Reflexionen eines Samstags im Café
Da mir der heutige Tag etwas aus dem Ruder geraten ist durch ein spätes Aufstehen und mein Vorsatz, mich sportlich in Bewegung zu setzen aufgrund eines samstäglichen Dauerregens verhindert wurde, führte mich mein Weg in die Stadt. Welcher Ort wäre passender als ein lebendiges, quirliges Café? Der Versuch, mich auf mein Lesepensum für die Uni zu stürzen, wurde verhindert von einer quer über die Tischbank laut vorgetragenen Diskussion um eine Scheidung und die Regelung von Wohnungen, Geld etc. Anzumerken sei ferner, dass nicht beide Beteiligten anwesend waren, sondern nur der männliche Part. Da an diesem Tag sowieso anscheinend nichts so gelingen wollte, wie ich es mir gedacht hatte, legte ich die Texte beiseite und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Mein Blick wanderte über die Bestellungen der anwesenden Leute und verwundert stellte ich fest, wie viele Leute nachmittags schon Bier tranken. Angemerkt sei, dass es sich nicht um ein Café im Freistaat handelt – obwohl, wer trinkt dort in einem Café Bier? Mit dieser Frage kurzzeitig beschäftigt, wird meinem Tischnachbarn ein Weizenbier serviert. Ok, vielleicht bin ich auch einfach nur uncool. Als die Scheidungsleute den Tisch verlassen hatten und eine sich in normaler Lautstärke artikulierende Gruppe ihre Plätze besetzt hatte, wanderte mein Blick weiter. Meine Gedanke griffen nun die zwischenmenschlichen Beziehungen auf. Nicht durch Zufall, drängt sich eine Beschäftigung doch geradezu auf beim Anblick von Freundinnen-Paarungen oder der klassischen Männlein-Weiblein-Paarung, die in überwältigender Zahl auszumachen waren. Ist es wirklich ein bestimmtes Weltbild, auf das man sich mit 20/Anfang 20 bei der Partnerwahl festlegt, wie ich aus der Lektüre Sebastian Haffners (Geschichte eines Deutschen)mich erinnere? Als meine Gedanken der Frage nachgehen wollten, zögerte ich, ob ich nicht ein Bier für die Beantwortung der Frage heranziehen sollte und mit meiner Gewohnheit brechen, erst nach Einbruch der Dunkelheit Bier zu trinken. Ich blieb standhaft. Aber zurück zur Weltbildfrage: sie ist mir in Erinnerung geblieben, da ich zu der Zeit eine lange Partnerschaft hinter mir hatte. Besonders in der Zeit nach der Schule mag diese Weltbildtheorie zutreffen. Ob sie mit fast Mitte 20 noch zutrifft, bleibt noch zu klären. Wird die Studienzeit oft als „Findungsphase“ bezeichnet, so kann man auch in der Partnerschaftswahl von so einer Findungsphase ausgehen. Allerdings mit dem Unterschied, ein festeres Bild vor Augen zu haben, festere Vorstellungen – eine Art Wertekodex oder Erfüllungskatalog des Partners/der Partnerin. Man verbindet mit der Partnerschaftswahl ein bestimmtes Weltbild, das diese Punkte erfüllt. Nähert man sich der Mitte 20, so übernimmt man diese Vorstellungen nicht vollständig. Ohne Zweifel schwingt bei der Partnerwahl immer die Persönlichkeit, die Erscheinung, die ganze Art des Anderen mit, jedoch gibt man sich bezüglich des Erfüllungskataloges nicht mehr so starr. Diese „Flexibilität“ nimmt mit fortschreitendem Alter zu als eine Art – nehmen wir den besten Fall an – fortschreitende Reife eines Jeden. Zufrieden um die Erkenntnis nehme ich noch einen belebenden Schluck Milchkaffee und trete den Weg in die mittlerweile regenfreie Stadt an.- Immer das Gleiche aber nie das Selbe 18.01.2009
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08.04.2008 - 20:41 Uhr
sebastian-mraczny