Ausländische Filme nur noch im Original mit Untertiteln? Ein Fall für Zwei
Text: philipp-mattheis - und Christina Waechter; Illu: Katharina Bitzl
Das EU-Parlament wünscht sich die Untertitelung aller öffentlichen Fernsehprogramme, weil über 83 Millionen Menschen in Europa "von einem vollständigen oder teilweisen Hörverlust betroffen" seien. Wir nehmen das Stichwort auf und fragen: Sollte man nicht alle ausländischen Filme im O-Ton senden und untertiteln? In vielen Ländern ist das bereits Usus, deshalb ein Fall für Zwei - für und gegen Untertitel
Philipp Mattheis singt ein Hoch auf die Synchronisation!
Ihr seid so cool. Ihr, die ihr Filme nur im Original anschaut. Allein am Klang des Wortes „Original“ geilt Ihr euch auf. Es verheißt Euch Echtheit, hebt Euch ab von der dumpfen Masse der deutschsprachigen Spießbürger, umweht euch mit dem Hauch des Kosmopoliten. Als Rechtfertigung genügt euch ein Auslandssemester in Stockholm, weil es in andern Ländern „halt voll normal ist, dass Filme in Englisch laufen, weil echt nur in Deutschland alles synchronisiert wird.“ Ihr Möchtegernleinwandpuristen, die ihr euch im polyglotten Sumpf der Unverständlichkeit suhlt.
Denn sind wir mal ehrlich: Wenn einer von Euch „Originalisten“ nicht gerade die letzten fünf Jahre in den USA gelebt hat, versteht er mindestens ein Drittel des Films nicht. Einen Großteil eurer cineastischen Energie verwendet ihr dann darauf, diese Verständnislücken zu kaschieren. Aber das ist Euch ja egal – Hauptsache, Ihr schnappt ein paar englische Wortfetzen auf, die Ihr irgendwann zu sozial sensiblen Zeitpunkten zitieren könnt, um Eure vermeintliche Coolness zu steigern. Wenn es mit dem Zitieren nicht hinhaut, genügt auch ein elitärer Augenaufschlag garniert mit dem Satz: „Ich schau Filme ja nur im Original.“
Ja, toll, Glückwunsch, Mr. Sprachgenie!
Gesteigert wird eure philologische Selbstverliebtheit nur noch von wirren Exemplaren, die sich Filme nicht im englischen, sondern im französischen oder spanischen Original ansehen. Die dann zwar überhaupt nichts mehr verstehen, aber mit stechendem Blick felsenfest behaupten, dass sich die wahre Größe eines Almodóvar-Films nur auf Spanisch erschließe und ja ein Kulturbanause sein müsse, wer sich Godard-Filme in der deutschen Übersetzung ansieht.
Irgendwie ist Euch entgangen, dass wir nicht in Usbekistan leben, wo synchronisierte Fassungen tatsächlich das größere Übel sind, weil die Stimmen noch zehn Sekunden lang sprechen, während sich der Mund des vermeintlichen Sprechers schon längst nicht mehr bewegt. Bei Blockbustern hierzulande wird so viel Geld in die deutsche Synchronisation gesteckt, dass qualitativ nur in den seltensten Fällen etwas verloren geht. Und selbst bei Low-Budget-Produktionen wiegt die Verständlichkeit den Verlust des einen oder anderen Sprachwitzes auf.
Die Einzigen, denen etwas verloren geht, seid ihr Originalfetischisten. Weil eure Augen entweder permanent den Untertiteln folgen müssen oder ihr schlicht auf einen Teil der Handlung verzichtet. Das wäre eigentlich allein euer eigenes Problem, wenn ihr nicht mit dieser Ich-bin-ach-so-polyglott-Attitüde herumstolzieren würdet.
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