17.03.2008 - 19:00 Uhr

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„Die bayerische Mentalität ist mit der russischen Seele kompatibel“

Text: katarina-bader

Die beiden wollen Flyer für die nächste Piroschki-Party verteilen und schauen deshalb im „Eremitage“ vorbei, einem Friseursalon in der Josephspitalstraße. Würde man den Ton abstellen, könnte man im „Eremitage“ nichts Russisches entdecken. Aber aus der Anlage tönen russische Balladen und das Personal und viele Kunden sprechen russisch. Der Besitzer, Alexander Tsiroushkin, stammt aus einem der „ältesten Moskauer Friseurgeschlechter“, wie er erzählt. Neun Generationen lang sei seine Familie schon in der Branche tätig. 1990 hat er in Moskau den ersten privaten Friseursalon gegründet. Damals sei der Konkurrenzkampf jedoch hart gewesen: „Es war besser für meine Gesundheit wegzugehen“, sagt Tsiroushkin und es hört sich nicht an, als habe ihm die Luftverschmutzung zu schaffen gemacht. Dank der modebewussten Münchner Russinnen läuft sein Geschäft gut. „Missverständnisse beim Friseur sind folgenschwer“, sagt Tsiroushikin „vor allem Frauen gehen da lieber zu jemandem, der die Muttersprache spricht.“

Wodka Putinka

Als Nächstes geht es ins „Odessa“, einen russischen Laden in einem Hinterhof nahe des Stachus. Die Wände sind hier mit Werbung aller Art zugepflastert: In der russischen Kinderkrippe „Matrjoschka“ sind noch Plätze frei, eine Absolventin der Petersburger Akademie bietet private Klavierstunden an und Kolja, ein Bekannter von Veronika und Mascha, veranstaltet RusSound – Clubabende mit russischer Rockmusik. Nun, zwischen sechs und sieben Uhr, ist im „Odessa“ Rush-Hour: Nach Arbeitsschluss kommen russischstämmige Münchner vorbei, um zum Abendessen ein bisschen Heimat ins Haus zu holen. So zum Beispiel die 27-jährige Elena. Seit sie schwanger ist, hat sie Heißhunger auf russischen Krautsalat, der im „Odessa“ aus einem großen Fass geschöpft und in kleine Plastiktüten verpackt wird. Ganz wie in Russland sieht es in den Regalen aber nicht aus: Hier steht der 40-prozentige Wodka Putinka einträchtig neben georgischem Rotwein, der in Putins Russland wegen politischer Unstimmigkeiten aus den Regalen verbannt wurde. Mascha erzählt einen russischen Witz, demzufolge schon Wodka produziert wird, der nach dem neuen Präsidenten Medwedjew heißt. „Die Flasche ist die gleiche, aber der Inhalt nur 39,5-prozentig, damit Putin ewig der Stärkste bleiben kann.“



Abends trifft sich das Organisationsteam des „Jula-Festivals für Theater und Musik“ im „Puschkin“, einem russischen Restaurant in Schwabing. Roman, der Besitzer, ist ein Freund von Mascha und Veronika und er verwundert durch zweierlei: Zum einen ist er für jemanden, der eine eigene Kneipe führt, noch verdammt jung, und zum andern gleicht er dem Dichter Puschkin, nach dem sein Restaurant heißt, bis aufs letzte Barthaar.

Der 27-Jährige stammt aus Kasachstan. Als er nach Deutschland kam, war er elf und es gab eine Zeit, da wollte er nur Deutscher sein: Er hatte deutsche Freunde, hörte keine russische Musik und nach dem Abitur entschied er sich für eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr. Die russische Literatur, die ihm seine Mutter zum Geburtstag schenkte, stellte er oft ungelesen ins Regal. „Aber irgendwann, als ich mich in Deutschland schon ganz daheim fühlte, habe ich angefangen das Russische nicht mehr als Ballast zu sehen, sondern als Chance“, erzählt Roman. Das war genau die Zeit, in der er merkte, dass er doch kein Offizier sein konnte. Roman weiß, dass seine Eltern wegen ihm nach Deutschland gekommen sind. Ihnen ging es gut in Kasachstan. Sie hatten interessante Jobs, ein Auto und eine Datscha, aber sie glaubten, dass ihr Sohn es in Deutschland besser haben könnte. „Meine Mutter hat hier nie eine interessante Arbeit gefunden. Ihre Ausbildung wurde nicht anerkannt“, erzählt Roman. Sie habe lange von einem eigenen Restaurant geträumt, hatte aber Angst vor den deutschen Verordnungen. Jetzt hat Roman ein Restaurant für sie eröffnet. Er kümmert sich um die Bürokratie, serviert und erklärt den Gästen die russische Küche. Seine Mutter kocht Bliny, russische Pfannkuchen, und Borschtsch, Rote-Bete-Suppe. „Ich habe gemerkt, dass ich mich nicht restlos an Deutschland anpassen kann“, sagt Roman, „aber dann habe ich gemerkt, dass Sich-Einbringen sowieso besser ist“.

Am Tisch von Mascha, Veronika und ihren fünf Mitaktivisten wird derweil eifrig diskutiert. Wer kein Russisch kann, versteht dabei nur „Kulturstiftung der Kreissparkasse“, „Aktion Mensch“ und „Zuschussbewilligung“. Als die Finanzierungsfragen des Festivals geklärt sind, ist es schon fast zwölf Uhr Mitternacht. Eine Gitarre taucht auf. Roman gibt russisches Bier aus und kann sich endlich dazusetzen. In den russischen Liedern geht es um Liebe und darum, dass man gerne mal nach Jamaika fahren würde. Irgendwann holt Roman noch eine Runde Bier. Dieses Mal Augustiner, denn letztlich ist das allen hier am liebsten. „Passt übrigens geschmacklich bestens zu Pelmeni“, sagt Roman und isst noch eine der typischen russischen Teigtaschen, die auf einem Teller in der Tischmitte liegen.
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Katarina Bader