11.07.2008 - 19:00 Uhr

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Wie die Universität mich enttäuscht hat. Zum Beispiel Jan

Text: lars-weisbrod - Illustration: Eva Hillreiner

Studieren hat sich geändert. Das lässt sich ganz gut an den Menschen zeigen, die einem im Studium begegnen

Ich habe einen Freund, nennen wir ihn Jan. Jan trinkt sehr viel, verhält sich politisch nicht immer korrekt und bei seinen Frauengeschichten den Überblick zu behalten, fällt schwer. Eigentlich macht Jan Filme. Zumindest ab und zu. Meistens macht er aber etwas anderes, trinken beispielsweise, oder Frauengeschichten anfangen, oder er tut gar nichts. Ein Ort, an dem man ihn jedenfalls nie sieht, ist die Universität. Obwohl er da studiert. „Ja und?“ könnte man jetzt sagen, „natürlich sind Studenten nie an der Uni! Was sollen sie denn da? Das Studentenleben hat doch wirklich interessanteres zu bieten. Die meiste Zeit nicht an der Uni zu verbringen, hat sich für Studenten seit Jahrzenten als Lebensabschnittsgestaltung bestens bewährt.“ Ich habe genau das auch immer gesagt. Aber mittlerweile traue ich mich nicht mehr. Man macht sich nämlich Sorgen um Jan. Freunde sprechen in seiner Abwesenheit über seine Zukunft. Sie wollen ihm Praktika vermitteln. Sie wollen seine Hausarbeiten schreiben. Dann blicken sie mich meist vorwurfsvoll an, weil ich ihm noch kein Praktikum vermittelt und noch keine Hausarbeit geschrieben habe. Ich bin aber gar nicht auf solche Ideen gekommen, denn ich habe Jan immer bewundert.
Früher habe ich mir sogar alle Studenten vorgestellt wie ihn. Die Universität, dachte ich, sei ein Moloch aus Drogen, Sex und Nichtstun, der Rausch herrsche dort mit strenger Hand. Wer sich wie Jan all dem hingibt, der, dachte ich, brächte es vielleicht zum Genie, vielleicht auch nur zum lebergeschädigten Studienabbrecher. Aber jetzt merke ich: Es sind gar nicht alle so wie Jan. Kaum jemand eigentlich. Jan ist mehr ein Fossil als ein Prototyp. Er ist ein Auslaufmodell. Wird nicht mehr hergestellt. Ein Dinosaurier. Ein promiskuitiver, betrunkener Dinosaurier. Jan und all die Menschen, die wie Jan sind, haben keinen Platz mehr an der Universität, obwohl sie doch kaum welchen brauchen, denn sie sind ja sowieso fast nie dort. An der Universität hängen jetzt McKinsey-Plakate. Da werden High-Potentials gesucht. Da soll jeder immer alles geben, was er hat. Die Herrschaft des Rausches wurde abgelöst, von einer Diktatur der Chance. „Ich weiß ja, ich vertue Chance um Chance, in meiner Warteschleife“, hat Jens Friebe, ehemaliger Student meiner Fakultät, einmal gesungen. „Doch muss man die Chance nicht auch mal als Gefahr begreifen?“ Muss man. Chancen sind etwas Schönes, aber je öfter und einmaliger sie sich mir darbieten und je länger ich über Jan nachdenke, desto mehr bekomme ich den Eindruck, dass Chancen mein Leben verwüsten. Ich lasse mich immer wieder einlullen von ihnen und ihrer gefährlichen, nüchternen Schönheit. Seit Wochen schiebe ich eine Arbeit vor mir her (wenigstens kann ich das noch, sie vor mir herschieben), aber statt zu sagen „Was soll’s? Abgabetermine! Wenn ich Wissenschaft betrieben will, ist es egal, bis wann ich das tue“ sage ich „Der Professor! Die Bewerbung für die Studienstiftung! Meine Zukunft!“ und gräme mich Tag für Tag. Jan würde sagen: „Studienstiftung? Da sind doch nur hässliche Frauen.“ Ich würde ihm so gerne recht geben. Es ist nicht so, als hätte Jan keine Pläne. Er hat jede Menge. Nur meistens geht es dabei um Unterweltaktivitäten, hochgefährliche Sportwettkämpfe oder plötzlichen Weltruhm. Ich glaube, ich liege nicht falsch, wenn ich sage: Jan ist ein Mythos. Eine Legende. Einer von früher, einer wie es ihn heute gar nicht mehr gibt. Mehr Hunter S. Thompson als McKinsey. So einem besorgt man doch keinen Praktikumsplatz. So einer sammelt doch keine Credit Points. So einer studiert doch nicht nach Modulen! Neulich saß Jan nachts verzweifelt in der U-Bahn-Station und beklagte sich. Er hätte doch nichts in den Händen. Noch gar nichts geschafft. Zuerst habe ich gedacht, ich hätte mich vielleicht in ihm geirrt. Aber dann ist mir klar geworden, dass alle Jans irgendwann verzweifelt in der U-Bahn sitzen. Das ist bloß die andere Seite der Medaille. Deswegen ist die neue Universität der Chancendiktatur auch so verlockend: "Komm schon", flüstert sie uns ins Ohr. "Wenn du auf mich hörst, musst du nie wieder denken, du hättest nichts in deinen Händen!" Wir sollten aber nicht auf sie hören.

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drolli
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Mag ich Mag ich nicht

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11.07.2008 - 19:31 Uhr
drolli

Hmmmmm. Ich frage mich was der Text sagen soll:

a) allgemeines lamentieren dass "heute" an der uni erwartet wird dass man seine Scheine macht

b) der versammelten jetztlerschaft vor Augen fuehren, was man besser bleiben laesst.

karrrrrrak
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Mag ich Mag ich nicht

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11.07.2008 - 19:34 Uhr
karrrrrrak

das foto von jan gefällt mir sehr gut...hahaha

Ezechiel
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11.07.2008 - 19:37 Uhr
Ezechiel

ich bin jan!

chippyq
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Mag ich Mag ich nicht

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11.07.2008 - 19:43 Uhr
chippyq

der typ ist nett geschildert, der schlusssatz bzw. die damit gemeinte geste aber leider extrem schwach. abgesehen davon nervt mich diese ständige glorifizierung von kaputtheit und pseudo-wildem lebensstil (meist durch abkömmlinge eines dezidiert bürgerlichen milieus) extrem.

der grundlegende fehlschluss geht etwa so: dass hunter s. thompson so viel geiler schreibt als z. b. ulrich wickert, lässt sich allein daraus erklären, dass thompson so ein kaputter typ war. wenn man es ihm darin nachtut, wird man folglich auch so geil schreiben können, usw. überraschenderweise werden aus den meisten aber keine neuen thompsons, sondern überaus mittelmäßige existenzen, die vielleicht mehr aus sich hätten machen können, wenn sie in ihren guten jahren nicht so viel sorgfalt und energie darauf verwendet hätten, ihr leben nicht auf die reihe zu bekommen.

syno
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11.07.2008 - 20:01 Uhr
syno

ich glaube kaum, dass ein "unvernüftiger", selbstzerstörerischer Typ daran denkt, später mal Hunter S. Thompson nachzueifern, sondern viel mehr, dass er (wir können von "er" sprechen, weil dieser Archetypus nunmal ein Mann ist, warum, ist auch interessant..) sich dafür gar nicht interessiert.
obwohl... er das vielleicht auch nur vorgibt und in Wirklichkeit einen auf Hans Schnier machen will...

riesenherz
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11.07.2008 - 20:08 Uhr
riesenherz

Ich find den Text gut. Würde auch Lesenswertpunkte verteilen, wenn das ginge.
Denn der Text bringt doch essayistisch auf den Punkt, welches Unbehagen einen beschleicht, wenn aus Kommilitonen Wettbewerber um die Chancen werden.
In meiner Beratungspraxis rate ich daher grundsätzlich, nein, sogar prinzipiell, dazu, das Studium auf vier Tage zu beschränken und zwei auf andere Projekte/Tätigkeiten zu verwenden. Der Synergieeffekt von Theorie und engagiertem Tun ergibt sich zwar meist erst spät gegen Ende des Studiums, aber er kommt.

Mein erstes Studium war ein Parallelstudium von Links- und Rechtswissenschaften, also Jura und Soziologie: wunderbar zu sehen, welch unterschiedliches Klima zur selben Zeit an einer Uni herrschte.
Was am Ende die wenigsten zu bedenken scheinen: Das "Am Ende ist doch noch etwas aus mir geworden" ist auch nur aus einer ganz bestimmten fokussierten Sicht ein positiver Satz. Chancen und Optionen sind bestimmt nicht schlecht, aber Chancen ergeben sich auch oft aus Freiheit, die aber in der schönen neuen Studienwelt allzusehr eingeengt wird.

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Mag ich Mag ich nicht

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11.07.2008 - 20:09 Uhr
riesenherz

P.S.: zum Trost: auch eine Enttäsuchung kann etwas sehr Positives sein, bringt sie doch Befreiung von einer Täuschung, der man erlegen war.

chippyq
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Mag ich Mag ich nicht

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11.07.2008 - 20:19 Uhr
chippyq

syno sagte:
ich glaube kaum, dass ein "unvernüftiger", selbstzerstörerischer Typ daran denkt, später mal Hunter S. Thompson nachzueifern, sondern viel mehr, dass er (wir können von "er" sprechen, weil dieser Archetypus nunmal ein Mann ist, warum, ist auch interessant..) sich dafür gar nicht interessiert.

ich glaube, zumindest die leute, die ich meine, finden sich schon ganz geil dabei. interessant außerdem: auch frauen kokettieren verstärkt mit diesem archetypus, vgl. ladettes und so weiter.

semifreddo
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Mag ich Mag ich nicht

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11.07.2008 - 20:19 Uhr
semifreddo

spricht was dagegen zu saufen und party zu machen, verschiedenste nebenjobs und affairen zu haben, skurrilen hobbies nachzueifern, zu verreisen und trotzdem jahrgangsbeste zu sein?

chippyq
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Mag ich Mag ich nicht

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11.07.2008 - 20:24 Uhr
chippyq

riesenherz sagte:
In meiner Beratungspraxis rate ich daher grundsätzlich, nein, sogar prinzipiell, dazu, das Studium auf vier Tage zu beschränken und zwei auf andere Projekte/Tätigkeiten zu verwenden. Der Synergieeffekt von Theorie und engagiertem Tun ergibt sich zwar meist erst spät gegen Ende des Studiums, aber er kommt. [...] Chancen ergeben sich auch oft aus Freiheit, die aber in der schönen neuen Studienwelt allzusehr eingeengt wird.

das ist alles sehr richtig, und die bachelorisierung z. b. der geisteswissenschaften ist ein großer schwachsinn. allerdings: jan aus dem text könnte noch so viel freiheit und chancen haben, er würde sie höchstens aus versehen nutzen.

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