Eisenbahnreis(end)e
Text: Beliar
Was soll man tun, wenn man sechs Stunden mit dem Zuge wohl unterwegs ist, eine Begleitung zwar vorhanden, allerdings auch schlafend ist? Die Langweile packt mich, Müdigkeit überfällt mich, Schmerzen manifestieren sich.
Also beobachte ich die Leute, deren Ziele ich nicht kenne, deren Existenz mir teilweise jedoch negativ aufgefallen… So zum Beispiel jene beiden vielleicht 14-jährigen Mädchen, beide tragen sie den gleichen Rock, beide haben sie lange blonde Haare, und beide fielen sie mir auf durch ihre altersgemäße Art, sich zu unterhalten, zu lachen, nur sich selbst in diesem Zuge zu empfinden: Ständig öffnete sich die automatische Schiebetür und als die Eine herausfand, dass sie selbst dafür verantwortlich war, musste diese Entdeckung der Anderen kundgetan werden.
Jetzt sitzen sie vor mir links und rechts des Ganges und sind ruhig. Die eine schläft. Ich genieße die vorübergehende Ruhe.
Auf der anderen Seite des Ganges sitzt am Fenster eine ältere Frau, gerade andächtig aus dem Fenster schauend, vor ihr auf dem herunterklappbaren Tischchen liegt ein Kreuzworträtsel, dass sie unlängst resigniert dort abgelegt hat, um sich darauf zu stützen. Die blaue Jacke, die sie vermutlich der Kälte wegen um ihre Schulter gelegt hat, zeigt dezente blaue Blumenmuster. Der Platz neben der Frau ist gähnend leer.
Eine jüngere Frau mit langen gewellten Haaren hat gerade eine Reihe hinter mir – ebenfalls auf der anderen Seite des Ganges – ihren stämmigen, bärtigen und langhaarigen Sitznachbarn mit einem bestimmten „Sorry“ aus dem Schlaf gerissen, um sich aus dem Großraumabteil zu entfernen und durch die automatisch öffnende Glastür zu verschwinden. Dort stellt sie sich in die Zugtür und telefoniert.
Derweil öffnet sich der Mann hinter mir ein Malzbier aus einer jener Flaschen, die einen Kronkorken nicht nötig haben, packt seine FASZ aus und liest.
Auf einmal ein unplanmäßiger Halt in Rudolstadt (Thür). Bauarbeiten und eingleisige Streckenführung werden als Grund angegeben. Die Fahrsysteme des ICE werden heruntergefahren. Draußen Menschen an einem Kiosk – Männer über 30, die ihren Bedarf an Bier direkt vor Ort decken und vermutlich noch ein bisschen auf Reserve tanken…
Eine Regionalbahn fährt auf dem Gleis neben uns ein und hält. Mittlerweile hat sich ein Soldat der Bundeswehr vor meinem Fenster auf dem Bahnsteig positioniert und wartet mehr oder minder geduldig. Langsam, nach und nach, werden die Systeme wieder hochgefahren, die Regionalbahn hat den Bahnhof längst wieder verlassen.
In der Zwischenzeit auch ein Anruf bei mir, den ich idiotischerweise ablehne, weil ich die falsche Taste drücke…
Die junge Frau mit dem Telefonat ist zurückgekehrt… „Kann ich mal durch?“, fragt sie, hängt aufgrund ausbleibender Reaktion ein sehr nachdrückliches „Bitte?“ an und weckt ihren Nachbarn ein weiteres Mal. Das Malzbier des Mannes hinter mir wird schnell leerer. Jedes Mal, wenn er daraus trinkt, wenn er die Flasche öffnet, zieht eine unangenehm riechende Fahne zu uns hervor…
17.40 Uhr werden wir über die Anzeige über der Tür darüber informiert, dass wir in Kürze Jena Paradies erreichen werden, doch scheint die Anzeige nicht zu wissen, dass wir noch immer in Rudolstadt stehen. Der Zug scheint zu neuem Leben zu erwachen… Die Leute unterhalten sich und ein Dröhnen, dessen zugehörige Vibrationen sich über die Wände bis in die Sitze verteilen, erfüllt den Raum, bietet den Unterhaltungen im Zug eine unangenehme Untermalung.
Die beiden Mädchen vor uns sind auch zu neuem Leben erwacht und gehen mir mit ihrem unerträglich belanglosen und sinnbefreiten Gelaber auf die Nerven…
17.48 Uhr verabschiedet sich die Bahn bereits über besagte Anzeige von allen Gästen, die in Jena Paradies aussteigen und fragt, ob man auch nichts vergessen habe. Dabei stehen wir noch immer in Rudolstadt…
17.57 Uhr geht es weiter… Während ein ICE gerade an uns vorüberfährt. Geduldig warte ich auf eine Durchsage vom Zugbegleitpersonal. Die lässt nicht gar so lang auf sich warten. Wir haben eine Verspätung von 30 Minuten und es wird eine weitere Störung bekanntgegeben: Bahnübergangsstörungen…
An dieser Stelle unterbreche und beende ich meine Ausführungen und Beobachtungen, denn es gilt, demnächst jenes Zugbegleitpersonal aufzusuchen um einen neuen Anschlusszug ab Leipzig genannt zu bekommen…
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26.02.2008 - 15:29 Uhr
uebersicht