Internet gegen Stromausfall. Wie junge Afghanen sich in die Gegenwart bloggen.
Text: meredith-haaf
Nasim Fekrat lebt in der afghanischen Hauptstadt Kabul und arbeitet dort als freier Journalist. Er war zehn, als er seine Heimat verließ und über Pakistan in den Iran und nach Dubai floh. 2002, wenige Monate nachdem die NATO Afghanistan angegriffen hatte, kehrte er zurück. Kurze Zeit später begann er unter einem Pseudonym zu bloggen und schrieb über die gesellschaftliche und politische Entwicklung seit Ausbruch des Krieges. Als der Deckname von einem seiner islamistischen Gegner verraten wurde, begann Nasim 2004 zwei neue Blogs, eines auf Englisch, das andere auf Farsi. Nasim beschreibt sich selbst als „Kämpfer für die Meinungsfreiheit“, er ist Mitbegründer des Afghan Penbog, einem Live-Journal, an dem sich 128 afghanische Blogger weltweit beteiligen. 2005 verlieh ihm die französische Organisation Reporters Sans Frontières (Reporter ohne Grenzen) einen Preis für seinen Blog für die Meinungsfreiheit. Letzte Woche veranstaltete er den ersten Blog-Workshop in Kabul. Auf seiner Seite sammelt er Spenden, um weitere Workshops zu finanzieren.
Bringt sich ein Blogger in Afghanistan in Gefahr?
Hier ist es generell gefährlich, digitale Medien zu nutzen. Die afghanische Regierung versucht ständig, den Internetzugang der Menschen zu beschränken, sie übt Druck auf die IP-Provider aus, Daten zu filtern und Informationen weiter zu geben.
Nasim stellt regelmäßig Fotos aus Kabul online
Wie sieht es mit anderen Medien aus?
Wir haben hier keine unabhängigen Medien. Alle Zeitungen und Magazine sind entweder Regierungsorgane oder gehören zu bestimmten politischen oder religiösen Gruppierungen. Als ich nach Kabul zurückkam, habe ich zunächst ein Magazin gegründet, doch es wurde von islamischen Fundamentalisten geschlossen. Im Netz wird man auch bedroht, wenn man gegen die Islamisten schreibt oder die Regierung kritisiert.
Wie denn?
Ein afghanischer Kollege ist aus dem Exil in Iran zurück gekehrt und veröffentlichte auf seiner Website Dokumente, mit denen die Korruption der Regierung belegt wurde. Daraufhin wurde er vom afghanischen Geheimdienst fünf Tage lang fest gehalten. Kurze Zeit später wurde er wieder verhaftet, sie drangsalierten ihn so lange, bis er das Land wieder verließ. Aber die Mujaheddin sind auch nicht besser.
Man stellt sich islamische Fundamentalisten ja eher nicht als progressive Internetnutzer vor..
Doch, die sind sehr aktiv. Einmal habe ich zum Beispiel über die Rolle, die Analsex im Koran spielt, gebloggt. Daraufhin kamen so massive Drohungen gegen mein Leben, dass ich den Post wieder offline gestellt habe. Sie beschuldigten mich, ihre Nation beschädigen z wollen. Das ist die Art, wie diese Leute sind: Sie wollen die Menschen blind machen, sie sollen ein vollkommen unreflektiertes Verhältnis zur Religion und zu Gott haben.
Aber was können Blogs denn daran ändern? Ich vermute mal, dass nicht allzu viele Afghanen einen eigenen Internetanschluss haben.
Ha! Lass mich dir mal beschreiben, wie es bei mir gerade aussieht. Es ist jetzt halb zehn Abends und ich sitze im Dunkeln, ich kann nicht mal die Hand vor Augen sehen. Warum? Weil wir hier nur acht Stunden am Tag Strom haben. Also ja, die wenigsten Menschen kommen regelmäßig ins Netz.
Wie arbeitest du denn dann?
Ich tippe meine Posts zu Hause und speichere sie auf einer Diskette. Damit gehe ich ins Internetcafé, jeden Tag zwei Kilometer hin und zurück. Es ist ein wahnsinniger Energieaufwand.
Trotzdem siehst du im Internet ein großes Potential für dein Land, warum?
Zum einen werden die regionalen und lokalen Medien hier sehr stark vom Internet beeinflusst, ich beobachte, wie die Zeitungen hier Geschichten aufgreifen, die sie zuerst auf unseren Seiten gelesen haben. Es gibt derzeit auch keine andere Möglichkeit als das Netz, eine Meinung auszudrücken, überall anders werden wir zensiert.
Aber Afghanistan hat doch in gewisser Weise noch dringendere Probleme, die Hungerkrise und der kalte Winter. Was kann ein Blog denn da nutzen?
Zum einen ganz konkret. Vor ein paar Monaten schrieb ich auf meiner Seite darüber, dass viele Kinder in den Flüchtlingslagern keine Schuhe hätten. Kurz darauf schickten mir ein paar Menschen aus den USA 15 Paar Schuhe, die Kinder waren so glücklich als ich sie ihnen brachte. Zum anderen geht es aber auch darum, dass wir mit dem Internet eine wunderschöne Verbindung zur Welt aufbauen können.
Ist die Vernetzung Afghanistans als eine Art kulturelle Aufbauarbeit?
Ja klar, wir haben so viele Ideen, aber leider so wenig Geld, wir haben ja nicht mal Computer oder Projektoren. Gerade Deutschland leistet ja sehr viel Hilfe und Unterstützung, aber wenn es um Blogs geht, besteht kein Interesse. Dabei kann das Netz die junge Generation inspirieren und uns helfen, dieses Land in die Moderne zu bringen.
Ist das dein Anliegen? Die Modernisierung Afghanistans?
Ja, unbedingt. Wir sind nicht mehr das Land der 80er und 90er Jahre. Wir sind nicht nur Krieg, wir Afghanen haben auch Liebe, Herzen, Kultur. Manche Menschen in Europa und den USA meinen, wir würden wie auf einem anderen Planeten leben. Dabei sind wir hier, in der Welt.
0
12.04.2008 - 10:53 Uhr
Erdmann
Das ist ein Interview von der Art, wie ich sie gerne öfter lesen würde - ein überaus interessantes Thema, offensichtlich gut vorbereitet dazu. Auch wenn die Frage nach der Notwendigkeit eines afghanischen Blogs ein wenig naiv erscheint - aber solche Fragen müssen manchmal gestellt werden.