Fremde im eigenen Büro: Wie Journalisten mit Leser-Kommentaren umgehen
Journalismus im Netz wird zum Dialog - den Leser wie Redakteure erst lernen müssen. Eine Umfrage in der jetzt.de-Redaktion zum schwierigen Thema "Leser-Kommentare"
Der Leser-Kommentar im Internet hat kein gutes Image. Er wird wahlweise als Pöbelei oder als zumindest dumm beschrieben. Das Problem dabei: In vielen Fällen verstecken sich die guten, die interessanten und die wirklich erfrischenden Kommentare der in früheren Zeiten mal passiven Leser hinter jenen, die nicht mehr sind als aggressives Mobbing. Das Internet hat aus dem Journalismus, der vor der digitalen Revolution ausschließlich als Frontal-Unterricht inszeniert wurde, eine Art der Kommunikation gemacht, die sowohl Leser als auch Redakteure erst noch lernen müssen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie Leser unter Texten von Redakteuren ihre Meinung äußern oder wie Redaktionen mit der Meinung ihrer Leser und Zuschauer umgehen (wie das Beispiel von Matthias Dittmayer zeigt). Es geht auch um die Frage, wie Leser, die im Netz selber zu Autoren werden, miteinander umzugehen pflegen. "Schlecht", hört man den Kulturkritiker an unterschiedlichen Stellen schimpfen, "ohne Anstand" und "ohne Geschmack".
Bedrohlicher Besuch? Wie empfinden Journalisten kommentierende Leser? So wie es ein britischer Kollege beschrieben hat?
In diesen Tagen erlebt die Debatte um die moralische Güte des Leserkommentars einen neuerlichen Aufschwung: Die Süddeutsche Zeitung hat sich in ihrer Samstags-Ausgabe mit dem Thema befasst, die FAZ ließ am Montag Stefan Niggemeier ebenfalls dazu schreiben. Der kommt dabei zu dem Schluß: "Das beste Mischungsverhältnis aus Anarchie und Kontrolle wird gerade in schmerzhaften Operationen am lebenden Objekt probiert."
Man irrt, wenn man glaubt, diese Operation werde nur im deutschsprachigen Internet durchgeführt. Bei der britischen Tageszeitung The Guardian kann man nachlesen, wie in England operiert wird – ebenfalls schmerzhaft. Siobhain Butterworth, die dort als Readers Editor (also eine Art Community Manager) arbeitet, hat ihre Kollegen nach deren Ansichten über Leser-Kommentare befragt. Mit interessanten Ergebnissen: Ein Kollege vergleicht die teilweise aggressive Kommentierung seiner Texte mit der Vorstellung, morgens im Büro einer Gruppe maskierter Fremder zu begegnen, die an seinem Schreibtisch rumhängen und sich den ganzen Tag über die Art und Weise lächerlich machen, wie er arbeitet.
Natürlich läuft da – von beiden Seiten - was falsch, wenn Redakteure das Gefühl haben, ihre Leser lauerten ihnen wie maskierte Fremde auf und belästigen sie. In seinen besten Fällen ist guter Journalismus im Internet auch eine Form des Dialogs, bei dem Autoren und Leser sich wie Gesprächspartner und nicht wie Stalker begegnen.
Auf jetzt.de haben wir diese dialogische Form bereits im Jahr 2001 eingeführt. Seitdem beteiligen sich die Nutzer nicht nur, sie gestalten den jetzt-Kosmos selber aktiv mit. Dabei beschränkt sich die oft beschworene Interaktivität nicht aufs Kommentieren von Texten, trotzdem hat diese Funktion zu vielen guten Ideen und fruchtbaren Diskussionen geführt. Die Themen, die auf jetzt.de behandelt werden, gehen nicht selten auf Hinweise unserer Leser zurück und die Texte, die dann entstehen, hätten sicher mehr Fehler, wenn die Leser nicht kritisch kommentieren und Finger in Wunden legen würden. Journalisten sind nicht fehlerfrei und wenn es um die Sache und nicht um persönliche Angriffe geht, akzeptieren wir Kritik – je nach Charakter zwischen zähneknirschend und zustimmend. Es ist ja in unserem eigenen Interesse, dass Texte nicht fehlerhaft im Netz stehen.
Das gleiche persönliche Interesse verlangt aber danach, dass der eigene Namen nicht aus der Anonymität eines Nutzernamens heraus angegriffen und verleumdet wird. Zu welchen Unsitten die unterschiedlichen Formen der digitalen Diffamierung führen können, hat der Kollege Johannes Boie in seinem Text Der Fluch der Oberflächlichkeit Anfang des Jahres anschaulich beschrieben.
Grundlage für einen geglückten Dialog, der leider auch auf jetzt.de nicht immer reibungsfrei abläuft, ist unsere Netiquette, eine relative simple Anleitung für anständige Kommunikation im Netz. Die wichtigste Regel dabei: Hinter jedem Nutzernamen verbirgt sich ein Mensch. Was man diesem im persönlichen Gespräch nicht sagen würde, sollte man auch online für sich behalten. Und für alle anderen: „persönliche Beleidigungen von anderen Usern (und Redakteuren) zeugen von schlechtem Stil - der wird auf jetzt.de nicht gepflegt.“
Als die Debatte um den (moralischen) Wert von Leser-Kommentaren übers Wochenende neu aufgekommen war, haben wir lange in der Redaktion über eine richtige Darstellung des Themas auf jetzt.de diskutiert. Wir haben uns entschieden, es so ähnlich zu machen wie beim Guardian:
Auf den nächsten Seiten sprechen jetzt-Redakteurinnen und jetzt-Redakteure über ihre Erfahrungen mit Leser-Kommentaren – anonym, denn um die Namen geht es hierbei am wenigsten.
- Trostlose Helden: Bayern- vs. Kettcar-Fans im Club 27.01.2012
- Kater, Nuss und Mandelkern 23.12.2011
- Darf ich kurz stören? 08.12.2011
- Macht es nicht selbst! 30.11.2011
- Joko und Klaas sollen Wetten dass ..? übernehmen 14.11.2011
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