Das Rechtschreibtodparadoxon
Text: hoch21
(oder: Die Auschwitzlüge der modernen Deutschdidaktik)
Über Menschen die sich wöchentlich einen neuen Spiegel anschaffen weil sie im alten bereits alles kennen, kann man denken was man möchte und sich weniger über sie wundern, wenn man bestimmte Artikel unbestimmten Artikeln vorzieht. Wahrlich rätselhaft sind mir jedoch manche der Personen, die sich in solchen Spiegeln allzu gern selbst betrachten und sich auch immer wieder gern dort hineinarbeiten lassen.
Das sind meist Hochschuldozenten und leider oft Geisteswissenschaftshochschuldozenten. Und nicht selten erschreckend zeitgeistlose Zeitgenossendozenten der Hochgeistigkeitswissenschaftsschulen mit einem Fetisch für Germanistik und Pädagogik, die in Spiegeln und Sternen und anderen Bildungssexheftchen castingshowhäufig den bevorstehenden Rechtschreibweltuntergang predigen.
Ihre Horrorvisionen von falschgeschriebenen Nomen und Anglizismenfeuerregen untermalen sie dabei blutbunt mit dem Verweis auf die Jugend, ein zeitloser Schuldträgerklassiker, und ihre muttersprachenmeuchelnde Unsitte des Verfassens von Kurzmitteilungen. Darüber schreiben sie ebenso gern Bücher wie sie über diese und sich reden und manche sind sogar lustig und manche sogar beabsichtigt, doch eigentlich jammern und vorhersagen sie untertönig alle über und den Tod von dem Genitiv und seinen Brüdern und Schwestern. *
(*Und Humor wie meiner und meine Verachtung für diese machen Hochschulabschlüsse wie den von mir nicht gemachten manchmal aus Überzeugung unmöglich und dass ich richtig liege und die Anderen falsch kann ich beweisen weshalb ich diesen Text schreibe und Beides kann ich nur deshalb weil ich heute Zug gefahren bin und ohne Komma kann ich es auch.)
Der apokalypsenabwendende Satz, den ich heute im Zug zufällig beim Mithören von Mitreisendengesprächen abgewrackt aufgeschminkter Pubertätsmädchen aufschnappte war folgender:
„Ich hasse dieses T9!“
Den Denkenden unter den diesen Text Lesenden darf die folgende Ausführung und Anrede erspart bleiben, denn wer ein wenig schlussfolgert, stößt von selbst auf das Rechtschreibtodparadoxon der offenbar gar nicht so gegenwartssicheren Muttersprachenmordpropheten.
„Ich hasse dieses T9!“ ist nicht weniger als die Entdeckung der Auschwitzlüge in der modernen Deutschdidaktik, womit auch der in jedem guten journalistischen Text benötigte, unpassende Hitlervergleich in die These hereingebeten wäre.
Achtung, das Fahrzeug führt aus:
Liebe Universitätsdozenten und Innen mit einem Hang zu populistischer Selbstüberhöhung!
Ich drücke es so aus wie Ihr es aus Eurer Jugend kennt:
Und die Programmierer des Gott NOKIA schlugen ihm die Wörterbuchsoftware statt einer brennender Langenscheidtbibel vor und Gott NOKIA sah wie die Jugend gierig nach dem Mobiltelefon griff und Kurzmitteilungen schreib und dabei klagte: „Ich hasse dieses T9!“ Und Flexionsformen freiwillig erlernte um die manuelle Eingabe zu umgehen. Und er sah dass es gut war.
- Dass der einzigen von der Jugend respektierten Rechtschreiblehrinstanz, dem mobiltelefoninternen Wörterbuch, das Wort „Rechtschreibfibel“ nicht vertraut ist, möge gerade Euch eine brennende Säule am Himmel oder auch Antiaugenschuppenshampoo sein, die Ihr nach ebendiesen hysterisch zurückkreischt, während Ihr die Jugend mit Euren stagnierten Knochenfingern zur Wörterbuchhexe erklärt!
Das, meine Damen und Herren von der Rechtschreibnachrufkommission, ist der heimliche Lehrplan und das lernfaule Jungvolk lässt sich von ihm bereitwillig Richtigschreiben beibringen und bezahlt dafür sogar noch 19 Cent, was ich für Sie vielleicht besser umrechnen sollte in die Währung Ihres Jahrhunderts: 38 Pfennig!
Mehr als man für ein Brötchen bezahlt also freiwillig der Wirtschaft gespendet für 160 grammatikalisch korrekt gereihte Buchstaben. Ihre Kinnladen sollten bitte genau jetzt herunterklappen, doch es kommt noch ein wenig besser. Denn flegelsprachenfrei sind diese von den sie Ausdrückenden bezahlten Wörter auch noch! Selbst mein funkelnagelneues Mobiltelefon kennt weder „Arsch“ noch „Wichser“ und auch „Vollspacken“ sind ihm gänzlich unbekannt. Und wenn Sie jetzt einmal bitte versuchen würden, in ihr Mobiltelefon das Wort „Kackpratze“ manuell einzugeben, dann werden sie verstehen, dass sich die immer zeitknappe Jugend lieber an gesellschaftlich akzeptablere Anreden korrekter Rechtschreibung hält, wenn sie die sie beherrschenden zwölf Buchstaben- und Satzzeichentasten in Fünfminutenpausen um Kommunikationshilfe bittet. Und somit nicht gering zur Rettung der von Ihnen öffentlich totbegatteten statt mit zeitgemäßen Rettungsringen beworfenen deutschen Sprache beiträgt.
Die von Ihnen als Wunderelixier verteidigten Gräueltaten in Gestalt von Billigimitatschreibungen und Buchstabenausrottung haben zu der von Ihnen verkuckuckseiten Muttersprachenmenopause mehr beigetragen als Privatfernsehen, Popkultur und Prekariatshirnerbschäden zusammen. Stoppen Sie die Staubfütterungen von Rechtschreiblexika in der Unterprima und verteilen Sie stattdessen Mobiltelefone an die Wurzeln zur Aufforstung der geschlagenen Rechtschreiblichtung in dieser möglichkeitsschönsten Sprache der Welt!
Für den Genitiv mag tatsächlich jede Hilfe zu spät kommen, doch den Delfin kann man noch retten!
Sie jedoch, befürchte ich, teilen bald das Schicksal aller selbstverliebten Katastrophenvorherseher ohne Meteoriteneinschlag und des Genitivs. Dessen Dahinscheiden die deutsche Sprache dann doch auch relativ unbeschadet überstanden hat. Kein Grund zu weiterer Panikmache also, denn: Mit T9 können wir ohne!
Herzlichst,
ein Fän
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29.04.2008 - 11:41 Uhr
der_neue_orhe