"Schwul und schwarz in einer trostlosen Umgebung"
Text: jonathan-fischer
Robert Owens ist der Godfather der House-Musik. Ein Gespräch über Disco, Dancefloor und Drogen
Der 1961 geborene Sänger gehört seit den 80er Jahren zu den ursprünglichen Helden des Chicago House, und half mit Hymnen wie „You’re Mine“, „It’s Over“ oder „Tears“ einer der größten musikalischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts auf den Weg. Nachdem Techno und Minimal House aus den Innovationen von damals hervorgingen bringt Robert Owens auf seinem neuen Album „Night Time Stories“ (Compost Records) die Kunst des Storytelling zurück auf den Dancefloor.
Ihre Songs verströmen oft die sakrale Aura eines Nachtgottesdienstes…
Tatsächlich nahm mich meine Mutter als Kind in Los Angeles immer in die berühmte Cornerstone Church von Reverend James Cleveland mit. Ich sang dort sogar im Gospel-Chor – bis ich die Predigten nicht mehr ertragen konnte: Schon der Gedanke an die Sünde, so hieß es, bringt einen in die Hölle. Also dachte ich mir: Wenn ich sowieso in die Hölle komme, warum meine Zeit noch in der Kirche verbringen?
Trotzdem gelten Sie als einer der spirituellsten Vertreter der House Music…
Die Spiritualität kommt tiefer aus der Seele als die Religion. Eine höhere Instanz, nennen wir sie Gott, nährt die Menschheit mit Liebe – und ich sehe meine Musik als Samen dieser Pflanze. Meine Songs greifen auf, was meine Mitmenschen alles durchmachen…
Sie stehen da offensichtlich in der Tradition von Soulsängern wie Curtis Mayfield..
Er ist einer meiner Helden. Weil es ihm nicht nur darum ging, Platten zu verkaufen. Mein Leben war zum Großteil ein Kampf – deshalb schreibe ich keine Musik, die sich auf die paar Glücksmomente beschränkt….
…was ja auf einen Großteil der heutigen House-Vocals zutrifft…
... sondern möchte die dunklere Seite der Welt beleuchten. So etwas passiert heute auf dem Dancefloor leider kaum.
Sie kontrastieren die Energie der Beats mit ihrem ätherischen, melancholischen Gesang Woher kommt dieser Blues?
Ich habe gesehen wie House in Chicago als Musik der schwarzen und schwulen Minderheit entstand: Im Ghetto der Westside gab es für uns nichts zu Feiern außer die Nächte im Warehouse. Wir träumten vom Ausbruch nach New York. Bastelten an unseren Beats. Und versuchten uns mit unseren Jobs bis zum nächsten Wochenende über Wasser zu halten. Ich bin ein emotionaler Mensch, absorbiere eine Menge. Wie sollte ich also happy sein, wenn ich die ganze Zeit Leiden um mich sehe?
Sie haben schon vor der Erfindung von Chicago House als DJ gearbeitet?
Meine Onkels, Neffen, Brüder gehörten zu Gangs wie den Stones oder Black Panthers. Diese Gangs brauchten mich nicht als Kämpfer, sahen aber wunderlicherweise etwas in mir, wozu ich mich anfangs kaum berufen fühlte: Ich sollte ihr DJ sein – schließlich hatte sich meine Plattensammlung herumgesprochen. Tagsüber besuchte ich eine Model-Schule Und nachts spielte ich auf Kellerparties mit lediglich einem Plattenspieler. Es ging da nicht um Technik, sondern um einen Gemeinschafts-Vibe, und ich mixte die aktuellen Disco-Nummern mit Booker T, James Brown, The Stylistics und sogar ein paar Blues-Klassikern
Was passierte, als Disco Ende der 70er Jahre wieder in den Untergrund zurückging?
Es rettete unsere Familie. Weil sich Disco und später House immer wie eine Art Familientreffen anfühlte. Kurzzeitig war der Mainstream in diesen Kreis eingebrochen – aber spätestens nach 1978 waren wir uns wieder unter uns. Eine Form von privatem Eskapismus. Man darf nicht vergessen, dass die meisten von uns aus zerbrochenen Familien und einer trostlosen Umgebung stammten. Schwul und schwarz: Da blieb die Disco als einziger Ort, um sich für ein paar Stunden aus dieser Realität zu lösen.