25.03.2008 - 19:00 Uhr

0 6 Über Twitter weiterempfehlen

Amnesty International gegen Boykott der Olympischen Spiele

Text: carla-schif - Fotos: ddp; privat

Die chinesische Regierung hat die Aufstände der tibetischen Mönche teils blutig niedergeschlagen. Nun ist eine Debatte über einen Boykott der Olympischen Spiele im Sommer entbrannt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC), der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und Amnesty International sind dagegen. jetzt.de sprach mit Barbara Lochbihler von Amnesty über Für und Wider eines Boykotts.

Amnesty International spricht sich gegen einen Boykott der Olympischen Spiele 2008 aus. Warum? Wir verfolgen die Politik, durch Dialog und Kampagnen öffentlichen Druck herzustellen, um eine Verbesserung der Menschenrechtslage zu erzielen. Seit August letzten Jahres läuft unsere weltweite Kampagne goldfuermenschenrechte.de. So wollen wir öffentlichen Druck auf die chinesische Regierung ausüben. Wenn wir die Spiele boykottieren würden, hätten wir diese Möglichkeit nicht. Durch einen Boykott wird jede Dialogfähigkeit genommen.
Hat sich, seitdem China den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2008 bekommen hat, etwas verbessert? Die chinesische Regierung hat ein Gesetz zugelassen, das ausländischen Journalisten bis Oktober 2008 die freie Berichterstattung im ganzen Land erlaubt. Dieses Gesetz gilt auch im Vorfeld der Olympischen Spiele. Diese Regelung muss auch eingehalten werden, und wir fordern zum Beispiel, dass jetzt unabhängige ausländische Journalisten nach Tibet und die Nachbarregionen reisen dürfen.
Barbara Lochbihler Wie kann man in der noch verbleibenden Zeit Einfluss auf China ausüben? Wir wollen auf die Regierungen und andere internationale Gremien Einfluss nehmen und erwarten, dass sie sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln für die Verbesserung der Menschenrechte einsetzen. Hier sind auch der DOSB und das IOC gefordert. Sie machen es sich zu einfach, wenn sie behaupten, Sport hätte mit Politik nichts zu tun. Wir erwarten, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um bei ihren chinesischen Gesprächspartnern Veränderungen zu erreichen. Auch die Sponsoren für die Olympischen Spiele müssen sich überlegen, was sie tun können, um Veränderung zu erzielen. Diese Woche tagt der UN-Menschenrechtsrat, dem auch China angehört. Die internationale Gemeinschaft muss hier versuchen, von China eine Zustimmung zu erreichen, die Vorgänge in Tibet unabhängig von UN-Gremien untersuchen zu lassen. Wie ist die Lage momentan? Es gibt sehr viele schwere Menschenrechtsverletzungen in China. Die Bedrohung und Verfolgung von Menschenrechtsaktivisten ist eine davon. Dazu kann ich einen aktuellen Fall schildern. Yang Chung Lin, ein Kritiker der Olympischen Spiele hat gesagt: „Wir wollen Menschenrechte, keine Olympischen Spiele.“ Die Olympischen Spiele würden genutzt, um von der Situation in China abzulenken. Wegen dieser Aussage wurde er nun am Montag zu fünf Jahren Haft verurteilt. Wir fordern seine Freilassung, weil er ein Recht auf freie Meinungsäußerung hat. Er ist ein weiteres Opfer des harten Vorgehens der chinesischen Behörden gegen Menschenrechtsverteidiger im Vorfeld der Olympischen Spiele. Wenn sich in nächster Zeit nichts verbessert, würden Sie dann einen Boykott unterstützen? Ein Boykott wird sicherlich nicht automatisch zur Verbesserung der Menschenrechtslage führen. Wir dürfen in unserem Engagement nicht nachlassen, deshalb kämpfen wir mit einer weltweiten Kampagne, in der wir unter anderem freie Berichterstattung für inländische Journalisten, die Abschaffung der Medien- und Internetzensur, nachhaltige Schritte zur Abschaffung der Todesstrafe und ein Verbot der Umerziehungslager fordern. Die chinesische Regierung muss verstehen, dass ihre Politik langfristig nicht zur Entwicklung und Stabilisierung des Landes beiträgt.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
carla-schif
Mehr Texte zum Label
Interview
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
6 Kommentare

speichern
BigBlueG
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.03.2008 - 19:51 Uhr
BigBlueG

Keine leichte Frage - ALLERDINGS: Ist es nicht zynisch in einem Land in dem Bauern und Entwurzelte einem menschenverachtendem Staat sich gegenüber sehen - da stehen die Tibeter bei weitem nicht alleine da - in einem solchen absurden Land SPIELE DES FRIEDENS abzuhalten?

Ich denke ein Boykott macht es nicht besser - aber mit aller macht muss man eine absurde Diktatur zum Einsturz bringen.

Mich erinnert dies alles sehr an die Spiele von 1936 - und man sollte nicht müde werden einen solche n Vergleich im Munde zu führen!

MissTerror
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

26.03.2008 - 01:08 Uhr
MissTerror

passieren muss da aufjedenfall was. und durch die olympischen spiele sind die augen eben mal auf dieses land gerichtet.
das ist ja immer alles so weit weg wenn man nicht hautnah dabei ist und dann verschwindet das oft(nicht immer) in einer kleinen ecke im kopf.
ich weiss noch nicht recht ob für oder wider boykott aber ein gutes interview. danke.

Dr_van_Helsing
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

26.03.2008 - 12:03 Uhr
Dr_van_Helsing

Ich finde die Anwtorten ziemlich unkonkret...
bringt einen nicht besonders weiter.

noplacespecial
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

26.03.2008 - 14:12 Uhr
noplacespecial

Dr_van_Helsing sagte:
Ich finde die Anwtorten ziemlich unkonkret...
bringt einen nicht besonders weiter.


dito.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

26.03.2008 - 14:12 Uhr
noplacespecial

im übrigen tut sich beim link nix

Digital_Data
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

26.03.2008 - 17:49 Uhr
Digital_Data

Dr_van_Helsing sagte:
Ich finde die Anwtorten ziemlich unkonkret...bringt einen nicht besonders weiter.


Richtig ! Man sollte man müßte etc. Und was ist nach Oktober 2008 ? Asiatische Länder haben ein hohes Ehrgefühl und die Wahrung des Gesichtes ist wichtiger als alles andere. Ein frühzeitiger Boykott mit der Option diesen zurückzunehmen, wenn bestimmte Dinge sich verbessern, könnte den Dialog anstoßen. Je länger man wartet desto schwieriger wird dies. Die olympischen Spiele einfach laufen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass beteiligte Firmen, Sportler und Reporter schon Druck ausüben werden, ist blauäugig, während der Spiele schaut jeder nur auf den Sport und ist in einem harten Terminplan gefesselt und danach sind alle weg. Es muss jetzt gehandelt werden !!

Digital_Data


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

carla-schif offline

carla-schif

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.


München