27.02.2008 - 13:08 Uhr

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Eisenbahnreis(end)e 2

Text: Beliar

Wow, jetzt kommt mal wieder ein bisschen Leben in die Bude. Nicht, dass ich das gutheißen könnte, denn ich habe viel lieber meine Ruhe, aber so habe ich wenigstens etwas, worüber ich schreiben kann. Konkreter Auslöser für mein plötzlich aufkommendes Schreib- und Berichterstattungsverlangen ist eine junge Frau, die mir bereits in München am Gleis aufgefallen ist. Sie sitzt nur wenige Meter von mir entfernt an einem Tisch, vor ihr steht ein Laptop, auf der anderen Seite des Tisches nahmen soeben in Nürnberg ein Vater mit seiner kleinen Tochter Platz. Die Frau scheint ernsthaft arbeiten zu wollen. Die Tatsache, dass sie eine schwarze BahnCard besitzt (das ist die BahnCard 100), bestärkt mich in diesem Glauben. Gerade eben hatte sie in Betrachtung des kleinen redseligen und aufmerksamkeitsheischenden Mädchens Tränen in den Augen. Die Aussicht auf relative Ruhe und ungestörtes Arbeiten ist Verflogen. Dennoch kann sie sich ein herzliches Lächeln abgewinnen… Wen ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen will: Zwei ältere Frauen, die auf der anderen Seite des Ganges – an dem anderen Tisch mit vier Sitzplätzen – direkt vor mir sitzen. Sie haben die beiden Fensterplätze besetzt, weshalb ich nur die eine von beiden sehen kann. Im Moment schläft sie ruhig, doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder soweit ist, dass sie die Faust mit dem Taschentuch darin vor ihr aufgedunsenes Gesicht reißt und sich in einem plötzlichen Husten schüttelt. Als sie dies das erste Mal tat, war ich beinahe geneigt zu fragen, ob sie eventuell etwas leiser sterben könne. Ich habe es allerdings gelassen, denn schließlich hatten wir noch ein paar Stunden Fahrt vor uns. Als das kleine Mädchen am Nachbartisch eben die Melodie von „Alle Vöglein sind schon da“ in einer Art und Weise zu intonieren begann, die vermutlich ein Betrunkener an Schiefheit nicht hätte übertreffen können, sah die aufgedunsene Frau verstört auf und richtete ihre garstigen Augen auf das kleine Mädchen, fuhr sich geistesabwesend durch das kurze, lichte und wirre Haar und neigte sich dann wieder gegen die Wand, um mit halb in ihrer Jacke versunkenem Gesicht wieder einzuschlafen. Eine Person, die einem schon auf den ersten Blick unsympathisch ist. Vor allem, wenn sie sich mit ihrer Begleiterin in ausgedehntem Sächsisch und unangebrachter Lautstärke über absolut belanglose Themen unterhält. Da ist es wieder! Das Husten, das signalisiert „Macht die Kiste fertig!“ Der Mann neben ihr versucht sich mit seiner Begleiterin in ein Gespräch zu vertiefen, damit sich die Frau seiner Wahrnehmung womöglich entziehen mag. Dieser Mann und seine Frau – beides bescheidene, ruhige, unauffällige Reisende, über die zu schreiben sich für mich nicht lohnt, da sie selbst auch eher ihre Ruhe haben wollen – gehören zu jenen Hardcore-Bahnfahrern, die von München nach Berlin mit diesem ICE fahren. Das sind mindestens sechs Stunden Fahrt! Und wer schon einmal mit dem ICE ab München in dieser Richtung unterwegs war, weiß sehr gut, dass durchaus großzügige Ausdehnungen der Fahrtzeit möglich sind. Die Ankunftszeiten sind eher Richtwerte. Grobe Richtwerte. Die beiden Leute auf der anderen Seite des Ganges neben mir gehören ebenfalls zu jenen Abenteurern. Die Frau hat eine Frauenzeitschrift vor sich aufgeschlagen (die Rätselseite), ihre schwarze Handtasche daraufgestellt und löst nun gemächlich Sudokus… Irgendwie beleidigt wirkt ihr Gesicht dabei, wie sich die Mundwinkel willig der Gravitation hemmungslos ergeben. Der Mann neben ihr richtet seinen Blick nur hin und wieder mal aus dem Fenster, in den Innenraum des Abteils und sonst ist er eher passiv. Soeben ist mir eine Gemeinheit aufgefallen: Die Deutsche Bahn bietet (zumindest) in diesem ICE nicht mehr die Möglichkeit, dieses Bordradio – oder wie auch immer es sich nannte – zu empfangen! Nicht, dass ich es jemals gehört hätte, da mein Interesse an CD-Titeln wie „Conni lernt Backen/Conni hilft Mama“ relativ gering bis nicht vorhanden ist. Aber das Angebot allein ist doch schon mal lobenswert! Allerdings muss ich sagen, dass ich jetzt schon Interesse an einem Programmpunkt hätte: „Ta-Dah“, das neue Album der Scissor Sisters ist auf dem Audiokanal 2 zu hören… wäre. Oha… Gerade tritt die Frau neben mir (also auf der anderen Seite des Ganges) mit dem kleinen Mädchen in Kontakt. Das nämlich hat die rückwärtige Dimension des Abteils über die Rückenlehne hinweg entdeckt und lässt sich auch halbwegs gern in ein bisschen Smalltalk verwickeln. Das Mädchen berichtet, es habe zuvor „Das Spiel des Löhbns“ gespielt. Die Frau wiederholt den Namen des Spieles anerkennend, wobei das letzte Wort des Titels klingt, als könne sie sich nicht entscheiden zwischen dem Spiel des „Lebens“ oder dem Spiel des „Löwens“.


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