sechsundsiebzig stufen II
Text: KleinOrangenmaedchen
Draußen ist es Abend geworden, der Tag wird nur noch von den Straßenlaternen beleuchtet. Sie stellt sich vor das Schlafzimmerfenster und beobachtet die Menschen in ihren Anzügen, ihren dunklen Wintermänteln, mit bunten Plastiktüten unter den Armen, wie sie die Straße überqueren, wie sie die Eile mit in die Nacht nehmen. Es ist eine belebte Gegend, in die sie vor ein paar Jahren gezogen ist.
Vielleicht waren es auch nur Monate und vielleicht hat sie niemals woanders gewohnt, gelebt.
Das Fenster ist nur angelehnt, ein frostiger Wind strömt unermüdlich durch den schmalen Spalt und hinterlässt eine Gänsehaut. Im Nachthemd steht sie dort, ein dünner, eierschalenfarbener Stoff, umhüllt den mageren Körper. Das lange, blonde Haar weht langsam. Die tickende Wanduhr einen Raum weiter ist längst zum Teil der Stille geworden. Sie steht dort lange, bis ihre Füße ganz blutleer sind vor Kälte, bis das Licht aller zweiten Laternen erlischt.
Es ist eine ruhige Nacht. Der Wind hat sich zurückgezogen, der Mond zeigt sich nur noch als dünne Sichel.
Schlaflos liegt sie dort, in diesem viel zu großen Bett, das kaum durch die Wohnungstür gepasst hat, damals. Sie liegt dort alleine unter der breiten geblümten Decke mit kalten Füßen und ohne Träume.
Als er noch neben ihr gelegen hat, hatten sie einen Rollo vor dem Fenster. Um nicht vom Tag geweckt zu werden.
Stunden vergehen, dass man sie hören könnte, und sie wünscht sich den Sturm herbei, den Regen. Die kleinen Augen wach, geöffnet, starren an die Decke. Abdrücke von kleinen erschlagenen Schnaken auf dem dunklen Weiß. Nur noch mit zugekniffenen Augen sichtbar, zu erkennen.
Als der Tag kommt, steht sie schon in der Küche und füllt den Wasserkessel. Sie kocht ihren Tee, ihre Füße tragen sie in das kleine Bad, ohne Fenster. Man hört nur den surrenden Deckenleuchter, der Tageslicht wiedergeben soll.
Er hat sie nicht verlassen. Irgendwann lag er morgens einfach nicht mehr neben ihr und die Luft in der Wohnung roch anders. Er ist gegangen und seitdem stehen die Schuhe vor der grellweißen Tür. Glanzloses braunes Leder, viel zu klein für seine Füße. Vielleicht waren es einmal ihre Schuhe.
Es ist einer dieser Tage, an dem sie ganz fest glaubt, nicht befürchtet, dass er den Schlüssel ins Schloss stecken wird. In das Schloss der grellweißen sperrigen Wohnungstür.
…
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10.03.2008 - 23:37 Uhr
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