11.03.2008 - 19:20 Uhr

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Faschismus im Klassenzimmer: "Die Welle" ist im Kino. So richtig gut ist der Film aber nicht

Text: sascha-chaimowicz - Foto: dpa

Wie sich Dennis Gansel mit der Schullektüre plagt

Eine Schultheatergruppe, die an der Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame scheitert“ und ein Wasserball-Turnier, das verloren geht - ein Schüler schlägt seine Faust wütend ins Wasser. So beginnt der Kinofilm „Die Welle“. Was haben die beiden Episoden gemein? Das Scheitern. Es fehlt an Ordnung, an Teamgeist, an Zusammenhalt. Bei der Theaterprobe hält sich keiner an den Text, beim Wasserball-Turnier scheitert die Schulmannschaft am Pass-Spiel. Im Film ist diese Orientierungslosigkeit einer Gruppe junger Menschen, symbolisch in Szene gesetzt durch die beiden Anfangs-Episoden, fruchtbare Basis für die Entstehung von Autokratie.
Vorlage für den Film ist der gleichnamige Schullektüren-Klassiker von Morton Rhue. Sein Kultroman basiert auf einer wahren Geschichte, die sich 1967 an einer Highschool in Kalifornien zugetragen hat: Geschichtslehrer Ron Jones wird in einer Schulstunde mit der Frage konfrontiert, wie die Deutschen den Nationalsozialismus mit all seinem Schrecken mitmachen konnten. Jones startet einen Klassen-Selbstversuch, in dem die Schüler durch Disziplin und Autoritätshörigkeit zu einer Gemeinschaft geformt werden. Die Klasse reagiert mit Begeisterung auf das „Third Wave“-Projekt, das nach wenigen Tagen auf die gesamte Schule übergreift und nach einer Woche vom Lehrer abgebrochen werden muss. Regisseur Dennis Gansel („Mädchen, Mädchen“, „Napola“) hält sich weitgehend an die Romanvorlage, versetzt die Geschichte jedoch in das gut-bürgerliche Umfeld eines deutschen Gymnasiums. Jürgen Vogel spielt den sympathischen Lehrer Rainer Wenger, einen ehemaligen Hausbesetzer im „Ramones“-Shirt, der von seinen Schülern geduzt und geliebt wird. Es ist Tag eins der Projektwoche, Thema „Staatsformen“. Rainer ist die „Autokratie“-Gruppe zugeteilt worden. Die Stimmung in der Klasse ist bockig: „Nazi-Deutschland war scheiße. Langsam habe ich es auch kapiert“, rotzt es von den hinteren Bänken der Klasse. - „Ihr seid also der Meinung, dass ne Diktatur heute in Deutschland nicht mehr möglich wäre?“, fragt Rainer. Es ist der Auslöser für den Selbstversuch, der tragisch enden wird: Ab sofort heißt Rainer nicht mehr Rainer sondern „Herr Wenger“. Die Schüler müssen sich melden und aufstehen, wenn sie sprechen möchten. „Macht durch Disziplin“, heißt die Parole, und wer nicht spurt, wird hinausgeschmissen. Die Gruppe bekommt einen Namen – „Die Welle“ – und grenzt sich durch Uniform nach außen ab. Das Projekt verselbstständigt sich und „Die Welle“ überrollt die gesamte Schule. Das alles weiß man bereits, der Roman wurde 1981 in Amerika schon einmal verfilmt. Was kann Regisseur Gansel der Vorlage neu abgewinnen? Klar soll der Zuschauer sehen, wie eine Diktatur entstehen kann, er will jeden einzelnen Schritt nachvollziehen. Phasenweise funktioniert das in „Die Welle“. Etwa, als die Schulklasse beschließt, ihr Projekt nach außen hin durch eine Uniform zu präsentieren. Die Schüler sehen den Spaß an der „Verkleidung“, und schon ist die Klasse uniformiert. Das lässt sich als Zuschauer leicht schlucken. Wenn aber von einem Tag auf den nächsten Mitschüler nicht mehr ins Schulgebäude gelassen werden, da sie nicht uniformiert sind, stellt sich beim Zusehen das Gefühl ein, dass hier eine Sprosse auf der Autokratie-Leiter übersprungen wurde. Hier fehlt die kritische Distanz, die einem echten Oberstufen-Gymnasiasten durchaus zugetraut werden darf. Denn entscheidend für die Glaubwürdigkeit des Radikalisierungsprozesses in der Klasse ist die Echtheit der Charaktere. Und hier liegt das Problem: Der Regisseur inszeniert die Jugendlichen in der Oberfläche sehr realitätsnah – Sprache und Aussehen passen so gut wie selten im Vergleich mit anderen deutschen Jugendfilmen (als Beispiel für völliges Scheitern sei hier nur Gansels „Mädchen, Mädchen“ genannt). Den Charakteren fehlt es aber an der Tiefe, die nötig wäre, um sie gerade für jüngere Zuschauer realistischer zu machen. Die Protagonisten kiffen und keifen sich rotzfrech an – typisch pubertär eben. Doch wo bleiben Ironie und Selbstreflexion kluger junger Menschen? Setzen sie sich wirklich nicht mit der Wirkung ihres Handelns auseinander? „Ihr seid also der Meinung, dass ne Diktatur heute in Deutschland nicht mehr möglich wäre?“ Nach etwa eineinhalb Stunden endet ein sehr unterhaltsamer Film, der diese entscheidende Frage aber nur im Rahmen des Films beantworten kann. Besonders "echt" und glaubwürdig aber wirkt er in seiner Botschaft nicht.


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janchef
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Mag ich Mag ich nicht

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11.03.2008 - 20:04 Uhr
janchef

hm, wie heist das original aus 1981, ist es denn wenigstens sehenswert?

Digital_Data
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Mag ich Mag ich nicht

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11.03.2008 - 20:34 Uhr
Digital_Data

Ich habe es damals auf ORF 2 bei Xtra Large (glaube ich hieß die Sendung) gesehen. Das war aber nur etwa 45 Minuten lang. Hat mich aber eben so beeindruckt, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Leider habe ich es nie wieder gesehen und weiß leider auch den Titel nicht.

"Das alles weiß man bereits, der Roman wurde 1981 in Amerika schon einmal verfilmt. Was kann Regisseur Gansel der Vorlage neu abgewinnen?" Interessante These, dass jeder die Geschichte kennt, halte ich zumindest für bedenklich. Ich habe schon öfter in Gesprächen darauf Bezug genommen und wurde immer nur ungläubig angestarrt. Ich kenne derzeit niemand meiner Altersgruppe, der das kannte.

Digital_Data

webber
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Mag ich Mag ich nicht

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11.03.2008 - 22:16 Uhr
webber

Ich kann dem Autor des Textes nur völlig zustimmen, habe den Film in der Sneek Preview gesehen und bin auch mit dem Gefühl rausgegangen, dass die Schüler doch arg einfach auf den "Gemeinschaft" Gaul aufgesprungen sind. Schade auch dass der Film in Deutschland spielt, denn in Amerika kann ich mir nach einem Jahr Aufenthalt in einer dortigen Highschool noch eher vorstellen, dass soetwas möglich wäre.

-lukas

Digital_Data
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11.03.2008 - 22:24 Uhr
Digital_Data

@webber

Mal ne Frage, kennst Du den Film "Das Experiment" mit Moritz Bleibtreu ? Würdest Du sagen, der ist nachvollziehbarer.

Digital_Data

keos
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Mag ich Mag ich nicht

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11.03.2008 - 22:28 Uhr
keos

der alte film ist gar nicht mal so schlecht, finde ich.
wieso muss man das jetzt nochmal machen?

Digital_Data
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Mag ich Mag ich nicht

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11.03.2008 - 22:48 Uhr
Digital_Data

keos sagte:
der alte film ist gar nicht mal so schlecht, finde ich.wieso muss man das jetzt nochmal machen?


Kennst Du den, wie heißt der und wie lange ist der, ich kenne nur ne kurze Variante die damals auf ORF lief.

Digital_Data

weejoystick
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11.03.2008 - 23:29 Uhr
weejoystick

ich kann der kritik nicht zustimmen.
der film ist gut in die heutige zeit umgesetzt. das ende ist härter als im film und vielleicht ein bisschen zu sehr aufgesetzt.
aber der rest ist doch durchaus realistisch dargestellt.

"Hier fehlt die kritische Distanz, die einem echten Oberstufen-Gymnasiasten durchaus zugetraut werden darf"

hier darf ich nur kurz an die vorlage des buches erinnern (wie auch im text zitiert). 1967 wurde das experiment auf einer highschool in amerika durchgeführt und 12 jahre nach dem II.WK hat es auch dort funktioniert...!

ein weiteres beispiel wie schnell machtstrukturen funktionieren können zeigt ein anderer guter deutscher film: das experiment.
da funktioniert die sache schon nach dem dritten tag...

soviel zum realismus in diesem film.

die charaktere haben nicht besonders viel tiefe, das stimmt. aber trotzdem ein guter deutscher film, den man gesehen haben sollte.

dem_osten_so_nah
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Mag ich Mag ich nicht

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12.03.2008 - 00:51 Uhr
dem_osten_so_nah

ich fand schon das buch richtig schlecht.

the-wrong-girl
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12.03.2008 - 00:54 Uhr
the-wrong-girl

Der hieß auch "Die WEelle".

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Welle_%...

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Mag ich Mag ich nicht

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12.03.2008 - 00:55 Uhr
the-wrong-girl

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