Filmkolumne (VII) Ayuda - Klappe Eins, die Erste
Text: nadine-gottmann
Nadine erzählt in acht Folgen von einem Projekt, aus dem nach eineinhalb Jahren ein echter Film wurde. In der siebten Folge fängt der Dreh endlich an und Nadine fragt sich: Wie kriegt man den Film in den Kasten?
Wenn man einen Film eineinhalb Jahre lang vorbereitet hat, dann ist der Dreh wie Weihnachten, nur ohne Geschenke: Man muss lange warten, isst viel zu viele Süßigkeiten und alle sind wie eine große Familie. Unser Hauptdreh dauerte insgesamt 18 Tage. 18 Tage Weihnachten. Toll!
Nein, bei einem Dreh ist nicht jeder Tag wie Weihnachten. An manchen Tagen ist man einfach nur ein Haufen Leute, die sich zu lange nicht rasiert haben und zu lange aufeinander hängen. Aber so ist es ja bei manchen an Weihnachten auch.
Die Feuerwehr macht Regen…
Klappe 1 - Die Regie
Was die Coen-Brüder können, das können wir auch, dachten Sebastian, Ralf und ich. Doch entweder ist Blut wirklich dicker als Wasser oder die Coens wissen ganz genau, warum sie keine Coen-Schwester dabei haben, denn als Team Regie zu führen, ist schwieriger als wir dachten. Ralf kümmert sich zusammen mit dem Kameramann um die Bildgestaltung. Dazu verschwindet er die meiste Zeit hinter seinem Watchman, einem Monitor, der an die Kamera angeschlossen wird, um das Bild zu überprüfen. Leider haben wir für unser Nicht-Geld eine Watchman-Variante bekommen, auf der man fast nichts erkennen kann, und jetzt liegt ausgerechnet in der Nacktszene unser Kabel im Bild.
Sebastian und ich machen währenddessen die Schauspielerarbeit. Wir treffen uns nach der Stellprobe, solange das Set hergerichtet wird, mit den Darstellern in einem der Zimmer, besprechen und proben ihre Szenen. Dabei ist unsere Hauptaufgabe, darauf zu achten, dass die Schauspieler nicht zu viel geben. Film ist nämlich nicht Theater, daher bitte keine großen Gesten.
Regie führen ist anstrengend, weil man die ganze Zeit die Verantwortung trägt, dass auch alles klappt und nicht 40 Leute umsonst arbeiten oder die Sponsoren umsonst ihr Geld in das Projekt stecken. Und auch wenn man nach 14 Stunden Dreh selbst müde ist oder dem Drehplan hinterher hinkt, muss man immer zuversichtlich wirken und die anderen weiter motivieren. Aber es ist so schön, durch das Haus zu gehen wie durch seine eigene Geschichte und mit den Schauspielern über die Figuren zu sprechen, als wären sie echte Menschen.
…für den dramatischen Schluss
Klappe 2 - Die Aufnahmeleitung
Eva, Tobi und Moritz, unsere Aufnahmeleiter, werden uns erst bei der Premiere glauben, dass wir wirklich einen Film gedreht haben. Wenn sie es mit eigenen Augen gesehen haben. Denn vom Filmen bekommen sie leider nichts mit. Sie schlagen sich damit herum, dass wir an vier Tagen nichts zu Essen bekommen, dass unser DAT-Rekorder den Ton nicht mehr aufnimmt, dass das Klo verstopft ist, dass die Maskenbildnerin jedes Mal, wenn wir sie anrufen, einfach auflegt, dass ein Schauspieler zwei Tage früher als erwartet abreisen muss, dafür der Flieger einer anderen Schauspielerin einen Tag zu spät gebucht ist. Die Aufnahmeleiter kaufen uns Eis und Speed (das No-Name-Twix) sie organisieren einen Steiger von der Feuerwehr, bringen uns Aspirin und Tee in den Tassen mit unseren Namen, die sie gebastelt haben.
Jeden Abend erstellt die Aufnahmeleitung die Disposition, also den Zeitplan, für den nächsten Tag. Da wie bei professionellen Produktionen immer elf Stunden Pause zwischen zwei Drehtagen liegen müssen, wir aber jeden Abend noch länger drehen, beginnen unsere Drehtage immer später. So ist das Frühstück am Ende der Woche auf 16 Uhr angesetzt, dennoch sagt jeder "Guten Morgen".
Trotz der scheinbaren Unlösbarkeit mancher Aufgaben kriegen die Aufnahmeleiter irgendwie alles hin. Und so hat Sebastian jetzt zwar eine Handyrechnung wie die Problem-Teenies aus dem Fernsehen von über 400 €, wir bekommen aber leckeres Mittagessen, ein eigenhändig repariertes Klo und durch irgendeinen Fehler im System bei den ganzen Flugumbuchaktionen mehr Geld zurückerstattet, als wir bezahlt haben.
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