"Bist du zufällig in der Gegend?" Ein Nachruf auf das Date
Man telefoniert sich zusammen, schaut mal und später stößt man vielleicht dazu. Dabei war doch eigentlich mal anders, wenn man küssen wollte. Damals nannte man es Date. Ein Nachruf
Neulich, gegen ein Uhr nachts in einer Bar: Das Handy einer Freundin machte Piep. Ein Typ, den sie ganz gut fand, hatte ihr folgende SMS geschickt: „Ich bin in der Bar XY was trinken. Bist zu zufällig in der Gegend?“ Die Botschaft zwischen den Zeilen war nicht schwer zu enträtseln. Die Art, sie vorzubringen aber auch nicht sonderlich einladend. Trotzdem wechselten wir die Bar. Auf dem Weg dorthin fragten wir uns, wann das letzte Mal eine Beziehung oder eine Affäre mit einem fest verabredeten Stelldichein angefangen hat. So mit geplanter Unternehmung und tagelanger Vorfreude. Da dämmerte es uns: Das Date ist tot. Als es noch Bestandteil eines normalen Wochenendes war, folgte ein Date einer gewissen Dramaturgie. Über den Ablauf herrschte stillschweigendes Einvernehmen: Ansprechen, Nummer austauschen, zwei Tage später anrufen, Date am Wochenende klarmachen, Programm starten. In den USA, dem Mutterland der Dating-Kultur, küsst man nicht beim ersten Date und schläft frühestens nach dem dritten miteinander. Das europäische Drehbuch beinhaltete einige Abweichungen, das Rendezvous war aber in jedem Fall für beide Beteiligte als solches erkennbar. Der klassische Weg einer Annäherung begann mit einem gemeinsamen Kinobesuch. Drohte, der Abspann zu nahen und die Hände waren immer noch zentimeterweit voneinander entfernt, wusste man, dass demnächst etwas passieren musste. Der zweite Klassiker: Essen gehen. In trauter Zweisamkeit versuchte man, seinen Thai-Curry im Mund zu behalten und währenddessen sich verkrampft die Neuerscheinungen auf dem Musikmarkt vorzutragen. Ob die Konversation auf Autopilot lief oder die Floskeln auswendig gelernt waren („Ich mochte von Coldplay nur das Parachutes-Album“), war nicht wichtig. Wichtig war das, was später kam. Und wenn der andere keinen Totalschaden hatte, kam da in der Regel auch was.
- Gekommen, um zu gehen 27.02.2012
- Warum ich protestiere 13.02.2012
- Trostlose Helden: Bayern- vs. Kettcar-Fans im Club 27.01.2012
- Kater, Nuss und Mandelkern 23.12.2011
- Darf ich kurz stören? 08.12.2011
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
19.06.2008 - 19:35 Uhr
komber
ärgerlicher finde ich eher, dass mit dem handy jede pünktlichkeit flöten gegangen ist, aber das nur am rande.
es gibt glaubich selten gelegenheiten bei denen man die schauspielerischen fähigkeiten von normalen menschen besser beurteilen kann als bei einem date.
hab auch trotz handy verabredungen, auf die man sich tagelang freut und die nicht durch ein "biste grad inner gegend" zustande kommen :)
ist das jetzt retro oder was? :)
2. Mann, jetzt kommt sogar von der Jugend ein: Früher war alles besser.
Und ja die Jugend von Heute jammert überaus gerne =)
Pro Text und pro klassische Verabredung!!!
und ja, machmal nervt die Unverbindlichkeit, die mit der Handy-Kultur einhergeht...
aber ein "bist du zufällig in der Gegend" schenkt einem dafür Gelegenheiten und Situationen, die man früher so nicht hatte. Und da wechsel ich gern die Bar :-)
nucleus sagte:
jo, was bedeutet eigentlich "gegruschelt"??? hab ich nie verstanden
ich glaube, das will uns keiner verraten :)
jurette sagte:
nucleus sagte: jo, was bedeutet eigentlich "gegruschelt"??? hab ich nie verstandenich glaube, das will uns keiner verraten :)
so nennt man die virtuelle kontaktaufnahme in diesem ominösen studiVZ. anfassen ohne anfassen.
jurette sagte:
nucleus sagte:
jo, was bedeutet eigentlich "gegruschelt"??? hab ich nie verstanden
ich glaube, das will uns keiner verraten :)
ist wie poken bei facebook
und mein freund hat mich auch mit "wiederholten dates" weich geklopft. nett finde ich auch, wenn man noch "dates" hat, wenn man schon zusammen ist.
ansonsten ist da wohl schon was dran, an dem austerbenden date.
Und ich wette die leute haben frueher auch schon beim ersten date rumgefickt.
Ansonsten; gut beobachtet, aber nicht weiter dramatisch.
gut geschrieben, angenehm zu lesen. und das mit den schlechten manieren is mir auch schon aufgefallen. das nervt!
wer mehr will wird sich nüchtern melden...
0:24h is so n bisschen wie "hab unterwegs keine andere gefunden und greife jetzt auf die nummern im handy zurück"
getupkid sagte:
iärgerlicher finde ich eher, dass mit dem handy jede pünktlichkeit flöten gegangen ist, aber das nur am rande.
Nicht nur die Pünktlichkeit, auch die Geduld. Wer will, wird warten. Und nicht gleich das etwas nutzlose"wo bist du"-Gespräch anfangen, das dem Gegenüber seine Unpünktlichkeit unweigerlich vor Augen führen soll.
studivz ist das neue freundin-vorschicken!
20.06.2008 - 18:50 Uhr
kathrinaa
und: sehrsehr guter artikel.
mieke sagte:
das date ist definitiv tot.
Noch nicht ganz ;)
(Und wahr, ja, leider.)
Leider etwas zuviele "mal" drinnen, aber an das muß man sich bei der modernen Dating-Kultur wohl "mal" gewöhnen! ;-)
Und das anscheinend bei jedweder sexueller Orientierung....








0
19.06.2008 - 19:05 Uhr
DagnyTaggart