"Preise sind kein Maßstab für Qualität"
Text: maren-schuster - und Martin Paul, Bild: Jürgen Bauer
Für sein neues Buch "Die Nacht, die Lichter" hat Clemens Meyer in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen - völlig zurecht, wie er meint. Im Interview erzählt er von körperlicher und geistiger Arbeit, Erfolg, seiner kreativen Gehirnhälfte und der Hassliebe zu seinen Figuren
Herr Meyer, Sie haben nach dem Abitur eine Zeit lang auf Baustellen gearbeitet - was empfinden Sie als anstrengender: körperliche oder geistige Arbeit?
Meyer: Körperliche. Aber ich muss sagen, geistige Dinge zerrütten einen eben geistig. Man merkt das und diese Zerrüttung kann dann auch auf den Körper abfärben. Wenn ich also jetzt ein Buch schreibe und mich das sehr mitnimmt, ich in höchster Anspannung bin und Umwerfungen erlebe, die mich psychisch mitnehmen, kann das auch auf eine Art und Weise viel schlimmer sein, als irgendwo Zement zu schleppen.
Wie wichtig ist es für Sie, gut zu sein, in dem was Sie tun?
Ich selbst habe eine Erwartung an mich und die muss ich einlösen.
Alles andere ist für mich nicht wichtig. Was andere Leute über mich denken ist sekundär für mich.
Das bedeutet, Sie entscheiden, was gut ist?
Natürlich, wer sonst.
Wären Sie gern Kritiker?
Nein. Ich bin natürlich auch Leser und lese Bücher von Kollegen.
Aber Kritiker möchte ich nicht sein.
Sind Preise für Sie ein Maßstab für Qualität?
Nein. Ganz und gar nicht. Preise sind kein Maßstab für Qualität.
Definitiv überhaupt nicht. Preise sind Anerkennung und es gibt Geld. Das ist das Wichtigste. Zusätzlich gibt es ein bisschen Ruhm. Ich kann viele Beispiele nennen von Leuten, die in den letzten Jahren Preise gewonnen haben, große wichtige Preise, die ich für qualitativ absolut minderwertig halte.
Nennen Sie uns einen?
Nein. Aber es gibt sie.
Wie ist es, wenn man selbst so einen Preis nicht gewinnt?
Das ist wie im Sport. Man muss auch verlieren können und ich sag mir immer, mein eigenes Schreiben, das was ich tue, wovon ich lebe, wird durch einen Preis weder besser noch schlechter. Preise sind Ruhm, Bestätigung und Geld und einen Moment das Gefühl on Top zu sein. Aber was bestehen bleibt sind nicht die Preise, sondern die Bücher. So trennt sich dann auch die Spreu vom Weizen.
Sie waren 2006 schon mal für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Ja, da war ich großer Favorit und wenn 2006 ein Buch hätte gewinnen müssen, dann war es meins. Mein Gewinn ist damals, wie ich hörte, auch nur an einer Stimme gescheitert.
Glauben Sie, dass Sie sich verändert haben, seitdem Sie erfolgreich schreiben?
Was heißt "erfolgreich schreiben"? Ändern wir das mal in "seitdem ich Erfolg habe, mit dem was ich mache". Erfolgreich geschrieben habe ich auch schon vor sechs, sieben Jahren, weil ich immer schon so geschrieben habe, wie ich schreibe. Mein Schreiben, hoffe ich, hat sich nicht verändert. Wenn dann nur in dem Sinne, dass man sich weiterentwickelt. Ich als Person, habe mich natürlich verändert. Das ist doch ganz klar: Wenn man jahrelang irgendwo in einer Wohnung gesessen hat, wenn man wenig gehabt hat, dann ein Buch geschrieben hat und sich plötzlich von einem Tag zum anderen alles ändert. Wen soll das kalt lassen, wer soll daraus unverändert hervor gehen? Aber gleichzeitig versuche ich auch bei mir selbst zu bleiben. Wenn ich schreibe ist das eigentlich die Phase im Leben, in der ich ganz nah bei mir selbst bin.
Ich denke, sowohl Erfolg als auch Misserfolg können ein Ansporn sein.
Schlechte Kritiken und gute Kritiken, beides. Ich denke, dass man viel Kraft haben muss, seinen Weg weiter zu gehen und bei sich zu bleiben.
Ich denke, dass ich die hoffentlich noch für eine Weile habe.
Sind die Phasen des Nah-bei-sich-seins, des Schreibens, angenehme Phasen für Sie?
Das Angenehme ist bei mir vom Unangenehmen nie zu trennen. Ich bin kein Mensch, der sagt: Ich bin glücklich, mir geht es gut, das Leben ist toll. Wozu auch? Dann brauchte ich kein Schriftsteller zu sein.
Aber Sie fühlen sich wohl mit dem, was Sie tun.
Es ist das, was ich machen muss. Ich transportiere in dem Sinne die Person Clemens Meyer. Ich bin meine eigene Marke. Alles andere, was Leute mit dem Wort Schriftsteller verbinden, interessiert mich nicht.
Ich bin, der ich bin und ich schreibe nun mal.
Sie sagen, dass Sie schon immer schreiben wollten. Woher kommt Ihre Liebe zur Literatur?
Mein Vater hatte eine große Bibliothek, er ist Krankenpfleger und hat immer viel gelesen. Und seit ich lesen kann, schreibe ich. Woher das genau kommt, keine Ahnung, dass weiß ich nicht genau. Aber es ist so.
Wahrscheinlich ist das eine Mischung aus in die Wiege gelegtem Talent, Berufung und auch dem einen oder anderem, was man in der Kindheit mitbekommt. Es gibt da verschiedene Thesen.
Eine meiner eigenen Thesen ist beispielsweise, dass es damit zu tun hat, dass ich auf einem Ohr taub bin. Ich höre auf dem linken Ohr nichts, gar nichts, null Prozent. Deswegen schlafe ich immer auf der rechten Seite, damit ich nichts höre. Mein Leben lang schlafe ich auf dieser Seite, auch als Kind schon. Wenn ich nachts aufwache und auf der anderen Seite liege, muss ich mich umdrehen, um die Stille wieder herzustellen. Auf diese Weise fließt das Blut natürlich nach unten auf die rechte Seite.
Und tagsüber schreiben Sie dann mit der rechten Gehirnhälfte?
Ich hab mich bei einem Arzt erkundigt und der meinte, dass sei eine gute These. Denn auf dieser Gehirnhälfte sitzt die ganze Kreativität. Kreativität, Emotionen das ist alles hier. Das ist auch die Hälfte auf der ich wahrnehme. Auf der anderen Seite nehme ich nicht richtig wahr. Ich sehe zwar ein paar Bilder, aber ich nehme nichts Räumliches und Akustisches wahr. Das ist eine dunkle stille Welt auf der anderen Seite. Nur auf der rechten Seite nehme ich wahr. Ich denke, dass damit alles zusammenhängt. Ich kann also Gott oder wem auch immer dankbar sein, dass ich von Geburt an auf einem Ohr taub bin. Das Blut ist immer hier. (Zeigt auf seine rechte Kopfhälfte.) Aber es sollte natürlich auch mal woanders sein (lacht). Sonst klappt es im Leben nicht.
Auf der nächsten Seite erzählt Clemens Meyer von der Hass-Liebe zu seinen Figuren und der Angst vor dem Tod