30.05.2008 - 13:23 Uhr

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sechsundsiebzigstufen IV

Text: KleinOrangenmaedchen

. . . Sie lehnt ihren kleinen Kopf an die sperrige Holztür, die Kälte des weißen Lackes erinnert sie kurz daran, wie sie damals, direkt nach dem Aufstehen, eiskalt duschten, ihre Stimme quiekte wie ein Jungtier. Sie lauscht. Es ist eine andere Stille, die aus dem Treppenhausflur strömt. Dann suchen ihre Augen, sie sind so grau wie der Asphalt in einer frühen Sommernacht, den Weg durch das kleine Guckloch und finden seinen Blick, ein dunkelgrün leuchtendes Meer, Ostseeküste. Sie merkt, wie ihr Atem schneller geht, wie ihr Herz sich beeilt, um so schnell schlagen zu können, wie ihre Gedanken durch ihren Körper schießen. Sie sieht sein Lachen, den Abdruck der Kopfkissenfalten auf seiner unrasierten Wange, sie sieht ihn am Bahngleis stehen, als ihr Zug mit quietschenden Bremsen in die Stadt einfährt, sie sieht ihn über einem Buch eingeschlafen, ruhig atmend. Schnell wendet sie den Blick ab, lehnt ihren Rücken, die herausstehenden Schulterblätter gegen die Wohnungstür, atmet ein, länger nicht aus. So steht sie da, anders als sonst, und doch schlafen ihre Beine nach einiger Zeit ein, sackt sie irgendwann langsam zusammen, hockt schließlich mit angezogenen rauen Knien am Boden der sperrigen Tür, der warme Kopf drückt gegen den kalten weißen Lack. Sie ist nicht eingeschlafen und doch wird sie wach, als seine Stimme anfängt zu sprechen. Sie hört sich anders an, ein bisschen verwaschen vielleicht, unsicher und doch fest. Sie hört nicht, was er sagt, nur die tiefe Stimme, die manchmal in ihren Träumen erklang, etwas anders. Irgendwann zieht sie sich an der novemberkalten Türklinke hoch, richtet sich auf, streicht blonde Haarsträhnen hinter ihr linkes Ohr und öffnet die Tür. Sie sieht den Flur, die sechsundsiebzig Stufen, die unaufhörlich nach unten führen, kein Mensch ist zu sehen. Doch die braunen Lederschuhe, glanzlos, stehen nicht mehr dort. Und auf den sechsundsiebzig Holzstufen erkennt sie leichte nasse Fußabdrücke. Von großen Füßen. Ihr Körper möchte der Schnelligkeit, mit der sie in die Küche läuft, widerstreben, doch er gibt schließlich auf, als sie vor dem großen Küchenfenster steht, ihr Blick den schweren Regentropfen folgt, die den Hinterhof noch grauer verfärben, den roten Ball irgendwo dort unten sauberwaschen. . . .


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