In ihrer Not ruft die Musikindustrie nach dem Staat: Der Jurist Prof. Hoeren über geistiges Eigentum in der digitalen Welt
"Ich habe langsam die Nase von den Frechheiten der Musikindustrie voll", schrieb der Medienrechtler Professor Thomas Hoeren in seinem Blog als er in der vergangenen Woche den Offenen Brief las, den rund 200 Künstler an Bundeskanzlerin Merkel schrieben. Darin forderten sie - anlässlich des Tages des Geistigen Eigentums - die Kanzlerin soll "den Schutz kultureller Werke in der digitalen Welt zur Chefsache machen". Zu den Unterzeichnern zählen Herbert Grönemeyer, Julia Frank, Bernd Eichinger, Tokio Hotel und andere. Für Thomas Hoeren sind die Künstler Haussklaven der Musikindustrie. Der Professor, der am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht in Münster arbeitet, kritisiert ihr Vorgehen scharf. Im Gespräch mit jetzt.de erläutert er die Gründe
In einem Interview fordert Dieter Gorny, der Chef des Bundesverbands Musikindustrie, für die Benutzung des Internets eine Art Straßenverkehrsordnung. Nutzer, die sich falsch verhalten, sollen wie Autofahrer Punkte in Flensburg bekommen. Und bei Wiederholung soll man ihnen auch das Internet sperren. Was halten Sie davon? Das ist absurd. Man merkt an solchen Phantasien: Denen fällt nichts mehr ein. In ihrer Not ruft die Musikindustrie nach dem Staat. Auch die Telekommunikations-Industrie, also die Provider wie Alice oder Arcor, soll sanktioniert werden. Und dabei wird mit Zahlen argumentiert, die niemand verifiziert hat und die auch nicht stimmen können. Die behaupten, dass 70 Prozent des gesamten Internet-Verkehrs durch Musik-Tauschbörsen zustande kommen. Das sind fiktive Zahlen und da muss man auch mal die Telekommunikations-Industrie in Schutz nehmen. Es gibt genügend Studien, die belegen, dass der Ruf nach Sperrung nicht taugt. Das geht technisch nicht und ist auch wirtschaftlich nicht effizient machbar, weil Hacker sofort einen Weg finden, um eine Sperrung zu umgehen. Aber was könnte dann eine Lösung sein? Da muss man langfristig denken. Und das fällt einer Industrie, die kurzfristig ihre schwindenden Zahlen sieht, natürlich schwer. Man muss langfristig dahin kommen, das erodierende Urheberrechtsbewusstsein in der Bevölkerung wieder aufzubauen. Es geht nicht darum, dass ihr ans Urheberrecht denken müsst, weil ihr sonst bestraft werdet. Sondern: ihr müsst ans Urheberrecht denken, weil es euch selbst betrifft. Das setzt aber voraus, dass sich die Vergütungsstrukturen der Musikindustrie ändern. Man hat ja manchmal das Gefühl, dass von den 19 Euro für eine CD 18.99 Euro für den Konzern sind und der Künstler gar nichts kriegt. Die Leute sind doch bereit den Künstler was zu zahlen, aber eben nicht den Großkonzernen, die so ein schlechtes Image haben.
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