Vivien für eine Nacht - jobben beim Escort-Service
Wer mit Sandra ausgehen will, muss viel Geld bezahlen. Die Studentin arbeitet bei einem Escort-Service, sie findet das „ganz normal“
Bereits vor dem ersten Treffen mit einem Kunden wird sie durch ihre Agentur über dessen erotische Vorlieben informiert. Meistens werden High-Heels und Minirock verlangt. „Sexuell bin ich schon offener geworden, aber ich habe meine Grenzen“, sagt sie und wird ganz deutlich: „Ich spiele Liebe nur vor und die Männer geben mir Geld dafür, dass ich mich mit ihnen abgebe.“ Hausbesuche macht Sandra heute nicht mehr. Sie sagt, es sei ihr zu gefährlich. Ihre Kunden trifft sie nur noch in Hotels. In München, Augsburg, Stuttgart. Die Hotels haben immer fünf Sterne. Geld spielt für den Kunden einer Escort-Agentur keine Rolle. Nur ihre engsten Freunde wissen von Sandras Geheimnis. Nach anfänglicher Skepsis überwiege in ihrem Freundeskreis nun die Neugierde. Eine ihrer Freundinnen will demnächst ebenfalls bei einer Escort-Agentur anfangen. Auch Sandras Mutter weiß mittlerweile Bescheid. „Sie hat mich irgendwann gefragt, woher ich denn immer die 500-Euro-Scheine habe. Als ich es ihr erzählte, war sie erst ziemlich schockiert. Aber jetzt versteht sie, dass es ein Job auf hohem Niveau ist“, sagt Sandra und fügt hinzu: „Mein Vater weiß nichts. Er würde aus allen Wolken fallen. Da wahre ich doch lieber den Schein der braven, lieben Tochter und Studentin“. Sandra studiert an der katholischen Fachhochschule in München Pflegemanagement. Das Studium ist ihr sehr wichtig. Später möchte sie Leiterin eines Altenheims werden. „Ich gehe eben gerne mit Menschen um“, sagt sie und muss dabei selbst ein wenig schmunzeln. Dann wird ihr Blick mit einem Mal ganz ernst und sie erzählt vom Zeitmangel der Betreuer und dass zu wenig für die angemessene Pflege älterer Menschen getan werde. Privat sei sie ohnehin ganz anders, sagt sie: „Ich hänge sehr gerne mit meinen Freunden in einfachen Kneipen rum.“ Gerade dieser Widerspruch zum Luxusleben als Begleitdame fasziniere sie: „Ich liebe diese Gegensätze. Ich brauche das einfach.“ Für viele Frauen wäre ihr Nebenjob allerdings nicht der richtige, sagt sie. Man dürfe nicht verklemmt oder sensibel sein. Außerdem müsse man Neugierde auf etwas Neues mitbringen, denn: „Es ist jedes Mal wieder Adrenalin pur. Die Illusion spielt dabei eine große Rolle. Man ist eine Schauspielerin und erfüllt den Männern ihre geheimen Wünsche.“ Mit elf Jahren sei Schauspielerin ihr Traumberuf gewesen. Einmal habe sie mit einem Mann den ganzen Abend nur Musik von Uriah Heep gehört. „Das war total lustig“, sagt sie. „Obwohl sonst nichts gelaufen ist. Ich liebe Uriah Heep“. Manchem außergewöhnlich zahlungskräftigen Herrn ist ein einziger Abend mit Sandra alias Vivien zu wenig. Vor einigen Monaten hat sie daher mit einem fremden Mann eine ganze Woche in einem Luxushotel auf Mallorca verbracht. „Wir sind mit der Harley quer durch die Insel gefahren, fein essen gegangen, lagen viel in der Sonne. Was man halt so im Urlaub macht. Alles ganz normal“, erzählt sie. Kellnern ist zu anstrengend Auf ihren lukrativen Nebenverdienst zu verzichten, kann sie sich nicht vorstellen. Schließlich koste das Studium viel Geld, sagt sie. Sie habe auch schon gekellnert, doch sei ihr das auf Dauer zu anstrengend geworden. „Studieren ist mir im Moment das Wichtigste. Alles andere lasse ich auf mich zukommen“. Eine feste Beziehung will sie nicht. „Ich schließe zwar nicht aus, in zehn Jahren mal jemanden kennen zu lernen, aber Partnerschaft und Escort könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren“, sagt sie. Bis zu 400 Euro kostet Sandras Begleitung in der Stunde. Etwa 4000 Euro verdient sie im Monat. Manchmal auch mehr. Dass Begleitagenturen gezielt nach Studentinnen suchen, hat für Sandra einen einfachen Grund: „Die Männer wollen schon Mädchen mit Zielen im Leben. Und mit Grips. Sie wollen Mädchen, mit denen man sich unterhalten kann.“ Trotzdem streifen die Tischgespräche bei Hummer und Austern selten die Grenzen des Smalltalks. „Einer wollte mal meinen Rat zu seinen Aktiengeschäften. Das war witzig“, sagt Sandra. Dabei habe sie für das Thema Geld gar nicht so viel übrig. „Geld ist nicht alles. Aber wenn man es so einfach bekommt, warum sollte man es dann nicht machen?“- Abschied vom Wachtturm: Drei Frauen und ihre Leben nach den Zeugen Jehovas 20.05.2012
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