05.05.2008 - 14:30 Uhr

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Das mit Anne und Nora. Eine Mitfahrgeschichte

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

In diesen Tagen erscheint das Buch Von A nach B plus X - Geschichten von der Rückbank, das jetzt.de gemeinsam mit dem Berliner Taschenbuchverlag herausgibt – elf Autoren schreiben darin über ihre Erlebnisse beim Reisen mit der Mitfahrzentrale. Hier die Geschichte „Das mit Anne und Nora“ von Max Scharnigg.

Drei Am Barbarossaplatz ist Nora ausgestiegen. Ich glaube, ich habe etwas wie „Also dann!“ gesagt und dabei trauriger geklungen, als ich es mir erlaubt hatte und Nora hat mit dem gleichen Strahlen „Ciao“ gerufen, mit dem sie vor vier Stunden eingestiegen war. Jetzt ist sie weg. Ich würde gerne wissen, warum mir das immer so einseitig vorkommt, wenn ich jemanden toll finde. Und ich will wissen, was Nora jetzt gerade denkt. Ob es etwas wie „Netter Typ, bisschen nervig“ ist. Etwas also, das ich ja selber dauernd von anderen denke. Oder ob sie nur damit beschäftigt ist, die Straße zu suchen, in der die Freundin wohnt, die sie seit zwei Jahren nicht gesehen hat. Ob sie dieser Freundin vielleicht heute Abend nach dem Essen sagen wird, dass sie Mitfahrgelegenheit ganz okay war. Ich höre ganz genau, wie sie diesen Satz sagt. Und weil es in meinem Kopf so überzeugend geklungen hat, versuche ich mir einzureden, dass es genau jetzt gut ist mit Nora. Dass diese netteste Autobahnfahrt aller Zeiten genau das Höchste war, was ich erwarten konnte. Ich war die Mitfahrgelegenheit. Um mich abzulenken, denke ich an Anne. Das funktioniert gut, ich werde auch gleich ein bisschen sauer. Sie hat sich immer noch nicht gemeldet, auf meine Ankomme-SMS nicht und nicht auf das, was ich ihr auf den Anrufbeantworter geredet habe. Bei den Proben müssen Handys aus sein, oberste Regel. Sarahs WG ist am Eigelstein. Die Adresse hatte ich im Stadtplan gesucht und ausgedruckt, ich bin schon fast da. Es erscheint mir aber klug, nicht direkt mit der Familienkutsche vor die Tür der Frauen-WG zu fahren und Anne raus zu ziehen, wie eine Haarspray-Mutter ihrer Tochter aus der Disco. Mir fällt ein, dass ich gar nicht genau weiß, was jetzt passieren soll. Eigentlich wollte ich mir das während der Autobahnfahrt überlegen, aber das ging nicht wegen Nora. Ich parke vor einem Döner-Laden mit Kunstblumenstrauß im Schaufenster. Neben dem drehenden Spieß stehen zwei junge Türken und sehen mich an wie einen, der aus einem dicken Audi mit Hannoveraner-Kennzeichen aussteigt. Mir ist das sofort peinlich und ich bediene mit zu großer Geste die Funk-Türverriegelung, als wäre es eine Waffe, die ich auf das Auto richte. Das angeschossene Auto blinkt zweimal. Das Wetter hier ist wie in Hannover, nur mit einer etwas stumpferen Wärme, könnte auch Norditalien sein. Ich laufe los, ein Gefühl im Bauch, wie vor einem Arzttermin. Annes Handy ist immer noch aus. Sie proben bei Sarah in der WG, weil natürlich niemand bei diesem Frauenfestival für irgendetwas Budget hat. Da jetzt reinzuplatzen wäre jedenfalls gar nicht gut. Eigentlich ist das alles schrecklich undurchdacht. Anne muss in zwei Tagen auf einer Frauen-Bühne stehen, ich muss endlich die beiden Wohnungen besichtigen, und dafür müsste ich wohl besser ein Hotelzimmer nehmen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich in dieser WG schlafen kann, ist klein. Gleichzeitig ist das, was ich hier anbahne irgendwie nicht angemessen. Diese überstürzte Fahrt nach Köln, das passt nicht zu der alten Anne-und-Jan-Geschichte, das ist als hätte ein anderer Drehbuchschreiber die Serie übernommen und alle Gags überzeichnet. Ich muss stehen bleiben und denke genau das: Du musst stehen bleiben. Neben mir ist eine kleine Grünfläche, die weiter hinten von einer kniehohen Backsteinmauer umschlossen wird. Park ist das noch keiner. Unter einem Baum sitzt eine dicke Obdachlose vor einer kleinen bläulichen Flamme aus einem Spiritusbrenner und grillt sich etwas, das aussieht wie Putenspieße. Hinter der Dicken krabbeln ein paar Kinder herum. In Hannover habe ich noch nie gesehen, wie Obdachlose ihr Essen zubereiten, aber es erscheint mir logisch, dass sie dabei oft grillen. Die Frau hat mich bemerkt und nickt mir jetzt freundlich zu. Ich mache eine halbe Bewegung mit der rechten Hand und gehe fast im selben Augenblick weiter. Als ich in die Sarah-Straße einbiege, bin ich wieder ruhiger. Ich habe ich mir eingeredet, dass ich vor allem wegen der Wohnungen nach Köln gefahren bin und weil ich die Zukunft von Anne und mir plane und nicht um zu kontrollieren, was meine coole Freundin eigentlich treibt. Ich habe ein Kölsch gekauft, in einem dieser Kioske die hier überall sind und habe es gleich an einem Stehtisch aus Plastik getrunken, obwohl ich das sonst nie mache. Dann habe ich die beiden Vormieter angerufen und Termine mit ihnen ausgemacht, einen noch heute Abend und den andere morgen, ziemlich früh. Es ist halb fünf. Der Kiosk mit dem Kölsch hatte Hausnummer 17, jetzt stehe ich vor der 7, wo Sarah wohnt. Die WG ist auf dem Klingelbrett nicht schwer zu finden – nur eine Partei hat mit roter Plakafarbe die Namen der Bewohner hingeschmiert, nur Vornamen natürlich. Sarah, Katha, Ines und Jana wohnen also da. Ganz kurz denke ich, ich fände auch ein „Anne“ ganz frisch hingemalt, aber das wäre ja sehr albern. Ich drücke auf die Klingel und horche in das Haus, höre nichts. Die Hand habe ich am Türknauf, als Kind hatte ich immer wahnsinnig Angst davor, eine vom Summer geöffnete Tür nicht rechtzeitig zu erwischen. Die Haustür gibt nach, aber es hat nicht gesummt. Im Treppenhaus riecht es nach eingeschweißter Frischwurst aus dem Supermarkt, die es bei uns daheim niemals gegeben hat, da kam immer alles vom Metzger, eingeschlagen in Zellophan und braunes Umwickelpapier. Ich habe vergessen, mir anhand der Klingelposition auszurechnen, in welchem Stock die Wohnung ist, aber auch das ist kein Problem, nur eine Tür ist mit Aufklebern tapeziert, davor stehen viele kleine Stoffschuhe und ein voller Müllsack, der oben zugeknotet ist. Die Tür zur WG ist nur angelehnt, so was hasse ich. Ich klopfe, erst vorsichtig dann etwas mehr. Thomas wäre schon längst drin. Er hat auch keine Probleme einfach in irgendein Geschäft zu gehen und zu fragen, ob er schnell aufs Klo darf. Er appelliert in jedem an den Menschenfreund und wenn man mit Thomas unterwegs ist, hat man ständig irgendwelche Typen im Schlepptau, die Thomas an der Ampel oder in der Straßenbahn angequatscht hat und denen er leutselig anbietet, mitzukommen. Das endet dann immer darin, dass sich Thomas „total interessant“ mit der halben Welt unterhält und ich irgendwann nach Hause gehe, weil die Aufgegabelten natürlich immer die totale Katastrophe sind. Ich gehe rein. Der Flur ist ein einziger Wandschrank, vier Meter lang und rot und gelb bemalt. Aus dem nächsten Raum kommen Stimmen, da gehe ich hin. Es ist die Küche, an einem dunklen, alten Tisch sitzen zwei Mädchen. Die eine trägt ein ärmelloses T-Shirt auf dem „Stella“ steht, die andere einen Kapuzenpulli und kurze schwarze Haare. Sie sehen mich an, als wäre ich der Mann mit der Räumungsklage. Ich sage „Hallo, sorry, die Tür war offen, ich bin der Freund von Anne und bin gerade in Köln und wollte mal vorbeischauen. Ist sie, äh, seid ihr fertig mit Proben?“ Die beiden starren mich an, aber eher gelangweilt als erschrocken. Ein paar Sekunden lang sagt niemand was, dann sagt die mit dem T-Shirt: „Anne ist da“ und deutet mit dem Finger wieder in den Gang aus dem ich gekommen bin. Sie lächeln nicht, deswegen drehe ich mich gleich wieder um, sage, schon mit dem Rücken zu ihnen und etwas sehr unternehmungslustig: „Prima, sorry, danke!“ und stehe wieder im Gang. Dass er neben der Wohnungstür noch in die andere Richtung weitergeht, hatte ich vorher überhaupt nicht gesehen, aber da sind noch drei Türen. Zwei von ihnen stehen offen, ich sehe Schreibtische, Betten und viel Papier auf dem Boden, Zettel und Bücher und geheftete Mappen. Wie ich so im Halbdunkel vorsichtig in diese Zimmer sehe, komme ich mir, wie schon eben am Klingelbrett vor, wie in einem schwachsinnigen deutschen Fernsehfilm, in dem der unbedarfte Ehemann auf der Suche nach seiner Frau in einer Drogenhölle landet und sich dort linkisch benimmt, um schließlich seine Frau zu finden, wie sie gerade mit einem Lederjackenträger rummacht. Weil ich das schon vorher denke, kann es mir nicht passieren. Das habe ich mal irgendwo gelesen und bis jetzt hat es immer funktioniert. Von einer Drogenhölle ist die Mädchen-WG zwar weit entfernt, aber riechen tut es immerhin auch nicht gut. Ich klopfe an die geschlossene Tür und öffne sie dann, denn die anderen beiden Zimmer waren leer. Anne muss hier sein. Anne ist da. Sie sitzt am Boden auf einer Matratze, auf der eine Ikea-Bettwäsche liegt. Ich sehe sie und ich sehe, dass etwas nicht stimmt, alles ist unnatürlich. Das ist das Allererste, was ich denke: unnatürlich. Anne ist nackt, ihre Brüste sehen mich an und auch ihr Kopf. Das bannt mich so reflexartig, genau wie eine Nackte auf dem Stern-Cover und ich schaue erstmal Anne an, wie irgendeine nackte Frau und es dauert ein paar Sekunden, bis wir wieder atmen und bis ich sie richtig erkenne und weiß: Ja, das ist Anne, meine Freundin, die ich seit vier Wochen nicht gesehen habe. Aber etwas stimmt nicht und dann fliegt alles in mir durcheinander. Anne sitzt auf einem Mann. Die beiden sind in der Bewegung erstarrt, ich sehe seine Hände, wie sie von hinten ganz schlaff auf Annes Hüftknochen liegen. Irgendwo in der Nähe fährt ein Martinshorn vorbei. Ich begreife, dass die Füße, die unter Anne vorkommen und in meine Richtung zeigen, seine Füße und auf der Unterseite gelb sind. In dem Moment in dem mir das bewusst wird, stehe ich schon wieder vor dem Wandschrank. Unten, auf der Straße, ist Luft.
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ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

Das Problem ist der Konsens.