19.03.2008 - 11:02 Uhr

4 2 Über Twitter weiterempfehlen

Die Geschichte vom kleinen Fuchs (Fortsetzung Teil X)

Text: MountMcKinley in Kindheitsrecht (9)

X.

Als der kleine Fuchs am nächsten Morgen erwachte, zeichneten die ersten Sonnenstrahlen ein schönes Mosaikgemälde auf den Boden der in die Jahre gekommenen Scheune.
Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, streckte seine versteiften Glieder, schüttelte sich einmal kräftig und trat mit gespannter Vorfreude auf diesen Tag vor den alten Schober.
Er war gestern Abend noch weiter gegangen, als er letztlich vorhatte, und der Anblick, der sich ihm nun bot, versetzte den kleinen Fuchs in schweigendes Staunen.

Über Nacht hatte es nochmals geschneit und seine Spuren waren in dem frisch gefallenen Schnee behutsam aufgenommen worden, bis sie letztlich verschwunden waren.
Die Restbewölkung der Nacht hatte sich außerdem über das Vorland gelegt und das weiße Wolkenmeer schien schier unendlich.

Er war überwältigt und fasziniert zugleich.
Er malte sich aus, wie er umgeben von Unendlichkeit alleine auf dem Gipfel sitzt.
Die Welt wird klein.
Alle Probleme und Sorgen lässt man hinter sich, unter der Wolkendecke.
Es gibt nur noch dich selbst.
Das Jetzt und Hier.

Und voller Feuer und Tatendrang, sprang der kleine Fuchs auf und stapfte Höhenmeter um Höhenmeter seinem großen Ziel entgegen.

Doch je höher er stieg, umso mühsamer wurde sein Weg. Der schützende Wald wurde lichter, die Bäume kleiner und gedrungener, der Schnee immer höher und es wurde kälter.

Nie zuvor hatte er sich solchen Strapazen ausgesetzt.
Unter seinen Pfoten taute und gefror der Schnee und immer wieder musste der kleine Fuchs anhalten, um sich die Eisklumpen, dich sich durch das ständige Tauen und Gefrieren bildeten, abbeißen.
Erschöpft und durchfroren erreichte er die Baumgrenze und der Gipfel schien immer noch nicht in greifbarer Nähe.
Im Gegenteil.
Jedes Mal, wenn er glaubte, den Gipfel nun vor Augen zu haben, stellte sich kurz darauf heraus, dass es dahinter doch noch weiter ging...
...und der kleine Fuchs verlor langsam den Glauben, sein großes Ziel jemals zu erreichen.
Ein kräftiger Wind setzte ein, nahm den frisch gefallenen Schnee in sich auf und die Eiskristalle malträtierten den kleinen Fuchs wie tausende Nadelstiche. Eine hauchdünne, weiße Eiskruste überzog ihn und jeder Schritt wurde zur Qual.
Aber Aufgeben kam nicht in Frage.
Er war so weit gekommen, hatte alles aufgegeben, sich seinen Ängsten und Zweifeln gestellt, sie überwunden und er wollte so kurz vor dem Ziel nicht einfach kapitulieren.
Doch letztlich sprach alles gegen ihn.

Die Kälte.
Die Erschöpfung.
Und die Kraft der Elemente.

Ein Adler zog stumm seine Kreise und hatte dem kleinen Fuchs lange Zeit zugesehen.
Nie zuvor hatte er in diesen Höhen und vor allem nicht zu dieser Jahreszeit Füchse beobachtet und es kam ihm sehr seltsam vor, wie langsam und mühsam, sich dieser kleine Kerl in der bitteren Kälte voranquälte.

Schließlich bewegte er sich überhaupt nicht mehr und der Triebschnee legte sich mehr und mehr über den leblos scheinenden Körper des kleinen Fuchses, bis er kurz darauf verschwunden war.
Ein frostiger Schauer durchstieß das Herzen des Adlers.
Er hatte Mitleid mit dem kleinen Fuchs, dessen Silhouette sich für ihn noch immer deutlich unter dem Schnee abzeichnete.

Er wusste nicht warum und weshalb er helfen wollte, aber er musste es einfach tun.
Sanft setzte er neben dem kleinen Fuchs auf, befreite ihn vom Schnee, hob ihn auf seinen Rücken und erhob sich ruhig, mit aller Achtsamkeit und Rücksicht auf seinen kleinen Passagier, in die Lüfte...


Neue Texte zum Label 'Geschichten':
Textoptionen
Mehr Texte von
MountMcKinley
Mehr Texte zum Label
Geschichten
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
2 Kommentare

speichern
seleukos
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

23.03.2008 - 20:32 Uhr
seleukos

Schön *
ich denke, man muss dazu nicht mehr viel sagen :)

la_pensierosita
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.04.2008 - 18:23 Uhr
la_pensierosita

schön, versunken während dessen ich laß...
*

Deine Geschichte erzählen