18.06.2008 - 19:00 Uhr

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"Das Gefühl, überwacht zu werden hat uns bis nach Hause verfolgt"

Text: eva-schulz - Fotos: privat

Michael Steinmann, 21, ist Jugendsprecher des Deutschen Hockey-Bundes. Vor kurzem nahm er an einer Delegationsreise nach China teil und blickte bei den Olympia-Machern hinter die Fassaden. Wie das war? Ein Interview über enttäuschende Staatssekretäre, verlorene SMS, ständige Überwachung und seltsam herrenlose Badelatschen

Michael, wie kam es überhaupt zu dieser Reise? Der chinesische Ministerpräsident war 2006 zu Besuch in Deutschland, um Werbung für die Olympischen Spiele zu machen. Bei einem Treffen mit Angela Merkel hat er 400 deutsche Jugendliche aus verschiedenen Bereichen eingeladen, nach China zu kommen. So gab es Delegationen der Politik, Kultur oder Wissenschaft. Wir Sportler waren die letzte. Die Chinesen haben das Ganze organisiert – war es ein typischer Touri-Trip? Natürlich haben wir die wichtigen Sehenswürdigkeiten besucht: Chinesische Mauer, Verbotene Stadt, Kaiserpalast. Aber die Reise sollte ja einen sportlichen Schwerpunkt haben. So haben wir zum Beispiel ein Sportleistungszentrum in Shanghai besichtigt und in Peking das olympische Museum und das „Vogelnest“, das neu gebaute Stadion. Auffällig war aber, dass in allen Sportstätten die Sportler gerade zufällig beim Mittagessen oder bei Wettkämpfen waren – dabei lagen ihre Badelatschen noch da ... Trotzdem haben wir Einblicke bekommen, die keinem normalen Touristen gewährt werden. Der politische Höhepunkt war ein Treffen mit dem ständigen Vorsitzenden des Nationalkongresses. In den Kongress darf eigentlich kein „Normalsterblicher“ rein – wir bekamen eine Führung. Klingt nicht, als hättet ihr viel Sport gemacht. Einmal haben wir mit chinesischen Jugendlichen ein paar Minuten Basketball gespielt. Sie waren am Wochenende extra für uns in eine Mittelschule bestellt worden. Ansonsten hätten wir vielleicht abends im Hotel noch etwas machen können, aber nach den langen Banketten und Empfängen waren wir dazu meistens nicht mehr in der Lage oder wollten lieber noch einmal in die Stadt. Es war ja auch nicht Sinn und Zweck des Ganzen, schließlich handelte es sich um eine sport-politische Reise. Ich hatte auch gar keine Sportklamotten eingepackt.
Michael auf der Chinesischen Mauer. Welchen Eindruck wollten die Chinesen bei euch erwecken? Vorweg muss man sagen: Auch wir zeigen doch unseren Gästen lieber das Wohnzimmer und den Garten, als die schmutzige Abstellkammer. Natürlich wollten die Chinesen sich von ihrer besten Seite präsentieren. Trotzdem haben wir auch die Abstellkammer gesehen: Man hat zum Beispiel immer versucht, uns von den Slums fernzuhalten, die durch hohe Mauern vom Rest der Welt abgetrennt werden. Abends, wenn das Programm vorbei war, hatten wir aber die Möglichkeit, hinter diese Mauern zu blicken. Die Armut, die wir sahen, war entsetzlich. Ein anderes Mal waren wir in einer Disko, als jemand verprügelt wurde. Die anwesenden Polizisten sahen das, griffen aber nicht ein. Wir haben versucht, den Streit zu schlichten. Am folgenden Abend wurde uns dann nahegelegt, doch die eigens für uns Deutsche angemietete Diskothek zu besuchen. Kam so etwas öfter vor? Ja, es wurde sogar noch schlimmer: Als wir uns einmal mit den Bussen verfahren hatten, tauchten plötzlich schwarze Limousinen auf, die unsere Busse wieder auf den richtigen Weg lenkten. Da war klar, dass wir permanent überwacht wurden. Ein Freund von mir bekam das besonders stark zu spüren: Er hat während der Reise einem Journalisten der ARD ein Interview gegeben, in dem er sich auch kritisch äußerte. Als er zurück ins Hotel kam, konnte er von seinem Zimmer keine E-Mails mehr verschicken. Seid ihr da nicht paranoid geworden? Das ständige Gefühl, überwacht zu werden, hat uns sogar bis nach Deutschland verfolgt. Als wir dort wieder gelandet waren, bekamen wir nämlich eine ganze Menge SMS, die irgendwie nicht durchgekommen waren – dabei hatten wir in China eigentlich einwandfreien Empfang. Trotzdem habe ich mich nie unsicher gefühlt. Schließlich waren wir eine große Gruppe und wichtige Gäste. Warum Michael vom mitgereisten deutschen Staatssekretär enttäuscht war, liest du auf der nächsten Seite.
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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

Eva Schulz