sechsundsiebzigstufen
Text: KleinOrangenmaedchen
Plötzlich kommt der Schnee zurück. Und die Stille wird verbannt von dem brodelnden Teekessel auf der Herdplatte. Wäre es Herbst, hätte man die Blätter gesehen, sich unermüdlich jagend, und sie hätte sie in den Nächten hören können, auf Dachfenstern, vom Wind gepeitscht.
Vielleicht war es auch nur eine Nacht und vielleicht war auch schon Herbst.
Die Tage, die sie am liebsten schlafend verbringt, reihen sich wortlos aneinander.
Es sind seine Schuhe, die vor der Wohnungstür stehen, man sieht weißgraue Linien vom Streusalz auf dem braunen glanzlosen Leder. Im Flur, sechsundsiebzig Stufen hinunter, riecht es nach Putzmitteln. Es ist ein altes Haus und doch hat der Allzweckreiniger, beißend, den Geruch von Menschen verschluckt.
Ein Klingeln an der Wohnungstür. In dem Moment, in dem das heiße Wasser mit einem Zischen überkocht, es wie verbrannt riecht. Monoton und doch störend schrillt es, schellt es in den Tag, an dem die Straßenlaternen schon bald angehen werden. Sie mag es, hinter der grellweißen Wohnungstür zu stehen und durch dieses winzige Loch in den Flur zu schauen. Dorthin, wo sie so oft, seine Augen sieht. In seine dunkelgrünen Augen blickend.
Heute kann es nicht er gewesen sein. Als sie an dem Platz vor der Tür ankommt, nachdem sie den Tee gekocht, das heiße Wasser aufgewischt, sich an der dünnen Hand verbrannt hat, sieht sie nur die Treppengeländer, die ineinander übergehen und den zertretenen Boden, der zu der anderen Tür führt. Noch ein paar Minuten, vielleicht auch Stunden, bleibt sie dort stehen, der Tee ist nicht mehr heiß, als sie wieder in die Küche kommt.
Sie weiß, dass er noch einen Schlüssel hat und dass er jedes Mal, wenn sie vor der Tür steht und er dahinter oder vielleicht auch er vor der Tür steht und sie dahinter und sie nur diese sperrige weißgrelle Holztür voneinander zu trennen scheint, diesen Schlüssel einfach in das Schloss stecken und aufschließen könnte. Sie wäre ruhig, nicht erschrocken, würde nicht zu Boden schauen, nicht weglaufen, wäre gefasst. Sie weiß, dass der Tag kommen wird, an dem dies geschehen wird, an dem er sie wieder sehen wird. Er wird erschrocken sein darüber, wie dünn sie geworden ist, wird ihre herausstehenden Beckenknochen anstarren und den verbrannten Geruch, der mittlerweile stetig aus der Küche kommt, die Wohnung erfüllt, wahrnehmen und versuchen, in ihre Augen zu schauen. Vielleicht wird er wissen, dass sie seine alle zweidrei Tage gesehen hat, ganz dicht.
Doch wenn er alle zweidrei Tage kommt, bleibt er dort stehen, klingelt monoton und schrill und durchbricht die Stille kurz, aufbrausend, unbewusst. Er bleibt dort solange stehen und wartet, er scheint zu warten, dass ihre Beine eingeschlafen sind, wenn sie ihr blasses Gesicht von dem Guckloch entfernt, noch seine schneller werdenden Schritte wahrnimmt, auf dem gereinigten Holzfußboden der sechsundsiebzig Treppenstufen und in die Stille zurückkehrt, in die Küche, das kleine Bad, das Schlafzimmer.
Das Küchenfenster führt zu einem Hinterhof hinaus. Stets gekippt, dringen Stimmenfragmente hinein, Kinder, die dort einem roten Ball hinterherlaufen, lauter und leiser lachen. An manchen Tagen verharrt sie vor diesem Fenster, schließt die Augen, hört den Stimmen zu, hört den roten Ball, wie er in eine Pfütze springt, hört eine Katze bei den Mülltonnen, ordnet die Stimmen später den kleinen Gesichtern zu mit den gesund geröteten Wangen.
An diesen Tagen geht sie später hinaus, verlässt die Wohnung, drückt die sperrige Tür hinter sich fest zu, übersieht die Lederschuhe, deren weiße Salzabdrücke schwinden, und geht, ohne sich an dem Geländer festzuhalten, die sechsundsiebzig Stufen hinunter. Sie öffnet das Fach im Flur im Erdgeschoss, in dem ihre Post gesammelt wird. Postkarten liegen darin, ohne Umschläge, zeigen sie wohl Städte und Dörfer und Wiesen und das Meer und alle zeigen sie das gleiche. Und jedes Mal an diesen Tagen liegt ein Umschlag darin, zitronengelb, nicht sehr dick. Sie nimmt ihn hinaus, streicht über die bunte Briefmarke und steckt ihn in ihre Tasche. Ihre Tasche ist nicht schwer, über ihrer kindlichen Schulter baumelnd. Sie geht einkaufen und kauft Tee und Kaffee, den sie doch nie trinkt, und vielleicht kauft sie Bananen oder Äpfel, Salat, kleine Cervelatwürstchen, eingelegte Gurken, Margarine. Sie mag es, die Waren auf das schwarzgraue Fließband zu legen, zu beobachten, wie es die Gegenstände vorwärtszieht. Auf dem Rückweg schaut sie in die Schaufenster, sieht sich in dem spiegelnden Glas, erschrickt nicht, läuft in langsamen Takten, möchte den Passanten, die an ihr vorbeigehen kurz in die Augen blicken, nur kurz.
Wenn sie wieder in der Wohnung ist, gehen die Straßenlaternen an, gegenüber von dem Schlafzimmerfenster, angenehm gelbes Licht beherrscht den vorderen Teil des Raumes. Sie füllt den Kessel mit Wasser, stellt ihn auf die gleiche Herdplatte, auf den hinterlassenen Abdruck. Man könnte den Teekessel bald darauf brodeln hören, stände man vor der sperrigen grellweißen Tür. ( Und dann würde man auch sehen, dass seine Füße nie in diese glanzlosen Lederschuhe hineingepasst haben könnten. )
Draußen ist es Abend geworden, der Tag wird nur noch von den Straßenlaternen beleuchtet. Sie stellt sich vor das Schlafzimmerfenster und beobachtet die Menschen in ihren Anzügen, ihren dunklen Wintermänteln, mit bunten Plastiktüten unter den Armen, wie sie die Straße überqueren, wie sie die Eile mit in die Nacht nehmen. Es ist eine belebte Gegend, in die sie vor ein paar Jahren gezogen ist.
Vielleicht waren es auch nur Monate und vielleicht hat sie niemals woanders gewohnt, gelebt.
Das Fenster ist nur angelehnt, ein frostiger Wind strömt unermüdlich durch den schmalen Spalt und hinterlässt eine Gänsehaut. Im Nachthemd steht sie dort, ein dünner, eierschalenfarbener Stoff, umhüllt den mageren Körper. Das lange, blonde Haar weht langsam. Die tickende Wanduhr einen Raum weiter ist längst zum Teil der Stille geworden. Sie steht dort lange, bis ihre Füße ganz blutleer sind vor Kälte, bis das Licht aller zweiten Laternen erlischt.
Es ist eine ruhige Nacht. Der Wind hat sich zurückgezogen, der Mond zeigt sich nur noch als dünne Sichel.
Schlaflos liegt sie dort, in diesem viel zu großen Bett, das kaum durch die Wohnungstür gepasst hat, damals. Sie liegt dort alleine unter der breiten geblümten Decke mit kalten Füßen und ohne Träume.
Als er noch neben ihr gelegen hat, hatten sie einen Rollo vor dem Fenster. Um nicht vom Tag geweckt zu werden.
Stunden vergehen, dass man sie hören könnte, und sie wünscht sich den Sturm herbei, den Regen. Die kleinen Augen wach, geöffnet, starren an die Decke. Abdrücke von kleinen erschlagenen Schnaken auf dem dunklen Weiß. Nur noch mit zugekniffenen Augen sichtbar, zu erkennen.
Als der Tag kommt, steht sie schon in der Küche und füllt den Wasserkessel. Sie kocht ihren Tee, ihre Füße tragen sie in das kleine Bad, ohne Fenster. Man hört nur den surrenden Deckenleuchter, der Tageslicht wiedergeben soll.
Er hat sie nicht verlassen. Irgendwann lag er morgens einfach nicht mehr neben ihr und die Luft in der Wohnung roch anders. Er ist gegangen und seitdem stehen die Schuhe vor der grellweißen Tür. Glanzloses braunes Leder, viel zu klein für seine Füße. Vielleicht waren es einmal ihre Schuhe.
Es ist einer dieser Tage, an dem sie ganz fest glaubt, nicht befürchtet, dass er den Schlüssel ins Schloss stecken wird. In das Schloss der grellweißen sperrigen Wohnungstür.
Sie hat ihrem Körper langsame Bewegungen angewöhnt, damit sie ihn vor ihren Gedanken bewahrt, vor einem plötzlich schützt. Langsam sind ihre Schritte und ganz leise das Knarren des alten Holzfußbodens in den kleinen Räumen. Die Decken sind hoch, das Weiß der Wände schwindet allmählich in ein dreckiges Gelbgrau. Mit ihrer blassen Handrückseite zieht sie oft die Wölbungen der Raufaser nach, den leichten Schmerz merkt sie kaum mehr.
Sie trägt keine Schuhe, berührt den Holzboden stets mit ihren nackten Füßen, fühlt jeden Schritt ganz deutlich. Kleine braune Splitter suchen den Weg in das fahle Fleisch, durch die dünne Schicht Hornhaut und er hatte ihr damals Hausschuhe gekauft, ein Jahr später, vielleicht auch Monate, dicke Socken in dunkelgrün. Sie liegen im Schrank, hinter den schweren, leise quietschenden dunkelbraunen Türen, rechts oder links in der Ecke. Dort liegen Pullover, die schon lange nicht mehr nach Waschmittel riechen, längst nicht mehr nach ihm. Würde sie diese anziehen, blassgelb, haselnussbraun, grün, blutrot, könnte sie darin versinken, verschwinden, würde der Wollstoff ihren Körper umschließen, verschließen, unsichtbar machen.
Manchmal hat er ihr solch einen Pullover über die zarten, damals noch nicht hängenden Schultern gelegt und sein kleiner Mund hatte sich zu einem Lächeln geöffnet, seine Fingerspitzen waren erst über die weiche Wolle, die an ihrer empfindlichen Haut kratzte, gefahren und hatten dann den Weg über ihre Arme über den kleinen kindlichen Körper gesucht. Seine Hände waren immer sehr warm gewesen, ihre Haut schon immer blass, die Kälte leitend.
Heute führen ihre Schritte sie ins Schlafzimmer, die Morgensonne scheint schon längst in die Fenster der anderen Straßen, es fällt ein grauer Schatten in den rechteckigen Raum, erfüllt ihn. Die Schranktür quietscht etwas lauter heute. Es sind acht Pullover, darunter wenige Hemden, grellweiße T-Shirts, verwaschene Boxershorts, keine Jeans. Der Stoff des Hemdes ist hart, trocken, wie die flachen Steine, die so akkurat auf die Wasseroberfläche auftrafen, wenn er sie unermüdlich in den See warf. Sie zieht ein hellblaues Hemd an, es riecht nach altem Holz, vielleicht Mottenkugeln, nicht mehr frisch gewaschen. Es hängt kraftlos an ihren schmalen Schultern, an denen die Schulterblätter stets hinausstehen, hinab.
Als es heute klingelt, hockt sie auf dem kalten Holzboden, ohne dass er knarrt, hat ihre rauen Knie an den kleinen Körper angezogen, sie berühren den kalten Stoff, der an ihr nicht warm wird. Langsam steht sie auf, hebt ihren Blick ab von dem großen, viel zu großen Bett, und schleicht zu der grellweißen sperrigen Tür. Der Teekessel steht auf dem Herd, kalt, leise. Es riecht heute anders in den vier Räumen, deren Türen sie immer offen stehen lässt, einen großen Spalt breit. Vielleicht riecht es nach dem Stoff an ihrer Haut, vielleicht riecht es etwas nach ihm.
Sie lehnt ihren kleinen Kopf an die sperrige Holztür, die Kälte des weißen Lackes erinnert sie kurz daran, wie sie damals, direkt nach dem Aufstehen, eiskalt duschten, ihre Stimme quiekte wie ein Jungtier. Sie lauscht. Es ist eine andere Stille, die aus dem Treppenhausflur strömt. Dann suchen ihre Augen, sie sind so grau wie der Asphalt in einer frühen Sommernacht, den Weg durch das kleine Guckloch und finden seinen Blick, ein dunkelgrün leuchtendes Meer, Ostseeküste.
Sie merkt, wie ihr Atem schneller geht, wie ihr Herz sich beeilt, um so schnell schlagen zu können, wie ihre Gedanken durch ihren Körper schießen. Sie sieht sein Lachen, den Abdruck der Kopfkissenfalten auf seiner unrasierten Wange, sie sieht ihn am Bahngleis stehen, als ihr Zug mit quietschenden Bremsen in die Stadt einfährt, sie sieht ihn über einem Buch eingeschlafen, ruhig atmend. Schnell wendet sie den Blick ab, lehnt ihren Rücken, die herausstehenden Schulterblätter gegen die Wohnungstür, atmet ein, länger nicht aus. So steht sie da, anders als sonst, und doch schlafen ihre Beine nach einiger Zeit ein, sackt sie irgendwann langsam zusammen, hockt schließlich mit angezogenen rauen Knien am Boden der sperrigen Tür, der warme Kopf drückt gegen den kalten weißen Lack.
Sie ist nicht eingeschlafen und doch wird sie wach, als seine Stimme anfängt zu sprechen. Sie hört sich anders an, ein bisschen verwaschen vielleicht, unsicher und doch fest. Sie hört nicht, was er sagt, nur die tiefe Stimme, die manchmal in ihren Träumen erklang, etwas anders. Irgendwann zieht sich an der novemberkalten Türklinke hoch, richtet sich auf, streicht blonde Haarsträhnen hinter ihr linkes Ohr und öffnet die Tür. Sie sieht den Flur, die sechsundsiebzig Stufen, die unaufhörlich nach unten führen, kein Mensch ist zu sehen. Doch die braunen Lederschuhe, glanzlos, stehen nicht mehr dort. Und auf den sechsundsiebzig Holzstufen erkennt sie leichte nasse Fußabdrücke. Von großen Füßen. Ihr Körper möchte sich der Schnelligkeit, mit der sie in die Küche läuft, widerstreben, doch er gibt schließlich auf, als sie vor dem großen Küchenfenster steht, ihr Blick den schweren Regentropfen folgt, die den Hinterhof noch grauer verfärben, den roten Ball irgendwo dort unten sauberwaschen.
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