Die Klinkerprinzessin
Text: baronvonzuhause
Es war einmal eine Prinzessin
Die wollte einen Stern
Doch konnte sie ihn nicht haben
Der Stern er war zu fern
Drum rief sie die Gelehrten
Ihn zu bringen ins Gemach
Dass sie sich könnt dran erfreuen
In kalter Winternacht
Ein Fernrohr bauten sie ihr
Hinauf ins Himmelszelt
Wobei ihr dann bewusst wurd
Wie klein ist doch die Welt
Nun sah sie jeden Abend
Den wunderbaren Stern
Der ihr in kalter Winternacht
War nicht mehr all zu fern
So beginne ich heute.
Und so fahre ich heute fort.
Als man sich Ende der 70er Jahre vorstellte, wie moderne Architektur der 80er aussehen würde, hatte dieses neue Stadtteilzentrum schon bei seiner Fertigstellung allen Charme verloren. Der Vorhang war noch eisern, die Gedanken schwarz oder rot, und die Bauten
bestanden bis auf die Fensterscheiben aus Klinkersteinen. Das machte selbst bei den breiteren Wegen, innerhalb des Komplexes, zwischen den Häusern den Eindrück, als hätte man Linoleum nicht nur auf dem Boden verlegt, sondern auch noch ein Stück weit an der Wand hochgezogen. Gehwege aus rotem Klinker, Säulen und Wände aus rotem Klinker, Decken aus rotem Klinker. Einheitlichkeit sollte wohl zum Ausdruck kommen. Ruhe. Aus der Ruhe war aber mittlerweile Stille geworden. Alles wirkt irgendwie steril. Aber auf eine traurige, schon fast ironische Art steril. Alles war rot. Einmal im Jahr kommen ein paar Arbeiter von der Stadt und brennen das Moos aus den Fugen mit ihren riesigen Gaskatuschenbrennern. Die toten Fenster flackern unwirsch im Takt der Fernsehapparate. Hier und da eine Lichterkette. Und halbe Gardinen, damit man nicht reingucken, wohl aber rausgucken kann. Vereinzelt auch Balkonpflanzen. Meist da wo auch Balkone sind. Man merkt dem zarten Gestrüpp geradezu an, dass es von dem Moment, in dem es kapiert hat, wo es ist, sich nichts sehnlicher wünscht, als auch mal das Moos in den Fugen zu sein.
Als Anlaufstelle geplant – zur Weglaufstelle geworden.
Menschen sieht man kaum noch. Nur ein paar Alte sitzen auf den zur Kommunikationsförderung aufgestellten und zum Verweilen bettelnden Bänken. Grundschulkinder veranstalten Fahrradrennen, bei denen schon einmal eine Taube oder eine Amsel hatte dran glauben müssen. Keiner konnte sich so recht vorstellen, wie der Vogel zwischen die Speichen gekommen war. Endlich passierte hier auch mal etwas. Auch wenn es nicht im Lokalanzeiger erscheinen würde, daran würde man sich erinnern. Dann und wann. Vielleicht eine Woche lang. Der Junge, der mehr vor Überraschung weinte, dass er sich so plötzlich von seinem geliebten gebrauchten Fahrrad hatte trennen müssen, um in Sekundenbruchteilen hart auf den roten Klinker aufzuschlagen, fand kaum Beachtung. Es war viel interessanter dem kopflosen Vogelkörper zuzusehen, wie er noch zwei, drei, vier Mal mit den Flügeln schlug. Der Kopf hatte sich auf abstruse Weise im Schutzblech verfangen. Und da war noch etwas. Es war rot, aber kein Klinker. Blut. Ob das wohl einbrennen würde, wenn die Männer von der Stadt mal wieder kämen? Der Regen wird wahrscheinlich schneller sein. Man kennt das ja. Die Stadt und ihre Beamten.
Eine neue SB-Bäckerei hatt im ehemaligen Fotoladen seine Tore geöffnet. Jetzt hingen nicht mehr Bilder von kleinen Kindern und frisch Vermählten im Schaufenster, sondern die von frischgebackenen Brötchen und noch dampfenden ofenwarmen Bauernstuten. Der Kundenstrom hatte sich seit dem nur gering verbessert. Lag das wohlmöglich an den anderen drei SB-Backereien im Umkreis von fünfhundert Metern? Vielleicht. Mit Sicherheit jedenfalls konnte man das nicht behaupten.
Und so schließe ich heute.
Neue Texte zum Label 'beobachtungen':
Textoptionen