04.03.2008 - 22:30 Uhr

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sechsundsiebzig stufen I

Text: KleinOrangenmaedchen

Plötzlich kommt der Schnee zurück. Und die Stille wird verbannt von dem brodelnden Teekessel auf der Herdplatte. Wäre es Herbst, hätte man die Blätter gesehen, sich unermüdlich jagend, und sie hätte sie in den Nächten hören können, auf Dachfenstern, vom Wind gepeitscht. Vielleicht war es auch nur eine Nacht und vielleicht war auch schon Herbst. Die Tage, die sie am liebsten schlafend verbringt, reihen sich wortlos aneinander. Es sind seine Schuhe, die vor der Wohnungstür stehen, man sieht weißgraue Linien vom Streusalz auf dem braunen glanzlosen Leder. Im Flur, sechsundsiebzig Stufen hinunter, riecht es nach Putzmitteln. Es ist ein altes Haus und doch hat der Allzweckreiniger, beißend, den Geruch von Menschen verschluckt. Ein Klingeln an der Wohnungstür. In dem Moment, in dem das heiße Wasser mit einem Zischen überkocht, es wie verbrannt riecht. Monoton und doch störend schrillt es, schellt es in den Tag, an dem die Straßenlaternen schon bald angehen werden. Sie mag es, hinter der grellweißen Wohnungstür zu stehen und durch dieses winzige Loch in den Flur zu schauen. Dorthin, wo sie so oft, seine Augen sieht. In seine dunkelgrünen Augen blickend. Heute kann es nicht er gewesen sein. Als sie an dem Platz vor der Tür ankommt, nachdem sie den Tee gekocht, das heiße Wasser aufgewischt, sich an der dünnen Hand verbrannt hat, sieht sie nur die Treppengeländer, die ineinander übergehen und den zertretenen Boden, der zu der anderen Tür führt. Noch ein paar Minuten, vielleicht auch Stunden, bleibt sie dort stehen, der Tee ist nicht mehr heiß, als sie wieder in die Küche kommt. Sie weiß, dass er noch einen Schlüssel hat und dass er jedes Mal, wenn sie vor der Tür steht und er dahinter oder vielleicht auch er vor der Tür steht und sie dahinter und sie nur diese sperrige weißgrelle Holztür voneinander zu trennen scheint, diesen Schlüssel einfach in das Schloss stecken und aufschließen könnte. Sie wäre ruhig, nicht erschrocken, würde nicht zu Boden schauen, nicht weglaufen, wäre gefasst. Sie weiß, dass der Tag kommen wird, an dem dies geschehen wird, an dem er sie wieder sehen wird. Er wird erschrocken sein darüber, wie dünn sie geworden ist, wird ihre herausstehenden Beckenknochen anstarren und den verbrannten Geruch, der mittlerweile stetig aus der Küche kommt, die Wohnung erfüllt, wahrnehmen und versuchen, in ihre Augen zu schauen. Vielleicht wird er wissen, dass sie seine alle zweidrei Tage gesehen hat, ganz dicht. Doch wenn er alle zweidrei Tage kommt, bleibt er dort stehen, klingelt monoton und schrill und durchbricht die Stille kurz, aufbrausend, unbewusst. Er bleibt dort solange stehen und wartet, er scheint zu warten, dass ihre Beine eingeschlafen sind, wenn sie ihr blasses Gesicht von dem Guckloch entfernt, noch seine schneller werdenden Schritte wahrnimmt, auf dem gereinigten Holzfußboden der sechsundsiebzig Treppenstufen und in die Stille zurückkehrt, in die Küche, das kleine Bad, das Schlafzimmer. Das Küchenfenster führt zu einem Hinterhof hinaus. Stets gekippt, dringen Stimmenfragmente hinein, Kinder, die dort einem roten Ball hinterherlaufen, lauter und leiser lachen. An manchen Tagen verharrt sie vor diesem Fenster, schließt die Augen, hört den Stimmen zu, hört den roten Ball, wie er in eine Pfütze springt, hört eine Katze bei den Mülltonnen, ordnet die Stimmen später den kleinen Gesichtern zu mit den gesund geröteten Wangen. An diesen Tagen geht sie später hinaus, verlässt die Wohnung, drückt die sperrige Tür hinter sich fest zu, übersieht die Lederschuhe, deren weiße Salzabdrücke schwinden, und geht, ohne sich an dem Geländer festzuhalten, die sechsundsiebzig Stufen hinunter. Sie öffnet das Fach im Flur im Erdgeschoss, in dem ihre Post gesammelt wird. Postkarten liegen darin, ohne Umschläge, zeigen sie wohl Städte und Dörfer und Wiesen und das Meer und alle zeigen sie das gleiche. Und jedes Mal an diesen Tagen liegt ein Umschlag darin, zitronengelb, nicht sehr dick. Sie nimmt ihn hinaus, streicht über die bunte Briefmarke und steckt in ihre Tasche. Ihre Tasche ist nicht schwer, über ihrer kindlichen Schulter baumelnd. Sie geht einkaufen und kauft Tee und Kaffee, den sie doch nie trinkt, und vielleicht kauft sie Bananen oder Äpfel, Salat, kleine Cervelatwürstchen, eingelegte Gurken, Margarine. Sie mag es, die Waren auf das schwarzgraue Fließband zu legen, zu beobachten, wie es die Gegenstände vorwärtszieht. Auf dem Rückweg schaut sie in die Schaufenster, sieht sich in dem spiegelnden Glas, erschrickt nicht, läuft in langsamen Takten, möchte den Passanten, die an ihr vorbeigehen kurz in die Augen blicken, nur kurz. Wenn sie wieder in der Wohnung ist, gehen die Straßenlaternen an, gegenüber von dem Schlafzimmerfenster, angenehm gelbes Licht füllt den vorderen Teil des Raumes. Sie füllt den Kessel mit Wasser, stellt ihn auf die gleiche Herdplatte, auf den hinterlassenen Abdruck. Man könnte den Teekessel bald darauf brodeln höre, stände man vor der sperrigen grellweißen Tür. ( Und dann würde man auch sehen, dass seine Füße nie in diese glanzlosen Lederschuhe hineingepasst haben könnten. ) . . .


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8 Kommentare

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stellawasadiverandshewasalwaysdown
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2008 - 14:57 Uhr
stellawasadiverandshe…

*

kakaoseele
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2008 - 16:06 Uhr
kakaoseele

wieso sie wohl nicht öffnet...?

Schmetterlingskuss
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2008 - 16:41 Uhr
Schmetterlingskuss

punkt.

lastpub
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2008 - 21:10 Uhr
lastpub

Schön. Wirklich schön. *

DerHerrAlbert
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2008 - 22:24 Uhr
DerHerrAlbert

.
l
.

alter_hund
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2008 - 22:28 Uhr
alter_hund

Ja, warum öffnet sie nicht? Das bleibt ein Geheimnis.

Alecsis
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Mag ich Mag ich nicht

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09.03.2008 - 22:38 Uhr
Alecsis

Wonderful. *

ca_va
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Mag ich Mag ich nicht

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30.05.2008 - 16:31 Uhr
ca_va

sechsundsiebzig stufen in alten häusern klingt nach heissen sommertagen drinnen und die gaubenfenster vielleicht sperrangelweit offen und durchzug. diese dünne hand finde ich ziemlich beunruhigend.


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