Lina allein zu Haus
Normalerweise ziehen Kinder von daheim aus und lassen die Eltern allein zurück. Bei Lina war es umgekehrt
Anfangs gab es fast jedes Wochenende Streit, weil Lina mal wieder nicht geputzt oder die Blumen vernachlässigt hatte. „Heute werfe ich sofort nach dem Aufstehen einen Blick auf unsere Pflanzen und gieße sie. Mit der Zeit wird einem das auch wichtiger“, sagt Lina. Nur mit dem Putzen wurden sich beide nicht einig. „Jetzt kommt alle zwei Wochen eine Putzfrau, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können“, sagt Petra. Die Situation der beiden geht ins Geld: Zwei Wohnungen – die in Borken ist übrigens sehr viel größer als die bei Bremen – dazu Benzinkosten und immer weniger Unterhalt. Ihre Kontaktlinsen muss Lina zum Beispiel selbst bezahlen. Dazu gibt sie während der Woche zusätzlich zur Schule noch zwei Mal Reitstunden. „Das nehme ich aber gerne in Kauf. Ich will am Wochenende schließlich auch meine Freizeit haben“, sagt Lina. Die Wochenenden sind etwas Besonderes für Mutter und Tochter. An ihren gemeinsamen Tagen unternehmen die beiden deshalb Dinge, die kein anderer 18-Jähriger mit seinen Eltern machen würde. Im Sommer fahren sie Inliner und gehen spazieren, zusätzlich halten sie Ausschau nach Veranstaltungen, die sie gemeinsam besuchen könnten. „Wir achten genau darauf, welche gemeinsamen Interessen wir noch haben, und gehen regelmäßig in Konzerte oder zu Lesungen. Das läuft in anderen Familien so nebenher, für uns ist das notwendig und sehr wichtig“, sagt Petra. Andere Kontakte leiden bisweilen darunter und Linas oder Petras Freunde handeln sich immer wieder Absagen ein. Das fühlt sich vor allem für Lina komisch an: „Wenn meine Mitschüler fragen, ob ich am Samstag mit auf eine Party gehe, antworte ich manchmal: ,Nein, ich mache was mit meiner Mama’ . . . “ Die Freunde wundern sich und auch der Vater, der nur 30 Kilometer entfernt wohnt, sieht Lina immer seltener, weil sie an den Wochenenden lieber ihre Mutter treffen will. „Er ist aber immer zur Stelle, wenn ich dringend Hilfe brauche. Als mir neulich während der Facharbeit der Computer abgestürzt ist, war er sofort da“. Schlimm ist das Alleinwohnen, wenn Lina krank wird. Mit einer Erkältung zum Arzt zu fahren – auf dem Fahrrad – das mag niemand. An solchen Tagen nimmt sich Petra frei und fährt zu ihrer Tochter. „In solchen Momenten ist es besonders wichtig, dass Jugendliche ein richtiges Zuhause haben, auch wenn das oft gar nicht mehr gewünscht und erst recht nicht bemerkt wird“, findet Petra. „Es geht einfach darum, dass jemand da ist, der morgens ein Brot macht und mittags fragt, wie es in der Schule lief. Das ist keine Erziehung mehr, eher eine Art Begleitung, die Lina sicher oft fehlt.“ Lina sieht die Situation nüchtern. Ihre Erziehung sieht sie als „abgeschlossen“ an und ihre Wohnsituation findet sie inzwischen ganz okay: „Irgendwann hat mir mal jemand gesagt, das sei jetzt zwar schlimm, aber ich solle es einfach als Training für später ansehen. Dann kann ich das nämlich schon – alleine wohnen.“ Dr. Wolfgang Gaiser ist Referent am Deutschen Jugendinstitut in München und stimmt Lina zu. „Die Selbstständigkeit und die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen, wird bei Jugendlichen wie Lina sicher viel stärker und früher gefördert als bei anderen 16- bis 18jährigen“, sagt er. „Wichtig sind aber die Grundvoraussetzungen, dass es in der Schule gut läuft, man einen festen Freundeskreis hat und die Eltern immer erreichbar sind. Allein wohnen bedeutet schließlich nicht automatisch, dass man sich auch allein fühlt.“ Linas Lebenssituation ist ungewöhnlich: Statistiken über allein lebende Jugendliche in Deutschland gibt es in dem Sinne nicht und am Deutschen Jugendinstitut geht man davon aus, dass die Zahlen sich „im Promillebereich“ bewegen. „Die meisten Jugendlichen ziehen lieber in Wohngemeinschaften, wo man nach Hause kommt und jemanden hat, mit dem man sich austauschen kann“, sagt Wolfgang Gaiser. „Dann muss man nicht dauernd mit der Katze reden.“ Natürlich redet Lina auch noch mit jemand anderem als ihrer Katze. Zwei Mal täglich ruft ihre Mutter an und Lina findet es nervig. „Kontrollieren statt Telefonieren“ nennt sie es. „Sie hat nichts zu erzählen, ich auch nicht, es ist nur so ein: ,Ach, du bist ja da.’“ Für Petra ist es mehr: Es ist der Versuch, einen normalen Kontakt zu halten. Trotz der vielen Telefonate bleiben manche Dinge Linas Geheimnis. „Wenn ich einen Jungen kennen lerne, bekommt Mama das überhaupt nicht mit“, sagt sie. Die Mutter sieht das aber locker. „Nicht alles mitzukriegen wird ersetzt durch einen anderen Kontakt, eine freundschaftliche Ebene. Je mehr Bemutterung da ist, desto weniger erzählt das Kind doch.“ Lina ist in den beiden vergangenen Jahren erwachsen geworden. Die Diensteliste vom Kühlschrank gehört der Vergangenheit an, sie ist jetzt ihre eigene Hausfrau. Und wenn sie in zwei Jahren ihr Abitur macht und als Letzte aus der großen Wohnung auszieht, ist sie optimal vorbereitet für das Leben allein. Was sie gelernt hat? Lina überlegt. „Wahrscheinlich werde ich meinen Kindern auch irgendwann so eine Diensteliste unterjubeln. Aber ausziehen, nur damit sie lernen, wie es läuft – das werde ich bestimmt nicht.“- Abschied vom Wachtturm: Drei Frauen und ihre Leben nach den Zeugen Jehovas 20.05.2012
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