08.05.2008 - 19:00 Uhr

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Fotografieren und fertig machen: Wie der britische Tunichtgut bekämpft werden soll

Text: meredith-haaf

Die Regierung von Großbritannien ist unbeliebt. Mit der so genannten Frame and Shame-Kampagne will sie ihr Image aufpolieren: Potentiell kriminelle Jugendliche sollen in den nächsten Tagen von der Polizei massiv bedrängt werden

Aus der Geschichte bekannt ist das Phänomen Stellvertreterkrieg: Um die verheerenden Konsequenzen einer direkten Konfrontation zwischen zwei Großmächten zu vermeiden, führt eine der beiden einen Kampf gegen eine strategisch vermeintlich bedeutungslose Ersatzmacht. Der Einsatz gegen Rüpelhaftigkeit und Mangel an Respekt unter der Jugend einer Nation ist des in Bedrängnis geratenen Politikers liebster Stellvertreterkrieg. Das wissen wir bereits seit Roland Koch und dem hessischen Wahlkampf. In Großbritannien aber reitet Innenministerin Jacqui Smith das Popularitätsvehikel Ruhe-und-Ordnung“ gerade im Formel-Eins-Tempo. Sie hat angekündigt, dass die Polizei in den nächsten Tagen großflächig „asoziale Jugendliche“ massiv „belästigen“ würde. So genannte „Frame and Shame“-Aktionen seien geplant. Dabei fotografiert und befragt die Polizei verdächtige junge Menschen über mehrere Tage lang regelmäßig und führt Hausdurchsuchungen und Personenkontrollen durch, teilweise mehrmals am Tag. Zudem werden Action Squads gebildet, also Gruppierungen von freiwilligen Asozialen-Überwachern. Tatsächlich hat Großbritannien ein Problem mit seinen wütenden jungen Männern, oder Yobs, wie sie auch genannt werden. Laut Umfragen trinken 42 Prozent der 13-Jährigen Kampf; die die Waffengewalt unter Jugendlichen hat beträchtliche Ausmaße angenommen – zumindest in der Wahrnehmung der Briten. Vor allem im letzten Jahr kamen einige Kinder durch Schießereien und Messerstechereien ums Leben, was von den Medien als Trend gewertet und von der Bevölkerung als massive Bedrohung empfunden wird. Statistisch gesehen ist die bewaffnete Gewalt zwar eher zurück gegangen. Doch das ändert nichts daran, dass sich der Bürger vom sozial benachteiligten jungen Mensch an sich bedroht fühlt. Auch deswegen ist die britische Labour-Regierung gerade ziemlich in der Krise. Außer einem unbeliebten Premierminister und einer schwachen Wirtschaft hat die Labour-Partei zuletzt extreme Verluste in den Kommunalwahlen hinnehmen müssen.
Da dachten sie noch, Tony Blair wäre ihr einziges Problem: Wütend: Gordon Brown, daneben Jacqui Smith Ganz besonders plagt die Briten das Problem der „asocial behaviour“: Vor zehn Jahren führte das Parlament so genannte ASBOS (Anti-Social Behaviour Orders) ein, Anordnungen, die jedem Bürger ausgesprochen werden können, der sich daneben benimmt. Allerdings wird ihm dabei nicht das daneben benehmen an sich untersagt, sondern alle Handlungen die ein solches Verhalten begünstigen könnten. Beispiel: In einem kleinen Dorf fühlten sich mehrere Anwohner dadurch gestört, dass sie ihre Nachbarin halbnackt sahen, als diese in Unterwäsche durch ihren Garten lief. Also erhielt sie eine Anordnung, sich in Zukunft nicht in Unterwäsche in die Nähe ihres Fensters zu begeben. Auch arme Familien, in denen Kinder oder Eltern nach Ansicht ihrer Umgebung heruntergekommen wirken, haben schon ASBOS erhalten. In Großbritannien wird der Staat zunehmend zum Erzieher. Der älteste Empfänger einer ASBO ist 87, aber selbstredend erhalten vor allem ungehobelte und grenz-kriminelle Jugendliche und ihre Eltern solche Anordnungen. Doch ihren Zweck scheinen sie trotzdem zu verfehlen – nach Medienberichten gelten ASOS unter jungen Leuten oft als eine Art Orden der Coolness. Es gäbe also Anlass die Praxis an sich zu hinterfragen und es vielleicht statt mit Repression doch noch mal mit Ursachenforschung und Prävention zu versuchen. Doch scheint es Jacqui Smith je für angebracht zu halten, jugendliche potentielle Straftäter mit Staatsgewalt zu bedrohen. Denn die ist laut, auffällig und erweckt den Anschein, als würde der britische Staat nun doch etwas für seine Bürger tun. Auch wenn es nur ist, dass er einen Teil von ihnen psychisch fertig machen will.


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lea2
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Mag ich Mag ich nicht

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08.05.2008 - 19:44 Uhr
lea2

"Der älteste ASBO-Empfänger ist 87"
Empfänger? klingt als wäre ASBO ne Sozialleistung. was hat der gute denn gemacht um ASBO zu beziehen?

meredith-haaf
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08.05.2008 - 19:50 Uhr
meredith-haaf

da hast du recht, ich habs geändert. der herr hat wohl seine nachbarn beschimpft.

schwarzfeder
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Mag ich Mag ich nicht

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08.05.2008 - 20:56 Uhr
schwarzfeder

Das britische Strafrecht ist immer wieder ein Grund zur Freude!
Bizarr ist für Kontinentaleuropäer insbesondere das Schwanken zwischen Einzelfallbezogenheit einerseits und inhaltlicher Unbestimmtheit andererseits. So gibt es seit Mitte der 90er zB im Criminal Justice and Public Order Act von 1994 Sondervorschriften über Raves, dort wurde die entsprechende Musik definiert als: "sounds wholly or predominantly characterised by the emission of a succession of repetitive beats."
Andererseits gibt es inhaltlich völlig unbestimmte Sanktionsnormen ("Public nuisance", "affray") die zum Teil nicht mal gesetzlich irgendwo festgehalten sind (z. B. "Breaking of the Peace"). Das gleiche gilt für die im Artikel geschilderten Fälle. Antisoziales Verhalten wird in dem Gesetz definiert als "a manner that caused or was likely to cause harassment, alarm or distress to one or more persons not of the same household as himself".
Damit sind einer extensiven Auslegung natürlich Tür und Tor geöffnet, weil darunter so ziemlich jedes Verhalten fällt, was zumindest der Mehrheit nicht passt und daher überhaupt nicht vorhersehbar ist, welches Verhalten eine ASBO nach sich zieht. Und weil in zumindest in England jeder seine Anwaltskosten grundsätzlich erst einmal selbst trägt, trifft eine solche Regelung dann letztlich die, die sich nicht wehren können. Daher ist die Regelung schon allein aufgrund ihrer Technik strukturell ungerecht, selbst wenn man der Meinung sein sollte, dass der Staat so massive Eingriffsrechte ausüben darf.
In Deutschland ist das ja zum Glück zur Zeit so nicht möglich.

lea2
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Mag ich Mag ich nicht

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08.05.2008 - 23:19 Uhr
lea2

wobei, das "empfänger" kann man auch als feinsten zynismus lesen und hat mich zugegeben erheitert ;)
und zu dem artikel, ich dachte da spontan an die äußerungen des herren sarkozy, als er noch innenminister (?oder) war, als in frankreich die jugend auf krawall gebürstet war

__xxx__
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Mag ich Mag ich nicht

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09.05.2008 - 08:59 Uhr
__xxx__

Die Grundidee an sich hört sich gar nicht so doof an, das köönnte tatsächlich Wirkung zeigen. Nur ist es leider mit einem riesigen Aufwand verbunden und daher schwierig längerfristig so zu betreiben.

101
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Mag ich Mag ich nicht

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09.05.2008 - 10:28 Uhr
101

abgesehen davon, dass schon obelix wusste, dass die briten spinnen, ist 'tunichtgut' my word of the day (hört sich auch auf dt. bedeutend besser an als 'scallywag').

joni
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Mag ich Mag ich nicht

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09.05.2008 - 10:42 Uhr
joni

101 sagte:
abgesehen davon, dass schon obelix wusste, dass die briten spinnen, ist 'tunichtgut' my word of the day (hört sich auch auf dt. bedeutend besser an als 'scallywag').


"wort des tages" hört sich auf deutsch auch bedeutend besser an als 'word of the day'

;)

101
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Mag ich Mag ich nicht

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09.05.2008 - 15:33 Uhr
101

verflixt, stimmt...

lilja4ever
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Mag ich Mag ich nicht

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09.05.2008 - 21:50 Uhr
lilja4ever

hups, hoffentlich gerat ich nicht in deren visier ;-)

Emil_Empire
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Mag ich Mag ich nicht

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10.05.2008 - 10:10 Uhr
Emil_Empire

Ich finde das Vorgehen völlig ok. Wenn diese jugendlichen Intensivtäter die Gesellschaft terrorisieren dürfen, dann kann die Gesellschaft auch derart zurückschlagen. Und nicht bloß die tausendste Kuschelverwarnung oder Actiontrips in die USA bezahlen.

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meredith-haaf

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