04.03.2008 - 07:38 Uhr

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Der Moment - Ein Repräsentant der Ewigkeit

Text: MountMcKinley

Ein kalter Windstoß riss mich aus meinem Schlaf. Das Fenster war noch gekippt. Die schwüle Hitze des vergangenen Abends floh vor dem hereinbrechenden Kälteeinfluss, der gestern Abend noch im Wetterbericht angesagt worden war, an den jedoch niemand mehr zu glauben wagte. Doch tatsächlich wütete draußen ein heftiges Unwetter. Die letzten Nächte waren fast unerträglich und selbst ohne Bettdecke - im kurzen Schlafanzug - raubte diese erdrückende Schwüle einem den Schlaf. Ich quälte mich noch völlig schlaftrunken aus dem Bett, um das gekippte Fenster zu schließen, an dem der Regen in Sturzbächen herunter floss. Die digitale Uhr des Radioweckers flackerte in blassem Grün. Es war kurz nach 01.00 Uhr. Vor meinem Bett standen die Bergschuhe. Ich war gestern Abend noch schnell ein bisschen bei uns in den Vorbergen unterwegs gewesen. Eine kurze Tour, um den Kopf frei zu bekommen. In den Sonnenuntergang hinein. Es ist immer wieder ein großartiger, verzaubernder Moment, wenn sich die Sonne langsam dem Horizont zuneigt und schließlich behutsam zum Schlafen legt und dafür der Mond in majestätischer Größe in einem geheimnisvollen rötlichen Ton hinter den ersten Gipfeln erwacht. Zum Greifen Nahe. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte...dieses Schauspiel würde ich mir endlos lange hintereinander anschaun. Es ist genau diese Art von Einsamkeit, die ich oft gerne Suche...auch wenn für viele vielleicht unverständlich. „Mit wem kannst Du diese Momente teilen?“ werde ich oft gefragt. Muss ich sie unbedingt mit jemandem teilen? Brauche ich immer jemandem, um selbst glücklich und zufrieden sein zu können? Ich stoße damit oft auf sehr viel Unverständnis. Wohl auch deshalb, weil man in unserer Gesellschaft nicht mehr alleine sein kann. Man hat es verlernt. Ständig ist man erreichbar. Das Handy, der treueste und beste Freund! Wenn ich Bergsteigen geh, schalte ich mein Handy aus. Darf ganz ich selbst sein. Genieße einfach nur den Augenblick der Stille. Als ich so auf der Bettkante saß und über diesen Abend so nachdachte, ging mir durch den Kopf, dass ich eigentlich bisher noch nie den Sonnenaufgang so richtig bewusst in den Bergen wahrgenommen hatte. Und auf einmal, absolut überzeugt von der Idee, dies heute nachzuholen und völlig unbeeindruckt von dem Schmuddelwetter, welches draußen tobte, packte ich um 01.30 Uhr meine Sachen. Regenjacke. Wechselklamotten. Bergschuhe. Biwaksack. Rucksack. Während ich in der Küche mein Gipfelfrühstück herrichtete - Käsebrot, Apfel, Müsliriegel, Tee - fuhr ich den Computer hoch und wollte wissen, wie sich das Wetter weiter entwickeln würde. Die Aussagen bekräftigten meine völlig spontane Mitternachtsidee, denn der morgige bzw. heutige Tag, sollte wieder strahlend beginnen und das vorüberziehende Regenband im Laufe der Nacht nach Osten abziehen. Ich packte also meine Sachen ins Auto und fuhr los. Der Regen peitschte noch immer mit voller Wucht aus der schwarzen Nacht herab und der Scheibenwischer hatte es sichtlich schwer, mir eine einigermaßen freie Sicht zu gewährleisten. Nach kurzer Zeit jedoch, ließen die wolkenbruchartigen Regenschauer schon nach und je näher ich meinem Aufstiegsziel kam, umso schwächer wurde der Regen. Am Parkplatz angekommen, tröpfelt es nur noch leicht. Mittlerweile war es kurz nach 03.00 Uhr. Der Aufstieg zum Gipfel würde im gemütlichen Tempo lediglich eineinhalb Stunden in Anspruch nehmen. Genau Richtig, um dann auf dem Gipfel mit einer heißen Tasse Tee auf den Sonnenaufgang zu warten. Obwohl ich diesen Berg schon hunderte Male gegangen bin, werde ich nie müde, ihn immer wieder zu besteigen. Ich setzte meine Stirnlampe auf und ging los. Die Dunkelheit des Waldes verschluckte mich förmlich...und nur der Lichtschein meiner Lampe pflügte sich langsam aber stetig einen Weg durch diese schwarze Finsternis. Immer wieder waren die jetzt mittlerweile schon vertrauten Geräusche der Nacht zu vernehmen. Ein Rascheln im Unterholz - wahrscheinlich von einer Maus, oder einem anderen Nagegetier. Die gurrenden Laute einer Eule oder eines Kauzes. Knackende Äste in nicht allzu weiter Entfernung - wahrscheinlich Rehe oder ein Fuchs. Nachdem ich den Wald hinter mir gelassen hatte, ging es über eine Almwiese weiter stetig bergauf zum Gipfel. Die Stirnlampe ist überflüssig geworden. Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. Und der Blick in den Nachthimmel ließ plötzlich mein Herz höher Schlagen. Die ersten großen Wolkenlücken ermöglichten einen ungeahnt klaren Blick in den wunderschönen Sternenhimmel und mir stockte schier der Atem, als über die komplette Breite der Wolkenlücke über mir eine Sternschnuppe vorbeiflitze. Welch wunderbarer Augenblick. Voll Freude über ein solch großartiges Geschenk, fielen mir die letzten Höhenmeter zum Gipfel mehr als leicht. Die Wolkendecke riss immer weiter auf und schon bald waren auch die letzten Wolkenfelder verschwunden. Oben angekommen schlüpfte ich in trockene Klamotten, legte mich in den Biwaksack - natürlich nach Osten ausgerichtet - und wartete gespannt auf das Aufgehen der Sonne. Der heiße Kräutertee durchströmte mich mit einer wohltuenden Wärme und mein Gipfelfrühstück schmeckte mir nach dieser Anstrengung gleich dreimal gut. Langsam verblassten die noch vor ein paar Minuten vor schwarzem Nachthimmel funkelenden Sterne und der Himmel ging in ein über Grau übergehendes Blau über und der Horizont im Osten färbte sich gemächlich, fast schon zögerlich mit rotgelber Farbe, die sich fließend in das immer intensiver werdende Blau vermischte. Kurze Zeit darauf lugten die ersten Sonnenstrahlen über der Bergkette vor mir hervor und die sich abzeichnende Sichel, die den Gipfel genau vor mir krönte, wurde mit jeder Minute runder, bis sich schließlich der glühend, rote Feuerball bedächtig von der Bergkette löste, weiter aufstieg und die Welt wieder in seine wärmenden Arme schloss. Ich saß noch lange auf dem Gipfel. Ließ einfach den Moment, Moment sein. Genoss diesen wunderschönen Augenblick. Immer wieder. Ließ mich treiben mit der Zeit und vergas für eine Weile wer ich bin und was mich sonst in meiner gewöhnlichen Welt immer bedrückt. Beim Abstieg ging mir ein Zitat von Johann Wolfgang v. Goethe durch den Kopf: „Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit“. Den Moment zu genießen und ihn bewusst wahrnehmen...nicht über ihn zu entscheiden, sondern den Moment für Dich entscheiden zu lassen...heute ist es mir gelungen.


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3 Kommentare

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frau_liebe
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2008 - 18:42 Uhr
frau_liebe

wundervoll.
du klingst glücklich.

lara_star
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Mag ich Mag ich nicht

0

05.03.2008 - 10:59 Uhr
lara_star

tolles erlebnis.
welcher berg wars denn?

seleukos
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Mag ich Mag ich nicht

0

07.03.2008 - 19:06 Uhr
seleukos

Verrückt, aber perfekt :)
Aber ich denke, wenn der/die richtige dabei ist, dann gibts wirklich nichts besseres mehr :)


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„De Dosis macht`s, vastehst! Wennst da a Überdosis Leb`n gibst, vareckst. Und wennst da z’wenig gibst, vareckst a. Du muaßt genau des Mittelmaß da'wischen und dann muaßt as genießen!“ (Hans Söllner)