Mädchen, wie sollen wir zu eurem Untenrum sagen?
Text: sascha-chaimowicz
Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs, weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen.
Die Jungsfrage
Eigentlich zeichnen sich Mädchen gegenüber Jungs durch würdevolle Zurückhaltung aus, wenn es um ihr Schatzkästle geht oder den Pippi des Mannes. Früher waren es die Jungs, die im Pausenhof um die Wette rülpsten und in der Sportumkleide mit ihren Schamhaaren prahlten. Heute sind es die männlichen Rapper, die in Musikvideos von der Anatomie ihrer Geschlechtsteile erzählen. Besonders frei fühlen wir uns im Umgang mit unserer Sexualität deswegen noch lange nicht. So obszön wie auf dem Pausenhof waren wir eigentlich nie wieder.
In meiner Wahrnehmung ist es in Jungs-Freundeskreisen keinesfalls üblich, offen über die Beschaffenheit der eigenen Gemächter zu sprechen. Nein, vielmehr schätzen wir euren viel reiferen Umgang mit dem Thema. Wir stellen uns das so vor, dass ihr in gemütlichen Mädchenrunden bei einer Tasse Tee so umfassend wie bedacht über eure intimsten Untenrum-Probleme sprecht.
Als ich vor wenigen Wochen Charlotte Roches Lesung zu ihrem neuen Roman „Feuchtgebiete“ besuchte, geriet mein Mädchenbild ins Wanken.
Sie flutete den Saal eineinhalb Stunden lang mit Obszönitäten, so dass ihr Publikum vor Scham eigentlich hätte ersaufen müssen. In Scham ersoffen bin während der Roche-Lesung aber eigentlich nur ich. So spießig wie während dieser Lesung kam ich mir selten vor. Das überwiegend weibliche Publikum reagierte hingegen begeistert. Die kluge 30-Jährige Autorin las aus ihrem Buch, in der die Hauptfigur - nach Roches Angaben zu 70 Prozent ein Abbild ihrer selbst – Analsexphantasien ausbreitet und mitteilt, wie gerne sie an ihrer Muschi geleckt wird. Für Roche ist es befreiend, ihre Sexualität auf solche Weise zu verbalisieren, sagt sie in Interviews. Mit ihrem Text möchte sie eine Diskussion über das weibliche Selbstverständnis anstoßen. Es geht ihr um weibliches Selbstbewusstsein und Befreiung.
Das ist auch das Thema der als „Lady Bitch Ray“ bekannten Rapperin Reyhan Sahin. Sie spielt die weibliche Hauptrolle in Özgür Yildirim Film „Chiko“, der im April ins Kino kommt. Im Internet moderiert sie eine Sendung namens „Große Fische, kleine Fische“. Ihrem Studiogast B-Tight gesteht sie ihre Vorliebe fürs „Muschikraulen“: „Wir Frauen haben immer spritzige Fotzen“, sagt sie. Auch Sahin ist offenbar eine reflektierte und gebildete Frau, sie promoviert an der Bremer Universität in Linguistik. Ihr erklärtes Ziel ist es, die vermeintliche Domäne der Männer auf verbalisierte Sexualität zu durchbrechen.
Wie steht ihr dazu? Treffen Roche und Sahin da einen Nerv? Ist es euch wirklich ein bislang gesellschaftlich unterdrücktes Bedürfnis, öfters mal „Fotze“ oder „Muschikraulen“ zu sagen?
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