23.04.2008 - 14:00 Uhr

0 34 Über Twitter weiterempfehlen

Zum Davonlaufen: Coffee to go

Text: anne-henneken - Illustration: Katharina Bitzl

In der Grün&Gut testet Anne Henneken, Produktredakteurin bei
utopia.de, einmal in der Woche ökologische Produkte und Dienstleistungen. Heute: Kaffee zum Davonlaufen

Für Millionen von Menschen auf der ganzen Welt scheinen durchschnittlich vier Euro für einen Coffee-to-go kein Thema zu sein. Auf die völlig überzogenen Preise will ich also gar nicht näher eingehen. Wenn ich jetzt mit der Story von den furchtbar armen, ausgebeuteten Kaffeebauern komme, die nicht einen Cent davon sehen, liest doch kein Mensch weiter. Es gibt ja noch andere Gründe, warum ich schon länger einen großen Bogen um die ganzen Coffee-to-go-Ketten mache. Allein die Tatsache, dass ich mindestens fünf Fragen auf Kleinkindniveau beantworten muss, um ein Cappuccino ähnliches Kochendheißgetränk zu bekommen, fällt für mich in die Rubrik "Verbalemissionen" – gerade am frühen Morgen. Nach meinen Erfahrungen wird der Bestelldialog umso komplizierter, je kleiner der Sirup und je größer der Kaffeeanteil des gewünschten Getränks sein soll. Auch das Fließbandgefühl, wenn man an zwei oder manchmal sogar drei Leuten vorbeigeschleust wird, bis man zum Endprodukt kommt, ist nicht so meins. Schräg wird es dann, wenn sich Leute mit diesen Plastiknuckelbechern vor den Laden hocken und aus ihrem Coffee-to-Go einen Coffee-am-Blumenkübel machen. Da bevorzuge ich doch ganz klar ein nettes Cafe oder eine italienische Espressobar. Ein Caffè machiato aus der vorgewärmten Porzellantasse schmeckt einfach besser. Tassen sind auch viel umweltfreundlicher als die aufgeschäumten Polystyrol-Becher. Allein diese Becher erinnern mich daran, dass Coffee-to-go aus einem Land kommt, das seit Jahrzehnten dafür berüchtigt ist, braun gefärbtes Wasser als „home-made coffee“ gratis auszuschenken.
Echte Tassen haben nicht nur mehr Stil, sie lassen sich nach Gebrauch einfach spülen und halten bei halbwegs fähigen Kellnern und Gästen ewig. Kunststoffbecher aus Polystyrol dagegen werden mit relativ viel Energie erzeugt, sind nicht recycelbar und landen bereits nach einmaligem Gebrauch im Müll. Mein Kollege Jan bei Utopia hat mal für eine Artikel-Serie „Die Rechnung, bitte!“ recherchiert, wie viele Kaffeebecher alleine in New York jeden Tag im Müll landen und das auf ein Jahr hochgerechnet. Die Zahl so absurd hoch, dass man sie gleich wieder vergessen kann – glaubt einem sowieso keiner. Ähnlich absurd finde ich es, wenn Leute richtig viel Geld für Espressomaschinen und Blue-Mountain-Kaffee hinlegen, um sich als Kaffeekenner auszugeben – und dann trifft man sie auf der Strasse mit Mitnahme-Kaffee in der Hand. In meinem Bekanntenkreis sind das meist die gleichen, die auch gerne über den Niedergang der Kulturen und die zunehmenden Einschränkungen des Individuums lamentieren. „Ist doch heute total egal, in welche Stadt du fährst, in den Einkaufszonen gibt’s doch überall das gleiche. Die schönen alten Läden und tollen Cafes, die noch was Besonderes, Individuelles hatten, die sterben doch aus. Alles wird doch immer gleicher.“ Diese Homogenität im Stadtbild gehört genau zu den Punkten, die auch Naomi Klein an den großen Coffee-to-go-Ketten bemängelt. Auch die aggressive Expansionsstrategie dieser Ketten, durch die kleinen lokalen Cafes immer mehr verdrängt werden, weil sie bei den Mieten nicht mithalten können, ist der wohl berühmtesten Globalisierungskritikerin der Welt ein Dorn im Auge. Wenn es überall das gleiche gibt, finden das viele aber auch beruhigend, weil es (vermeintliche) Sicherheit schenkt. Ein psychologischer Aspekt mit dem alle bekannten Marken dieser Welt eine Menge Geld verdienen. Aber Authentisches, Natürliches, unverfälscht Echtes hat eben nicht die „Jederzeit-alles-100-Prozent-gleich-Garantie“ und ist immer für Überraschungen gut. Wie die Launen des Kellners in meinem Lieblings-Cafe: Je nach Tagesform gibt’s zum hauseigenen Fair-trade Kaffee manchmal ein Minicroissant, ein Lächeln oder ein Grummeln dazu. Sicher weiß man das nie. Ich wünsche mir nur, dass im Laden gegenüber niemals eine Coffee-to-go-Kette einzieht.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
anne-henneken
Mehr Texte zum Label
gruen_und_gut
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
34 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

the-wrong-girl
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.04.2008 - 17:53 Uhr
the-wrong-girl

ich_schlampe_bin_muede sagte:
Starbucks-Kunde bin ich nicht mehr seit der Frage "Und wie ist dein Vorname." (Die Schlampe etwas exasperiert - "Wie bitte, kennen wir uns? Was geht Sie mein Vorname an!?")


ja fand ihc auch befremdlich. aber WENN ich mal da hingehe sag ich immer irgendeinen total bescheuerten namen. ich glaub demnächst such ich mir mal was schwer zu buchstabierendes albanisches oder so raus.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.04.2008 - 17:57 Uhr
the-wrong-girl

generell würde ich mir aber hier von den berichten in grün mehr fakten und so erwarten, nicht so gefühlte meinungen. hatte ich irgendwie so erwartet. naja.

Guenther_Maria_Juana
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.04.2008 - 18:48 Uhr
Guenther_Maria_Juana

the-wrong-girl sagte:
generell würde ich mir aber hier von den berichten in grün mehr fakten und so erwarten, nicht so gefühlte meinungen. hatte ich irgendwie so erwartet. naja.

Ja das wäre schön, aber dann müsste die Berichte ein(e) Experte/in (mit)schreiben. Als gelernte Kommunikationswissenschaftlerin versteht die Autorin aber leider nur eine Menge von Kommunikationstricks.

vroni2web
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.05.2009 - 10:41 Uhr
vroni2web

Meine umweltfreundliche Lösung für das Coffe-to-Go-Phänomen:
"I´m not a paper cup" Eine doppelwandige Porzellantasse, die aussieht wie die üblichen Pappbecher. Total praktisch und schön, wich ich finde. Gibts in Deutschland bei: www.sowaswillichauch.de

Zurück Seite 1 2 3 4

Alle Kommentare anzeigen


Speichern

Jetzt-Mitglied

anne-henneken offline

anne-henneken

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.

Hat Beiträge verfasst zu