"Messies haben tausend Tricks auf Lager"
Text: peter-wagner - Fotos: messiemother.com
An seinem 40. Geburtstag bekommt Thomas Haemmerli einen Anruf: Die Mutter wurde tot in ihrer Wohnung gefunden. Haemmerli nimmt seine Kamera und filmt – die Überreste der Leiche seiner Mutter, die vermüllte Wohnung, die Räumarbeiten mit seinem Bruder. Obwohl man es nicht glaubt: Entstanden ist ein lustiger Film. Ein Interview über den Tod der Eltern und was wir eigentlich von ihnen wissen
Was erzählt der Film über das Wesen von "Familie"?
Dass Familienfilme und –fotos zum Verlogensten gehören, das es auf der Welt gibt. Weil sich dahinter oft der große Horror verbirgt. Wir haben während der Räumung zum Beispiel herausgefunden, dass unser tatsächlicher Großvater ein italienischer Comte ist, weil Oma den vermeintlichen Opa betrogen hat.
So sah es in der Münchner Wohnung der Großmutter aus.
Zu wieviel Prozent wussten Sie vor der Räumung über das Leben der Eltern Bescheid und wieviel wissen Sie heute?
Ins Blaue gesagt wusste ich vorher vielleicht 15 Prozent, jetzt weiß ich 75 Prozent.
Tragen wir alle solche Dunkelziffern des Nichtwissens mit uns umher?
Ja, aber ich war ein Spezialfall. Ich stiess mit 16 zur radikalen Linken in der Schweiz, war lange im Ausland - diese bourgeoise Familie hat mich einfach nicht interessiert. Aber spätestens wenn die Eltern sterben, kommt das Thema mit viel Wucht zurück.
Was lernt man als Sohn über das Eltern-Kind Verhältnis – nach solch einer Geschichte?
Eltern sind eine Institution, die man nicht los wird. Auch wenn man glaubt, man sei sie losgeworden. Man will die Liebe der Eltern erringen, man will sich abgrenzen, whatever. Wenn man aber die Sachen der Eltern durchgeht, schrumpfen sie auf menschliches Normalmaß.
Die Hauptfiguren im Film: Erik (links) und Thomas Haemmerli.
Wer lebt heute in der Wohnung?
Eine Nachmieterin. Ich habe ihr mal eine Karte in den Briefkasten gesteckt, aber nie von ihr gehört.
Im Film sagt am Anfang der Mann von der Reinigungsfirma, das Leichenwasser würde einen halben Meter in den Boden sickern und man würde den Gestank nie rausbekommen.
Der Vermieter hat sogar eine Spezial-Chemiefirma angestellt, um den Gestank rauszubekommen. Aber das ging auch nicht. Letztendlich musste man den Boden raushacken und neu betonieren.
Wie lange lag Ihre Mutter im Bad?
Maximal zehn Tage.
Der Gestank hat sich in den vier Räumungswochen nicht verflüchtigt?
Nur ein bisschen. Das ist auch wichtig zu wissen, um zu verstehen, wie mein Bruder und ich reagieren. Wenn Leute mir vorwerfen, wir zeigten nicht genug Pietät, dann muss man sich das einfach vorstellen – Tag für Tag in einem gigantischen Chaos arbeiten, dazu dieser unglaubliche Geruch . . .
Haben Sie beide getrauert?
Ja. Aber in einem Film will man nicht zwei Menschen, die man nicht kennt und die keine Schauspieler sind belämmert in einer Ecke sitzen sehen.
Haben Sie den Dokumentationszwang eigentlich von ihrer Mutter?
Erschrocken bin ich, dass viele Messies vom perfekten Archiv träumen. Das ist bei mir genauso. Das könnte in diese Richtung gehen. Aber es gibt Hoffnung: Die Digitalisierung führt dazu, dass das nicht mehr ein räumliches Problem ist.