Ein Laden zum Einladen
Im WM–Sommer hatten sechs Münchner Freunde eine Idee. Heute arbeiten 25 Menschen aus der ganzen Welt bei „amiando“
Dennis nippt an seiner Kaffeetasse und erinnert sich an die ersten Monate. Würde das Konzept aufgehen? Damals kommen die ersten Events aus dem Bekanntenkreis: Geburtstagsfeiern, Fußballturniere, Filmabende. Was dann folgt, nennt man im Fachjargon „virales Marketing“: Wie ein Virus verbreitet sich die Nachricht von amiando über Blogs und Netzwerke im Internet, und nach drei Monaten stehen 4 500 Events online. Bald kommen Anfragen von Leuten, die das Portal professionell nutzen wollen: Firmen möchten Seminare organisieren, Konzertveranstalter kleine Festivals managen. Doch die Seite stößt an ihre Grenzen: Was fehlt, ist eine Funktion zum Ticket-Verkauf. Die Gründer beraten sich – und finden eine Möglichkeit, mit der Website Geld zu verdienen: Im Juni 2007 geht der „Ticketing-Service“ online, man kann nun über das Portal Eintrittskarten für sein Event verkaufen – egal, ob Messe oder Schafkopfturnier. Die Karten werden als E-Ticket an die Gäste verschickt. Amiando verlangt fünf Prozent vom Eintrittspreis. Zum ersten Mal macht die junge Firma in der Blumenstraße Umsatz. Dennis führt durch das Büro: Fünf Räume, Altbau, Netzwerkkabel laufen übers Parkett. Bunte Neonröhren tauchen den Flur in blaugrünes Licht, die Wände sind übersät mit Din-A4-Seiten: „Kölner Improvisations-Theater-Festival, Karten 18 Euro“ steht da. Und darunter: „10 Jahre Abi ’98, Eintritt 5 Euro“. Ticket-Veranstaltungen, die gerade über amiando organisiert werden. Nur jeder vierte User nutzt bisher die Ticket-Funktion, im Schnitt kosten Karten 15 Euro. Dass die Firma trotzdem guten Umsatz macht, verdankt sie einem Prinzip, das „Long Tail“ heißt: Hochpreisige Events werden über große Ticketanbieter vermarktet. Daneben gibt es aber unzählige private Veranstaltungen: Jubiläumsfeiern, Motto-Partys oder Kleinkunstabende – für die solche Anbieter zu teuer sind. Genau die wollen Dennis und seine Freunde erreichen. Inzwischen werden aber auch Events mit knapp 2 000 Teilnehmern über amiando organisiert, etwa die Online-Konferenz „Le Web 3“ in Paris. Um dort den Einlass zu vereinfachen, haben die Tüftler in der Blumenstraße ein eigenes Programm entwickelt: Es scannt den Barcode auf jedem Ticket und gleicht ihn online mit der Gästeliste ab. Dafür reicht eine normale Webcam. Online nach Lateinamerika Dennis geht an zwei Sitzsäcken vorbei und betritt die riesige Küche. In der Ecke hängt eine Leinwand. Für Bundesliga-Übertragungen, und für die Spielkonsole. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich in einem Jahr vervierfacht: Gerade wurden wieder vier eingestellt, damit sind es, Dennis zählt nach, insgesamt 25. Darunter eine Engländerin, eine Spanierin, eine Französin und ein Schweizer. Seit einem halben Jahr ist das Portal unter den Länderkürzeln „.com“ und „.fr“ auf Englisch und Französisch nutzbar, seit vier Wochen auch auf Spanisch – damit will das Münchner Start-Up den lateinamerikanischen Markt erschließen. Obwohl die Kunden aus Paris oder London kommen, gibt es keine amiando-Filialen – alle Mitarbeiter sitzen in der Blumenstraße 28 im ersten Stock, das Geschäft spielt sich im Internet ab. „Nicht mal die Veranstalter der „Le Web 3“ haben wir persönlich getroffen“, sagt Dennis „Unser Produkt ist eben schön selbsterklärend.“ In den nächsten Wochen wird eine neue Version von amiando online gehen. Dann wird sich jede Event-Seite noch individueller gestalten lassen, mit Videos und Musik. Stirbt damit die persönliche Einladung per Post ganz aus? „Ist sie doch praktisch schon“, sagt Dennis. „Durch die Erfindung der E-Mail.“ Das individuelle Design der Einladungen bei amiando bedeute für ihn aber wieder einen Schritt zurück, sagt er. In Richtung persönlicher Einladung. Dass die Idee der sechs Freunde sich auch in der älteren Generation weiter verbreitet, glaubt Dennis nicht: Es hat Tage gedauert, bis er seiner Mutter die Geschäftsidee seiner Firma erklärt hatte. Bei den Großeltern hat er es gar nicht erst versucht.- Abschied vom Wachtturm: Drei Frauen und ihre Leben nach den Zeugen Jehovas 20.05.2012
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