04.05.2008 - 00:13 Uhr

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Be Brat, be Wurst, BBQ Berlin

Text: alcofribas

Das kulturelle Programm meiner Stadt hat ja von Berlinale über Oper bis hin zu Knut einiges in Petto. Filmpremieren, Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Museen, Architektur in Hülle und Fülle, für jeden Geschmack ist gesorgt, für jede Nische etwas geboten.

Doch die wahren Perlen der guten Unterhaltung, so weiß ich seit heute, finden sich abseits des Mainstreams, das Echte und Wahre blüht im Verborgenen. Seit mir der wohlmeinende Zufall vor einiger Zeit einen Flyer der Berlin Barbeque 2008 (sic!) vor die Füße wehte. Das dort angekündigte Programm - unter anderem „Showgrillen mit Axel Schulz“, „Fettlöschvorführung der Berliner Feuerwehr“ und nicht zuletzt der Showact „Ulli und die grauen Zellen“ schienen mir in toto so bizarr, der Eintrittspreis (umsonst) so günstig und die Location (Bundespressestrand) so mondän, daß meine Teilnahme gebucht war. Zudem sollte der bei solchen Gelegenheiten ubiquitäre Regierende ein Grußwort sprechen und die ersten 1000 Besucher konnten sich auf BBQ-Shirts freuen. Hin da!

Die für Berlin unschlagbare Mischung Bratwurst-Wowereit-umsonst ließ ein hohes Besucheraufkommen erwarten, so daß meine ebenso feingeistige und kulturbeflissene Begleitung und ich uns schon kurz nach halb elf des Vormittags einen Platz mit Blick auf die Bühne (wegen Axel & Klaus), nicht zu weit vom Tresen (wegen Durst) und im Schatten (wegen Tresen) sicherten.

Es passierte: nichts.



Ein für Mitte eher untypisches Publikum war uns gefolgt, keine Porno- sondern Kassenbrillen, keine Schnäuzer von 2008, sondern solche von 1989, keine Retroklamotten aus der Kastanienallee, sondern aus Vatterns Kleiderschrank. Der Erhabenheit des Moments ist es geschuldet, daß ich nun ins historische Präsens wechsle.

Kurz nach elf betritt der erste, nunja, „Promi“ die Szene. Es handelt sich um den Bezirksbürgermeister, der, Schicksal des Lokalpolitikers, keinen der Anwesenden kennt, und der, auch das Schicksal des Lokalpolitikers, von keinem erkannt wird. Ich kenne ihn, er mich nicht, das hilft uns beiden aber nicht weiter. Er raucht erstmal eine.

Auf der Bühne passiert etwas mehr als nichts, es werden nacheinander die Juroren, Teams und Teamleiter des stattfindenden Wertungsgrillens ins „VIP-Zelt“ gerufen. VIP ist man hier, wenn man entweder einen Bauch, ein halbweltartiges Aussehen oder vormittags schon eine Fahne hat. Scheint mir. Ditt janze wird aber auch schon vom Obergriller eröffnet, er begrüßt die „anjereistn“ Teams, die so traumschöne Namen wie die „Schleusenhexen“ (aus Oberhausen), „Saar-Be-Crew“ (Saar) oder „Hanseatischer BBQ-Club“ (Hamburg) tragen. Letzere mag ich wegen des durchscheinenden Understatements, küre aber die Saar-Be-Crew zu meinen Favoriten, ist doch des Saarländers Liebe zum Gegrillten Teil meines genetischen Codes.

Die Gourmet-Griller Pforzheim überreichen Axel Schulz eine Magnumflasche Rieslingsekt („mit Goldflöggle drin, könnetse an unserem Schtand auch verkoschte“), der Bezirksbürgermeister tut, was er tun muß, er dankt den Anwesenden für das schöne Wetter, das sie „mitgebracht haben“ und verliest das Grußwort des Regierenden, der leider nicht kann und bekommt dafür auch einen Magnumflasche Goldflögglesekt. Cheers. Wir beschließen, uns unters Volk zu mischen. Ein dialektaler Verwandter des Goldflögglemanns drückt uns einen Flyer für einen Grill in die Hand, der nur wenig stabiler als der Flyer selbst scheint, es wird sehr viel Aufwand betrieben, für den „Frizzler“. Ergriffen von soviel helvetischem Erfindergeist frage ich nach dem Preis...“Zwoi Schdigg 6 Euro“. Boah. Ich stecke den Flyer ein und komme zu spät drauf, daß diese Wunderwaffe genau die richtige Größe für meinen Balkon hat.





Nun ja, immer vorwärts, nie zurück, es geht zum Stand des „Thüringer Bratwurstmuseums“. Man kann an einem Glücksrad drehen und es locken unschlagbare Preise: besagter Minigrill, diverse Saucen und ein Überraschungspreis, der kryptisch als „Schnitzbrett“ angekündigt wird. Ich bin neugierig, drehe und sage: „Schnitzbrett“. Ich bekomme: ein Brett. 3 Millimeter dick, etwa 20 auf 30 Zentimeter, unbehandelt, splitterig, ohne sichtbaren Verwendungszweck. Aber gewonnen ist gewonnen und ich stecke es ein.


Am selben Stand kann man noch ein Quiz zum Werden und Wesen der Bratwurst machen. Das Lösungswort lautet: B_R_A_T_W_U_R_S_T. Nochmal gepunktet, denke ich und überlasse das dafür ausgestellte „Bratwurstdiplom“ generös meiner Begleitung. Der Bratwurstmann sagt: „Mit dem Bratwurstdiplom und unter Vorlage ihres Personalausweises bekommen Sie in ganz Deutschland umsonst soviel Senf zur Wurst wie Sie wollen. Das haben wir durchgesetzt“ - und meint das ernst. Ich bereue meine Großzügigkeit und überlege mir verschiedene Wege, mit einem auf einen eindeutig weiblichen Vornamen ausgestellten Bratwurstdiplom Senferschleichung zu begehen.

Doch Berlin wäre nicht Berlin, gäbe es nicht ooch wat umsonst: einmal natürlich das oben genannte BBQ-Shirt, mit „BBQO8“ aus der Brust und „We start the fire“ auf dem Ärmel, zum anderen palettenweise Grillsaucen eines der Hauptsponsoren des Events, wir nehmen dankend an und laden - dem Beutelrattentrieb, nicht dem eigenen Bedarf folgend - von jeder Sorte eine Flasche in unseren Souvenirbeutel, wo sie sich zu Schnitzbrett, Bratwurstdiplom und Minigrillflyer gesellen.

Auf der Bühne doziert ein Feuerwehrmann zum Thema „Fettbrand“ („ditt vasteht sich von selbst, wa, dasset rischtisch is, immer nen Eimer Wasser jriffbereit su ha‘m, falls sisch im Jrillverlauf Probleme mit Jrill- oder Zündjut auftre...zeijen tun...alladings ratenwa dringenst davon ab, sisch entsündendes Fett oder Öl oder fett- oder ölartije Brennmatrialljen mit Wassa su löschn, hier ist Sand anjezeigt, den man ebenfalls bereithalten sollte. Ein aussa Kontrolle jeratenes Jrillereignis kann sisch su einem Jartn- oda Wohnungsbrand ausdehnen, in solschn Fälln is unbedingt die Feuaweah su vaständijen“) Word.

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf, die Feuerwehr löscht in Schutzanzügen sisch entzündet habendes Jrilljut, der Grilleuropameister der Sektion „Fisch“ spritzt Hackfleisch auf alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist (Kräcker, Zwiebeln, Salzbrezeln, Sauerkraut, Brokkoli(„Es gibt KEIN Lebensmittel, das man nicht grillen kann! Merken Sie sich das!“), Axel Schulz signiert Kochbücher, Goldflögglesekt fleißt in Strömen, die „Samba-Kids“ trommeln alles in Grund und Boden, Mitte-Styler, die sich eigentlich zum Latte treffen wollten, treten verschreckt den Rückzug an und endlich gibts auch was zu essen.

An der Vorspeise (Lachs in Zandermousse mit Blattspinat im Blätterteig und Grillaustern) ist nichts zu bemängeln, allein der Parmesanreis hat eine Nuance zuviel Bindung, der Hauptgang (Entenbrust mit Steinpilzfarce an gefüllter Tomate) kann solide überzeugen, wenn auch der Orangenjus den Steinpilz zu sehr dominiert, das Finale furioso (gegrillte Eisbombe auf Fruchtspiegel) rundet schön ab. Den Schwein- und Rind-Gang haben wir übersprungen, besser war es, an der Spree zu sitzen und den Riesling (fruchtig, im Abgang etwas übertrieben) sich setzen zu lassen und das be-BBQ-Berlin-Gefühl zu pflegen.

Nächstes Jahr melden wir uns als Jury an.


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Taugenichtse
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Mag ich Mag ich nicht

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04.05.2008 - 08:02 Uhr
Taugenichtse

geil.

kallisto
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Mag ich Mag ich nicht

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04.05.2008 - 10:21 Uhr
kallisto

Für dich wäre doch auch sicher "Bruce, der Balkongrill" etwas...
http://www.design-3000.de/oxid.php/sid/3...

eisengrau
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04.05.2008 - 12:06 Uhr
eisengrau

hehehehe: *Brennpaste entzünden. Brennt ca. 15-20 Minuten. Guten Appetit!*
aua!

kikuju
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04.05.2008 - 12:19 Uhr
kikuju

hahahahahaha :)

aber sag, die pforzheimer haben geschwäbelt?
saubande!

fatman
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04.05.2008 - 12:27 Uhr
fatman

Sicher nicht. Aber die Unterscheidung bzw. lauttreue Wiedergabe des Badischen würde hier ja die Metropolenbewohner überfordern.

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Mag ich Mag ich nicht

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04.05.2008 - 12:28 Uhr
fatman

Aber der Grill ist toll, der paßt auch auf meinen Balkon.

meredith-haaf
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04.05.2008 - 13:37 Uhr
meredith-haaf

das beste an dem grill ist ja:
brandneu! "brand"-new! flambant-neuf!

AllesOderNichts
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Mag ich Mag ich nicht

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04.05.2008 - 14:11 Uhr
AllesOderNichts

wusstest du, dass ich ein bierologiediplom hab? noch aus schulzeiten. schöner ausflug in eine faszinierende parallelwelt.

kikuju
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Mag ich Mag ich nicht

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04.05.2008 - 18:34 Uhr
kikuju

ich habe ohne scheiß heute jemand mit dem shirt gesehen!

zuum glück weiß ich, wie du aussiehst und dass du es nicht warst!

barbecueman
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Mag ich Mag ich nicht

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04.05.2008 - 20:16 Uhr
barbecueman

herzlichen dank für den köstlich-ignoranten beitrag!

das internet ist schon ein praktisches medium:
zu hause, annonym & versteckt können wir unsere großstadtneurotische kontaktscheu so richtig ausleben. frustriert von der welt können wir jedem eine reinhauen, in der hoffnung, nach dem beitrag geht es uns besser. die hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt...

sollten sie jedoch nicht nur pseudointellektuell brandschatzend durch die welt laufen und wirklich wissen wollen, wozu das zedernholzbrett gut ist und lassen sie es mich wissen. auch meine hoffnung stirbt zuletzt...

feurige grüsse von
sven dörge
veranstalter der "berlin barbeque 2008"

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