Wenn Jungs schwanger werden
Text: meredith-haaf - und peter-wagner
Franz, Max und Jan sind ungeplant Vater geworden. Hier erzählen sie, wie das Kind ihr Leben veränderte
Die ungeplante Schwangerschaft hat in der Ausrüstungskiste der kulturellen und gesellschaftlichen Debatten ihren festen Platz: Eine der berühmtesten Figuren der Literatur ist das Gretchen mit ihrem Kindsmord; kaum ein Recht ist so umstritten wie das auf Abtreibung; die Frage „Was tu’ ich, wenn ich schwanger werde?“ stellt sich jedes Mädchen, sobald sie in Erwägung zieht, Sex zu haben. Und der Film Juno über eine 16-Jährige, die von ihrem Kumpel schwanger wird und beschließt, das Baby auszutragen und einem älteren Ehepaar zur Adoption zu geben, ist so etwas wie eine Kinosensation.
Was nun auffällt: Geht es um Babys, zumal ungeplante, dreht sich alles um die Mütter. Ihr Umgang mit der Schwangerschaft und ihre Entscheidungen stehen im Mittelpunkt der Diskussionen. Sowieso wird in Deutschland viel über Mütter gesprochen und geschrieben: über junge Mütter, über Karrieremütter, über Leihmütter, über alleinerziehende Mütter. Seit bald zwei Jahren gibt es eine Debatte darüber, wie viele Kinderkrippen es braucht, wenn man die demografische Entwicklung korrigieren und nebenbei die Gleichberechtigung der Geschlechter gewährleisten will. So gibt es jetzt immerhin zwei Vätermonate und Elterngeld und ein vages Versprechen für mehr Betreuungsplätze, doch trotzdem richtet sich die Diskussion immer noch und vor allem an der Rolle der Mutter aus. Erst vor kurzem betitelte das Magazin Spiegel eine Geschichte über die Entwicklung von Kleinkindern so: „Wie viel Mutter braucht das Kind?“
Aber was passiert eigentlich mit einem Jungen, der ein Kind gezeugt hat?
Nur selten wird, bei aller Rede von „Elterngeld“ und „Vaterzeit“, die Rolle der Väter beleuchtet. Vor allem vielen jungen Vätern hängt ein tendenziell schlechter Ruf an, schließlich kennt fast jeder eine alleinerziehende Mutter, die vom Erzeuger ihres Kindes sitzen gelassen wurde. Junge Männer stehen deshalb häufig im Ruch, kein Interesse an einer eigenen Familie zu haben und ihre Liebe zur Freiheit der Liebe zur Frau vorzuziehen.
Dabei weiß man zum Beispiel bei der Schwangerenkonfliktberatung von Pro Familia in München Positives über die werdenen Väter zu erzählt. „Wir erleben die jungen Männer hier als sehr kooperativ und interessiert“, sagt eine Beraterin. Nach ihren Angaben kommen etwa zwanzig Prozent der Jungen gemeinsam mit den Schwangeren zur Beratung. „Alleine kommen die wenigsten Jungs bei uns vorbei. Und wenn, dann nur bei sehr zerrütteten Beziehungen, wenn es um die Frage geht: Ist das Kind von mir? Oder: Wie schaffe ich es, mein Kind noch zu sehen, obwohl ich kein Sorgerecht habe?“ Generell reagierten die jungen Männer „mit einer Mischung aus Angst vor den Eltern und einem Gefühl der finanziellen Insuffizienz“ auf den Nachwuchs. Und mit ein bisschen Distanz: „Für Frauen ist eine Schwangerschaft eben ein Ganzkörperereignis. Für Jungs ist das weit weg, bis das Kind dann kommt.“
Wie ergeht es jungen Männern, die plötzlich Vater werden? Drei Erfahrungen.
„Anfangs Beklemmungen“
Max, 24, lebt mit seiner Freundin Sarah, 26, und der gemeinsamen Tochter Annika, 3 Jahre, in Hamburg:
„Sarah war die erste Person, die ich an meinem ersten Zivildiensttag in einem Hamburger Altersheim sah. Erst waren wir gute Kumpels, dann wurde langsam eine Beziehung daraus. Als der Zivildienst vorbei war, und ich zum Studieren zurück nach München ziehen musste, beschlossen wir erst einmal eine Fernbeziehung zu führen. Zum Oktoberfest besuchte sie mich, und dann, zwei Tage vor Semesterbeginn rief sie mich an – mit der Nachricht.
Wir beschlossen, uns zwei Wochen Zeit zu lassen und unabhängig voneinander nachzudenken. Wir telefonierten zwar regelmäßig, aber keiner von uns versuchte, mit dem anderen über die Schwangerschaft zu sprechen. Ich wohnte zu dem Zeitpunkt noch übergangsweise bei meinen Eltern in einem Münchner Vorort und die beiden nahmen mich morgens immer in die Uni mit. Dabei schwärmten sie mir gerne vor, was mich als Student für ein wildes Lotterleben erwartete und ich saß hinten und dachte mir nur: Tja, das glaubt ihr so.
Sarah und ich haben dann gemeinsam beschlossen, es durchzuziehen. Meine Eltern habe ich vor vollendete Tatsachen gestellt. Ich ging zu meiner Mutter und sagte: „Ich muss mit dir reden“. Mehr musste ich gar nicht sagen, sie hat es mir irgendwie angesehen. Mein Vater kam gerade zur Tür herein als ich meinte: „Genau, du wirst Oma“. Er hat erstmal einen milden Schock erhalten, ging dann eine Runde um den Block, kam wieder rein und meinte: Ja, gut, dann machen wir das.
Anfangs hatte ich durchaus Beklemmungen. Aber nicht, weil ich nun an Sarah gebunden war – Probleme hat man mit jedem Partner irgendwann. Aber ich hatte Angst, dass ich auf meine Träume, Wünsche und Pläne würde verzichten müssen. Ich dachte mir: Wie bekomme ich es hin, mein Leben noch so zu gestalten, dass ich zufrieden bin? Aber das legte sich wieder. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, ein Familienleben zu führen. Und schließlich war das auch immer ein Wunsch von mir. Schon seit meiner Kindheit wollte ich Vater werden. Jetzt kann ich sagen: Abgehakt, das hab’ ich hinbekommen.
Jetzt verwirkliche ich mich an der Uni und im Job und helfe Sarah auch dabei, ihre Wünsche zu erfüllen. Klar, Backpacken, Auslandssemester, Party machen – das ist nicht drin. Ich gehe zwar hin und wieder noch aus, aber der Bedarf ist auch nicht so hoch. Manchmal fehlt es mir ein bisschen, auch mal mit Sarah auszugehen, denn das klappt in Hamburg nicht. Wir haben hier niemanden, dem wir unser Kind abends gern überlassen.
Unser Alltag ist sehr gut organisiert. Sarah geht jeden Morgen arbeiten, und bringt Annika in die KiTa. Ich gehe in die Uni und zwei Mal die Woche zu meinem Job, und hole die Kleine abends wieder ab. Die ersten eineinhalb Jahre haben wir uns gemeinsam um Versorgung und Haushalt gekümmert. Deswegen finde ich diese ganze Debatte um die Vätermonate ein bisschen albern. Ist ja schön, dass sich die Männer dann wenigstens zwei Monate Zeit nehmen, aber das ist eigentlich viel zu wenig. Ich finde, jeder Vater sollte für einen längeren Zeitraum Zuhause bleiben. Denn nur dann bekommt man wirklich mit, dass so ein Kind ein Fulltimejob ist. Aber ein schöner: Das Tollste am Vatersein ist, dass es auf einmal einen Menschen gibt, den man mehr als alles auf der Welt liebt. Für diesen Menschen hinterfragt man jede Handlung: Gebe ich jetzt das Geld für die neuen Turnschuhe aus? Ach, nein, lieber bekommt sie ihr Playmobil.
Auf der nächsten Seite erzählt Jan, 34, der seine Tochter alleine erzieht.