06.05.2008 - 19:00 Uhr

0 11 Über Twitter weiterempfehlen

The Hidden Cameras und der Münchener Fußballchor – Tourtagebuch

Text: malte-goebel

Die Hidden Cameras sind wieder unterwegs: Die kanadische Band tritt mit ihrem "Gay Church Folk" gern in Pornokinos und Kirchen auf. Letzten August spielten sie in großer Besetzung mit Chor und Gogo-Tänzern bei Mehmet Scholls Abschiedsspiel, und das hat allen Beteiligten so viel Spaß gemacht, dass sie nun in gleicher Formation auf Tour gehen: als "Hidden Cameras und der Münchener Fußballchor". Und ich bin dabei - als Chorsänger!

Tag 10 und 11, Rückreise nach München, Abschiedsgig beim Bayrischen Rundfunk Sonntag früh geht’s also mit dem Bus zurück Richtung Süden. Wir rasten am gleichen malerischen See wie am Tag zuvor, grillen ein Stündchen an der Ostsee und besteigen in Trelleborg die Fähre nach Sassnitz. Auf dem Schiff wird wieder der Duty-Free-Shop geplündert, und nach abendlicher Ankunft in Deutschland steigt auf der Fahrt nach Berlin im Bus die Abschiedsparty, von der mir leider verboten wurde zu berichten. Schade, denn auch einzelne Bandmitglieder erinnern sich am nächsten Tag nicht mehr, was passierte. Laura: „Aber ich bin doch nicht etwa in dem Aufzug auf der Tankstelle rumgelaufen!“ – alle anderen: „Doch!“ – Laura: „Naja, wenigstens war ich beim Aufwachen nicht blutbespritzt wie beim letzten Mal.“ Zumindest spielerisch werden auch die Grenzen von monogeschlechtlicher Sexualität für einige zuvor monogeschlechtlich empfindende Menschen angetestet und knutschweise überwunden. Auch wenn von einem als heterosexuell identifizierten männlichen Bandmitglied das Zitat fällt: „Ich knutsche nur mit heterosexuellen Jungs.“ Naja. Hauptsache, es macht Spaß.
Maggie auf der Fähre: „Guckt mal, ich habe Abendessen gekauft!“ Um Mitternacht erreichen wir Berlin und fallen LCavaliero in die Arme. Joel, Bob und Tonmagierin Wibke bleiben gleich da, und dann geht’s weiter nach München. Der Bus fällt in ein kollektives Koma. Einzig der unverwüstliche Rudi versucht verzweifelt, die Party am Laufen zu halten. Um zehn Morgens kommen wir in München an, kratzen unsere letzten Kräfte und Habseligkeiten zusammen und entfleuchen in Arbeit/Ausbildung (Chorleute) und Shopping (Band). Abends dann der Special-Gig bei der Relaunch-Fete von on3radio, dem Jugendradio des Bayrischen Rundfunks. Im ersten Stock des BR-Hochhauses herrscht angenehmer Baustellen-Charme, wir spielen vier Songs, dann noch mal drei, dann noch mal einen, und dann wars das auch schon. Das Publikum, das hauptsächlich aus den BR-Radioleuten besteht, lässt sich mitreissen, wir tanzen und singen, als wäre es unsere letzte Show. Ist es wahrscheinlich auch. Beim Abschied können Tränen nur mühsam zurückgehalten werden.
on3radio-Launch: Clubstimmung mit Baustellencharme beim Bayrischen Rundfunk „Für uns war diese Tour wie ein Sechser im Lotto!“, sagt Mira von Candelilla. Und sie hat total Recht. Es war anstrengend, teilweise auch nervig, bei 25 Leuten auf einem Haufen ist es oft auch nicht so wichtig, ob man überhaupt dabei ist. Aber es ist toll, dabei gewesen zu sein: ein Parforce-Ausbruch aus dem Alltag, der die Augen öffnet oder offen hält für die anderen Aspekte des Lebens. Unterwegs sein, Musik machen, kreativ sein, an Orte kommen, wo die Leute einen mit offenen Armen empfangen und sich über die Musik freuen. Und über die Show: Auf der Bühne immer nur die eigenen Schuhe betrachten und Musik spielen wie auf der CD ist total lahm. Statt dessen einen Chor mitzunehmen, ihn die Band meucheln zu lassen oder zum Crowdsurfen zu schicken, geschlechtslose Gogos mittanzen zu lassen – that’s entertainment. Teufelsgeiger Jamie, der nur die ersten beiden Shows mitspielen konnte, sagte mir, wie traurig er sei, schon wieder weg zu müssen. „Die Band ist für mich wie eine zweite Familie.“ Und Maggie, die die gesamte Zeit nur so überschäumte vor Lebenslust, verrückten Einfällen und schnellen Analysen, sagte mehr als einmal entschuldigend: „Ich bin nicht immer so! Es ist nur so, dass ich in Toronto gerade fünf oder sechs Tage die Woche mehr als zehn Stunden am Tag mit ganz normalen Leuten arbeite. Da staut sich so einiges an.“ Touren als Ausbruch aus dem Everyday Life. Lustige Fußnote an der ganzen Sache ist noch, dass es gar nicht so sehr um Fußball ging wie das Anhängsel „...und der Münchener Fußballchor“ vermuten lassen könnte. Die Chorleute waren aus Münchener Bands, und auf der Bühne agierten wir vor allem als singende und tanzende Zombies. Okay: Es gab den Kicker im Kremser Backstage, und Marcus, Andy und Jens kauften sich auf den Rasten immer Panini-Sammelbilder, und bei Bayern Münchens vorzeitigem Meisterschaftsgewinn gab es im Chor ehrliche Jubelausbrüche (es ist für mich immer noch ein seltsames Gefühl, bekennende Bayern-Fans um mich zu haben). Und dann war da noch Mehmet Scholl, unser Spiritus Rector: Der rief jeden Tag bei Tourmama Thomas an, um zu erfahren, wie es gerade so läuft. Bei den München-Konzerten stand er immer in der ersten Reihe. Und am letzten Abend, mitten in der Nacht, als die on3radio-Party schon fast vorbei ist, Hidden Cameras und Chor noch irgendwo um die Häuser ziehen oder traurig-glücklich nach Hause wanken, trifft auf dem Queerbeat-Handy eine vielversprechende SMS ein.
Vielleicht gibt es tatsächlich ein nächstes Mal.
Weiter Seite 1 2 3 ... 10


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
malte-goebel
Mehr Texte zum Label
Tourbuehne
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

malte-goebel offline

malte-goebel

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.