Die Nacht. Die Langeweile
jetzt-Autoren beobachten die Stadt von der dunklen Seite: sechs Reportagen aus dem nächtlichen München zwischen 2 und 3 Uhr
Allein mit der AngstOrt: Englischer Garten
Anzahl der Menschen: 0
Durchschnittliche Verweildauer: -
Durchmachkomfort in Prozent: 10

Mir ist ein bisschen mulmig, als ich vor dem hell erleuchteten P1 stehe. Von drinnen wummert schlechte Musik, die sich mit dem kontinuierlichen Rauschen des Eisbachs mischt. Ich mache einen Abstecher zur stehenden Welle, in der Hoffnung, dass dort vielleicht irgendein Verrückter surft. Natürlich ist dort keiner mehr. Ich biege hinter der Brücke in den Park ein. Das Rauschen verflüchtigt sich und kurz darauf knirschen nur noch die Kieselsteine unter meinen Schuhen. Meine Sinne sind hellwach. Hat sich da im Gebüsch nicht gerade etwas bewegt? Kommen die Geräusche von meinen eigenen Schuhen oder ist jemand hinter mir? Ich versuche mich zu beruhigen: Außer mir ist wohl keiner so blöd ist, nachts bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Englischen Garten rumzuturnen. Plötzlich taucht vor mir ein undefinierbares Ungetüm auf. Es bewegt sich nicht. Überraschenderweise ist es eine Notrufsäule. Ich präge mir ihren Standort gut ein. Wenn mich doch ein Axtmörder überfallen sollte, werde ich dort hinrennen und den ADAC anrufen. Hilft bestimmt. Ich laufe weiter über die große Wiese Richtung Monopteros. Versehentlich wecke ich ein paar Enten aus ihrem Schlaf, die quakend davonfliegen. Die Aussicht auf dem Monopteros ist überwältigend. Im Stechschritt marschiere ich am Biergarten vorbei, durch den Wald, über die nächste Wiese. Es hat angefangen zu nieseln. Ich habe weder Augen für den Frühling, der langsam im Blattwerk Einzug hält, noch für die romantische Beleuchtung am Seehaus. Meine Haare sind nass, mein Kopf glüht und wenn es nicht endlich drei Uhr wird, muss ich laut schreien.
Michele Loetzner
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