05.06.2008 - 01:19 Uhr

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Jack zu Gast im 3. Reich

Text: PsychoGeorge

Mein Amerikanischer Mitbewohner Jack liebte es, die Leute zu provozieren. Einmal erzählte er mir freudestrahlend, dass er gerade einen Internet Chat mit ein paar anderen Amerikanern gehabt hätte und die sich darüber aufgeregt hätten, dass er den amtierenden Präsidenten George W. Bush als Amerikanischen Adolf Hitler bezeichnet habe. Lachend zählte er auf, was die schockierten Landsmänner ihm alles angedroht haben. Ein anderes Mal berichtete er, dass er in der Stadt jemanden mit einem T-Shirt der Universität von South Carolina gesehen habe und ihm sogleich laut zugerufen habe „South Carolina Gamecocks suck!“ – zwischen den Sportteams der Universitäten von North Carolina („Tar Heads“) und South Carolina („Gamecocks“) herrscht eine starke Rivalität. Der angegriffene Amerikaner habe nach der ersten Überraschung „North Carolina Tar Heads are losers!“ geantwortet. Jack fand das sehr lustig und meinte, dass derartige Reibereien in den USA Gang und Gäbe wären und nur Spaß seien. So ließ Jack keine Gelegenheit aus, um seine und meine Landsmänner zu provozieren. Als in Konstanz im Februar Fasnet gefeiert wurde, war das für Jack wie der Himmel auf Erden! Endlich konnte er auch in Deutschland mal ungestraft so richtig provozieren. Die Fasnet in Konstanz wird am „Schmotzige Dunschdig“, dem Donnerstag vor Rosenmontag, ab 5 Uhr morgens von diversen Fanfarenzügen eingeleitet, die musizierend durch die Innenstadt marschieren und die Bürger aus dem Bett holen. Jack war von diesen Fanfarenzügen völlig angetan und lief neugierig zur Straße runter, um sich dieses Spektakel anzusehen. Als ich mich so gegen 8 Uhr in die Küche zum frühstücken quälte, traf ich einen aufgeregten Jack im Hausflur. „Das ist wie in Nazideutschland“, stellte er freudestrahlend fest. „Überall laufen Marschkapellen herum und trommeln die Leute für den Krieg zusammen!“, sagte er. „Komm mit, hör Dir das an!“, meinte er und zog an meinem Ärmel. „Ja, ja, ich kenne das schon“, antwortete ich müde. „Das ist jedes Jahr so.“ „Die Deutschen haben das Marschieren einfach im Blut“, stellte Jack nüchtern fest. „Das kannst Du nicht leugnen.“ Angesichts der laut spielenden Fanfarenzüge vor der Tür, fiel es mir wirklich schwer, Jacks Aussage zu widersprechen... Darüber hinaus erzählte mir Jack, dass es ihm nicht leicht fiel, die Fanfarenzüge mit „Ho Narro“ zu begrüßen und nicht mit „Heil Hitler!“ „Ein oder zweimal hätte ich mich fast dazu hinreißen lassen“, meinte er. Am Nachmittag wollte sich Jack mit einigen Mitschülern aus seiner Sprachschule treffen, um sich gemeinsam in das Fasnet-Treiben zu stürzen. Während er sich überlegte, als was er sich verkleiden soll, fragte er mich auch, ob es jemanden stören könnte, wenn er sich als Adolf Hitler verkleidet. Ich antwortete ihm, dass er sich gerne als der Diktator verkleiden kann, wenn er gerne eine Nacht in Untersuchungshaft verbringen möchte. Daher verwarf Jack diese Idee wieder und malte sich stattdessen eine Amerikanische Flagge auf die Backe. Als er spät am Abend wieder in die WG zurückkam, war die Flagge auf seiner Backe ganz verwischt und Jack’s Augen glitzerten vor Freude. Strahlend erzählte er mir, dass er von seiner Mitschülergruppe verstoßen wurde, weil er „Heil Bush“ rufend und die Amerikanische Nationalhymne singend durch die Stadt gezogen wäre. „Die sollen sich mal nicht so haben. Das ist doch alles nur Spaß“, meinte er. Zum Glück lassen die Konstanzer den Narren beim Fasnet so einiges durchgehen... Mehr WG-Geschichten gibt es auf meiner Webseite: http://wggeschichten.blogspot.com


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