus dem sozial schwachen Teil der Bevölkerung. Am schlimmsten betroffen sind der Osten und der Süden des Landes.

[plugin bildergalerie Bild1="Natascha, 23, flieht als 16-Jährige vor ihrem Stiefvater zu ihrem Freund, als dieser sie missbrauchen will. Ihr erstes Kind verliert sie. Mit ihrem neuen Partner beginnt sie, Drogen zu spritzen. Sie arbeitete in der Fabrik und hat sich Geld durch Prostitution verdient. Dabei hat sie sich vermutlich auch mit HIV infiziert. Ihre zwei Kinder sind HIV-negativ. (Fotos: Andrea Diefenbach, Texte gekürzt und verändert aus Diefenbachs Buch)" Bild2="Natascha lebt bei einer Großtante ihres Mannes, die Natascha aufnimmt, als diese durch Syphillis nicht mehr laufen kann. Ihre beiden Kinder werden ihr weggenommen, nachdem ihr HIV-Status festgestellt wird. Sie leben jetzt im Waisenhaus." Bild3="Natascha nach einem Besuch im Waisenhaus. Sie versucht beharrlich wieder laufen zu lernen, um eines Tages wieder mit ihren Kindern leben zu können." Bild4="Mascha, 26, beginnt sich mit 17 Jahren zu spritzen. Der Vater, ihre enge Bezugsperson, stirbt bei einem Unfall als sie 15 Jahre alt ist. Später arbeitet sie in einer Bar, gibt Malunterricht und arbeitet ein paar Mal als Prostituierte." Bild5="Als Mascha Anfang 20 ist, emigriert ihre Mutter nach Spanien, ihr Bruder lebt weiterhin mit Mascha und ihrem Mann. Dieser bringt Mascha immer wieder dazu, eine Entziehungskur zu machen. Er stirbt 2005 an einer Überdosis - es war das erste Mal, dass er sich Heroin spritzte." Bild6="Kurze Zeit später sterben ihre beiden besten Freunde ebenfalls. Ihr Drogen-Leben wird bekannt, die Mutter holt den Bruder nach Spanien, Mascha hat alle wichtigen Menschen in ihrem Leben verloren. Sie spritzt immer mehr und stirbt überraschend im September 2007." Bild7="Jura, 40 und Tanja, 42 sind beide HIV-positiv. Er hat sich bei seiner Frau infiziert, die sich nach dem Unfalltod ihrer Tochter Drogen gespritzt hat. Als bei Tanja 2005 Knochentuberkulose festgestellt wird, kümmert sich Jura - sehr krank - nur noch um sie. Früher arbeitete er als Koch auf Schiffen und in Restaurants." Bild8="Tanja muss wieder ins Krankenhaus. Jura und ein alter Freund von Tanja wachen pausenlos neben ihrem Bett." Bild9="Bei Untersuchungen stellt sich heraus, dass sie außerdem eine schwere Meningitis hat. Wenige Tage später liegt Tanja tot im Bett."]

Jeder Zehnte in der Millionenstadt Odessa trägt das Immunschwäche-Virus in sich und jeder Zehnte ist drogensüchtig. Warum ist das so?
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben sich die ganzen internationalen Drogenhandelswege geändert. Die Menschen erlebten eine neue Freiheit, aber auch Unsicherheit. Den Menschen fehlte es damals an Perspektive. Ich denke, es war eine Mischung aus allem. Alles, was sie gelernt hatten, worauf sie sich verlassen konnten, war plötzlich weg. Drogen waren überall verfügbar, auf Märkten oder in Plattenbausiedlungen gab es fertige Spritzen zu kaufen. Ich habe auch nicht so eine Hemmschwelle vor dem intravenösen Drogengebrauch dort erlebt, wie es sie in Deutschland gibt. Auch manch 16-jährige Lehrerkinder oder Jugendliche aus guten Familien spritzen sich dort Opium, wie man bei uns Alkohol ausprobiert.

Hast du erlebt, dass die Menschen in der Ukraine über Aids sprechen?
Nein, die Menschen dort sprechen gar nicht über Aids. Das Thema ist ein riesiges Stigma. Selbst bei denen, die ich fotografiert habe, wussten die Familienmitglieder oftmals nichts von der Krankheit. Wenn jemand stirbt, heißt es nie, dass er oder sie an Aids gestorben ist, sondern an Tuberkulose oder einer anderen Krankheit. Dies trifft soweit auch zu, als dass durch Aids die Abwehrkräfte so geschwächt werden, dass man letztendlich wirklich an Tuberkulose oder Meningitis stirbt. Wenn ich Menschen außerhalb des Projektes in der Stadt getroffen und mit ihnen über das Thema gesprochen habe, waren viele ganz überrascht, wie hoch die Aids-Rate im Land in Wirklichkeit ist.

Lassen sich die Menschen testen, ob sie HIV-positiv sind?
In den 1990er-Jahren gab es Zwangstests, zum Beispiel in Gefängnisse. Drogenabhängige, die schon lange spritzen, lassen sich inzwischen meist auch testen. Manche Menschen wollen aber auch gar nicht wissen, ob sie infiziert sind. Dass man wie bei uns einfach einmal einen HIV-Test macht, kommt dort nicht vor.

Wie sieht es vor Ort aus: Bekommen die Menschen psychologische Hilfe?
Es gibt keine psychologische Betreuung. Manche Nichtregierungsorganisationen versuchen Aufklärungsarbeit zu leisten, machen Kampagnen oder Veranstaltungen – beispielsweise zum Weltaidstag in der Fußgängerzone. Das Problem ist, dass diese NGOs oftmals sehr korrupt sind. Die Regierung negiert zumindest nicht mehr, dass Aids ein Problem ist. Sie gibt aber auch kein Geld für Präventionsarbeit – dieses stammt bisher aus internationalen Geldern.

Gibt es eine medizinische Versorgung?
Hier hängt es ziemlich davon hab, ob man Beziehungen und wie viel Geld man hat. Außerdem muss man sich dahinter klemmen und darum kümmern, dass man eine Therapie bekommt. Viele haben durch die Sowjetjahre vergessen oder nicht gelernt, sich um die medizinische Versorgung selbst zu kümmern. Medikamente gibt es vom Staat nicht, wenn nur von den NGOs und in der Aidsklinik – allerdings viel zu wenige.

Warum Andrea die Menschen in Odessa portraitiert hat, erfährst du auf der nächsten Seite.
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