30.06.2008 - 19:00 Uhr

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Lernen mit Opa und Oma

Text: dana-brueller - Fotos: Dana Brüller

An der Universität treffen jeden Tag junge und alte Studenten aufeinander. Höchste Zeit, sich ein bisschen kennen zu lernen

Zumindest jeder Student einer geisteswissenschaftlichen Disziplin kennt die Situation, einen Vorlesungsraum zu betreten, der nur mit Seniorenstudenten gefüllt ist, eine Situation, die ein Kommilitone einmal theatralisch-metaphorisch verarbeitet hat: „Ich – inmitten eines Meeres aus weißem Haar“. Oft genug gehen sie einem ein bisschen auf den Wecker, diese ewigen Pünktlich-Kommer, denen es auf rätselhafte Art gelingt, um zehn in aller Herrgottsfrühe sine tempore zu erscheinen und die immer einen Platz finden, diese Vorne-Sitzer, die das Mikrofon viermal pro Vorlesung mit ihren Hörgeräten rückkoppeln, diese „Zu leise“-Rufer, diese ewigen Fragesteller, diese Nachkriegszeitschilderer!

Zwischen 100 und 200 Euro pro Semester bezahlt der Seniorenstudent derzeit je nach Anzahl seiner Wochenstunden an der LMU München. Für die Senioren gibt es ein spezielles Programm und weitaus nicht alle Veranstaltungen stehen für sie offen – was gerne ignoriert wird. Grauhaarige Schwarzhörer blockieren unter Umständen Plätze, die nicht für sie vorgesehen sind, so der Hauptvorwurf der Jungen.

Es ist nicht auszuschließen, dass auch ein bisschen Neid auf die alten Kommilitonen mitschwingt. Sie sind meist viel sauberer vorbereitet als wir, bereiten Vorlesungen vor und nach, sie sprechen fließend altgriechisch, bei ihnen folgt nicht auf jeden Bücherkauf ein Spaghetti-mit-Ketchup-Monatsende, und sie sind souverän genug, sich unaufgeregt mit den größten Koryphäen zu unterhalten. Und eigentlich sind sie meistens nette Menschen, die sich für die gleichen Dinge interessieren wie wir.

Trotzdem: Wir Jungstudenten kommen eigentlich sehr selten mit ihnen ins Gespräch. jetzt.de hat sich deswegen mal bei den Senioren
umgehört – und zumindest alle Vorurteile hinsichtlich der Studienfachwahl bestätigt.

***

Karin, 66

Heute:
Ich studiere Philosophie, Religionswissenschaft, ein bisschen Kunstgeschichte und etwas Alte Geschichte.

Früher:
Ich habe ganz andere Dinge gemacht. Ich komme aus Rumänien und durfte dort als Fabrikantentochter und somit Ausbeuter-Tochter nicht studieren. Dafür, dass ich das nun nachholen kann, bin ich der LMU sehr dankbar. Im Sozialismus gab es die Volkskirche der deutschen Minderheit, deshalb interessiere ich mich jetzt besonders für die anderen Religionen, um offen zu sein und andere Menschen zu verstehen.

Was können wir von Ihnen lernen?
Das weiß ich nicht, aber ich lerne von den jungen Leuten. Leider kommt man mit ihnen viel zu selten ins Gespräch.

***

Peter, 71

Heute:
Theologie und Theaterwissenschaften sind dieses Jahr meine Schwerpunkte. Ich hole das nach, was ich die letzten 40 Jahre nicht machen konnte.

Früher:
Eigentlich wollte ich Journalist werden, dann habe ich in Geschichte promoviert. Später habe ich in einem Marktforschungsinstitut gearbeitet.

Wie ist das Verhältnis der Seniorenstudenten zu den Jungen?
Ich glaube, der Dialog zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten ist wichtig. Leider ist es aber relativ schwierig, mit den Jungen in Kontakt zu kommen.

***

Hans-Joachim, 76

Heute:
Ich studiere Geschichte, Kunstgeschichte und Etymologie.

Früher:
Ich habe BWL studiert und dann als Kaufmann gearbeitet.

Was können wir von Seniorenstudenten lernen?
Systematisches Arbeiten. Das ist für uns Ältere wichtig, weil das Gedächtnis nicht mehr so gut arbeitet.

***

Primus, 58

Heute:
Ich bin jetzt ordentlicher Student der Religionswissenschaft, der Ethnologie und der Volkskunde. Zusätzlich besuche ich dieses Semester Veranstaltungen über den Buddhismus.

Früher:
Ich bin heute Rentner, davor habe ich in einem Hormonlabor als CTA gearbeitet. Ich habe Biologie und Chemie studiert, aber ohne Abschluss.

Was nervt Sie an den Studenten?
Eigentlich nervt mich gar nichts. Aber ich finde es schade, dass man öfters hört, dass die älteren Herrschaften den Jungen die Plätze wegnehmen würden. Das ist nicht ganz fair, denn wir Senioren bezahlen ja auch, dieses Semester schon 200 Euro. Aber ein bisschen verstehen kann ich sie schon, denn sie sind ja auf die Scheine und den Abschluss abgewiesen – wir studieren bloß zum Zeitvertreib. Wir könnten ja auch ins Kino
gehen.

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