21.02.2008 - 19:00 Uhr

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Filmkolumne (IV): Wo kriegt man eigentlich das ganze Geld her?

Text: nadine-gottmann

Nadine erzählt in acht Folgen von einem Projekt, aus dem nach eineinhalb Jahren ein echter Film wurde. In der vierten Folge erklärt sie, warum auch ein No-Budget-Film gut 80.000 Euro kosten kann

Der Regisseur Sam Raimi hat kürzlich mit Spiderman 3 mal wieder einen neuen Budget-Rekord aufgestellt: 258 Millionen Dollar. Wir denken, dass wir mit ein bisschen weniger Geld auch klarkommen werden. Tatsächlich sind Ralf, Sebastian und ich der Meinung, dass Millionen von Euro nicht automatisch einen guten Film ausmachen und überhaupt: dieser ganze Kapitalismus. Dieses beeindruckende politische Statement wird möglicherweise ein wenig durch die Tatsache gestützt, dass wir einfach keine 258 Millionen Dollar haben. Wir dachten immer, das Unangenehmste auf der Welt wäre, kein Geld zu haben, jetzt wissen wir: Das Unangenehmste auf der Welt ist, Leute um Geld zu bitten.
Der Technikraum mit unserem Equipment Was man alles braucht: 1. Verpflegung: 25 Leute, 20 Tage, 1500 Mahlzeiten – Kostenpunkt: 5850 € Sebastian kann Knödel mit Kartoffelbrei machen, Ralf Mehlschwitze. Da davon außer den beiden niemand sonderlich begeistert ist, machten wir uns zuerst auf die Suche nach Essenssponsoren. Da jedes Mal, wenn einer von uns dreien auch nur den Hörer in die Hand nahm, er auf der anderen Seite der Leitung schon wieder aufgeknallt wurde, engagierten wir uns erstmal zwei Telefonistinnen mit schönen Stimmen: Eva, die Aufnahmeleiterin unseres Films, und Anne, die für die Ausstattung zuständig ist. Die Post muss in diesen Tagen ganz schön unzuverlässig geworden sein. Wir haben den starken Verdacht, dass etwa zweihundert Sponsorenschreiben, die wir verschickt haben, nicht angekommen sind, zumindest behaupten die Chefs von zweihundert Unternehmen, nie einen Brief erhalten zu haben. Aber mit den schönen Stimmen klappt das schon. In einem Verhältnis von 1:40 kriegen wir tatsächlich Zusagen für eine Runde Mittagessen am Set und Sebastians Oma, in deren Keller wir unser Büro aufgemacht haben, eine hohe Telefonrechnung. Da die Besitzer von Pizzerien die nettesten sind, gibt es jetzt am Set zwar jeden zweiten Tag Pizza, aber Pizza ist immer noch besser als Knödel mit Kartoffelbrei und Mehlschwitze. Regel 4: Immer viel und gutes Essen für den Dreh organisieren, sonst reisen die Beleuchter ab! 2. Unterkunft: 25 Leute, 20 Nächte, 25 Betten – Kostenpunkt: 6750 € Wahrscheinlich werden Sebastian, Ralf und ich gar keine Betten brauchen, weil wir tags und nachts durcharbeiten müssen, aber die Schauspieler brauchen ihren Schönheits- und die Crewmitglieder ihren Erholungsschlaf. Deshalb machten wir uns auf die Suche nach Schlafplätzen. Sebastians Mutter trieb die günstigsten Zimmer in einem Buddhistenkloster auf und meine Mutter warnte vor der Gehirnwäsche, die in diesem Preis sicherlich inbegriffen war. Da die Bewohner eines Dorfes manchmal genauso zusammenhalten wie die Bewohner einer Insel, bekommen wir jedoch unglaublich viel Unterstützung von den Nachbarn aus dem Umkreis von Mayen, wo wir drehen werden. So reservieren nicht nur Sebastians und Ralfs Tanten und Omas Betten für das Filmteam, selbst Leute, die nur jemanden kennen, der jemanden kennt, der an dem Projekt beteiligt ist, bieten uns ihre Gästezimmer an. Möglicherweise gefällt ihnen die Vorstellung, demnächst mit Ewan McGregor am Frühstückstisch zu sitzen. Dass der leider nicht mitmachen kann, haben wir ihnen noch gar nicht gesagt.
Wahre Sparsamkeit: Ein von unserem Gripper selbstgebastelter Hängedolly 3. Technik: Kamera und Zubehör, Licht, Grip, Ton, Postproduktion – Kostenpunkt: 7860 € Die meisten Filmproduktionen scheitern an den Kosten für die Technik. Da wir uns in den Kopf gesetzt haben, nicht auf Video, sondern auf 16mm Film zu drehen, brauchen wir einen besonders guten Plan: selbst gebackenen Kuchen. Ja, das klingt zu banal, um wahr zu sein. Aber es funktioniert. Wir bekommen tolle Angebote für das Filmmaterial, die Entwicklung und die Kamera, die besten, die Studenten jemals bekommen haben, sagt Christian von Kodak. Und so reicht das Geld, das die Footsteps-Filmproduktion sich bisher durch Auftragsarbeiten zusammengespart hat, um den Hauptkostenpunkt und die ganzen Optiken und Stative, den Dolly und die Schienen und was man alles sonst noch braucht, damit der Film professionell aussieht, zumindest mit einem Zuschuss in die Kaffeekasse zu honorieren. Wir haben momentan nur noch das kleine Problem, dass nichts mehr für die Postproduktion übrig ist. Daher können wir uns den Film wahrscheinlich bloß auf dem Negativstreifen ansehen. Und das nur einmal. 4. Sonstiges und was wir alles vergessen werden: Kostenpunkt: ? Mal abgesehen von meinen Ängsten, dass irgendjemand die Kamera öffnet und unser Film überbelichtet wird oder dass wir am Ende des Drehtages bemerken, dass gar niemand den Film eingelegt hat, habe ich auch noch FuturII-Angst davor, dass wir vergessen haben werden, den Film gekauft zu haben werden. Diese Angst habe ich seit jenem Abend, an dem wir gerade dabei waren, einzuschlafen, als Ralf plötzlich aufschreckte und rief: „Was ist denn eigentlich mit dem Strom?“ Während die Jungs noch eine Weile rumrechneten, wie viele hundert Euro unsere 18 kW Lampen während unseres Drehs fressen würden, bin ich zwar wieder eingeschlafen, habe jedoch ein bleibendes Trauma davon getragen. An was man alles noch so denken muss: Anreisekosten für Crew und Schauspieler, Requisiten, Maskenkosten, Kostüme, Versicherung, Telefonkosten, Fahrdienste und Süßigkeiten. 5. No Budget: Ich habe gelesen, dass die No-Budget Grenze bei 80.000 € liegt. Und No Budget bedeutet nun mal, dass wir für jeden, der beim Dreh einen Strohhalm in seiner Cola haben will, einen Strohhalm erschnorren müssen. Wir haben aber richtig Glück, weil so viele Leute bereit sind, uns zu helfen. Gearbeitet wird auf Rückstellung, das heißt Gage gibt’s nur, wenn Geld eingespielt wird, einige ansässige Firmen haben uns finanziell auch unter die Arme gegriffen und Ralf, Sebastian und ich haben unser Urlaubsgeld dazu gegeben. Bezüglich meiner tausend unbezahlten Überstunden kann ich mich ja noch der Writers Guild anschließen.


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riesenherz
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Mag ich Mag ich nicht

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21.02.2008 - 19:32 Uhr
riesenherz

Sehr interessant, das.
Und unterhaltsam geschrieben.***

Digital_Data
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Mag ich Mag ich nicht

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21.02.2008 - 21:23 Uhr
Digital_Data

Der Teil ist jetzt wieder besser, weil er die Probleme besser beim Namen nennt. Und man bekommt ein sehr gutes Gespür dafür, was ein Drehtag mehr an Kosten verursacht. Wichtig ist dabei auch, dass man durch einen guten Drehplan viel Geld sparen kann. Da man nicht bei jeder Aufnahme alle Schauspieler braucht, ist es wichtig bei Geldmangel die Aufnahmen so zu organisieren, dass z.B. Leute erst später anreisen müssen oder bereits früher wieder abreisen können (weniger Verpflegung und vor allem Übernachtungskosten). Allerdings benötigt ein nicht-chronolgischer Dreh eine umfangreichere Administration.

Weiter kann man auch viel Geld sparen, wenn man alles was möglich ist im Wohnumfeld dreht (bei Filmfirmen im Studio, das wird einfach darum gemacht, weil es Geld spart). Wenn man also einen Innenraum braucht, dann kann der überall sein, ist er nah am Wohnort vieler Mitarbeiter kann man viele Kosten sparen. Da kann es nützlich sein, dass Drehbuch den finanziellen Gegebenheiten so anzupassen, dass keine Szene dabei ist, wo einer vom Wohnzimmer in die Küche geht. D.h. die Finanzierung spielt auch beim Drehbuch eine Rolle.

Filmdrehen, insbesondere Spielfilm, ist viel Logistik. Hitchcock sagte mal, das Entwickeln von Film und Geschichte ist eigentlich die interessante Sache. Der Dreh ist dann nur noch die logistische Abarbeitung.

Digital_Data

rasenmaeherkaputtmacher
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21.02.2008 - 22:07 Uhr
rasenmaeherkaputtmacher

oh yeah...ich weiß noch, als ich bei nem kurzfilmdreh jeden tag um vier aufgestanden und uhr ins bett gegangen bin und wir trotzdem pech mit dem wetter hatten wir einen tag nur vertrödelt haben und am ende nicht alles fertig gedreht haben konnten, weil die sonne nicht immer schien, wenn sie denn mal scheinen sollte und die polizei noch stress machte und und und...jouuu... das business ist was für cool-keeper und fördert den kollerischen charakter des produzenten

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21.02.2008 - 22:08 Uhr
rasenmaeherkaputtmacher

also null uhr bin ich dann immer ins bett gekommen... nach einer woche ist man blöd, vor so viel müdigkeit...aber es klappte mit viel humor am set

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21.02.2008 - 22:13 Uhr
Digital_Data

@rasenmaeherkaputtmacher

Wir hatten das auch, aber man kann vieles lösen, z.B. dadurch dass man In-Door-Drehtage ganz nach hinten legt und bei Schlechtwetter vorzieht. Das erhöht aber die Logistik. Kann dabei nur das Regenradar auf Bayern 3 empfehlen. Worauf man bei den Drehorten besonders achten muss, sind permanente Geräuschquellen, also Polizei, Krankenwagen, Kirchenglocken, Zug- und Fluglärm, da kommt man schnell aus dem Zeitplan.

Wir haben mal einen Film, bei dem 50 % draußen in der Nacht spielen um den 21. Juni gedreht. Da muss man dann warten ;-).

Digital_Data

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21.02.2008 - 22:15 Uhr
Digital_Data

@rasenmaeherkaputtmacher

Aber wenn man müde ist arbeitet man nicht mehr so konsequent. Bei meiner München-Film-Geschichte dachte ich anfänglich, man kann so 4 bis 5 Drehorte an einem Tag machen, aber am Schluß zeigte sich, dass man nach 3 besser aufhört, dass erhöht die Qualität deutlich.

Digital_Data

rasenmaeherkaputtmacher
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21.02.2008 - 22:25 Uhr
rasenmaeherkaputtmacher

@digital_data

ja, das mit der drehort -/tagdisposition ging nicht wegen den schauspielern, vor allen die, die nur so ne kleine rolle hatten und sich nur für den tag dafür zeit genommen hatten, und dann hatten wir auch in-door-drehs z.b. in ner kammfabrik, die uns nur diesen einen tag von der und der uhrzeit ihre produktionsräume geöffnet haben, genauso wie eine barszene, wo wir nur 5 h zeit hatten -
ungeachtet der tatsache, dass bei dem wetter eigentlich der außendreh viel besser platz gehabt hätte...und straßenmotive, die wir nur von dann bis dann sperren durften usw...wobei uns das egal war und und und - war schon alles ganz schön eng kalkuliert... der budgetplan wurde auch gesprengt, weshalb die postproduktion erstmal wartet...aber video schimmelt ja nicht

ich war da auch nur licht-und gripp -assi und hatte während des eigentlichen drehs nicht wirklich viel zu tun, musste aber vor allen frühs beim aufbau und am ende beim abbau helfen und zwischendurch n bisschen am motiv rumschrauben, ansonsten hab ich viel cola getrunken und viel haribo gegessen und viel skat gekloppt mit den leuten an der basisstation.

im moment schneide ich seit gefühlten tausend stunden (seit juni letzten jahres) einen dokufilm, wo wir nächste woche endlich in die tonmischung gehen...juhuuuu

Digital_Data
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21.02.2008 - 22:40 Uhr
Digital_Data

Wir mußten damals die Nachtszenen auch am längsten Tag des Jahres drehen, weil da ein Feiertag war und die Schauspieler vom Landshuter Stadttheater frei hatten. Manchmal muß man halt Kompromisse machen. Ich machte damals den Ton, war aber auch selbst in einer kleinen Rolle, half ordentlich beim Lichtaufbau und machte die Steady-Cam Zweit- oder Drittkamera. Beim Ton hatten wir z.B. das Problem, dass an diesem Tag der Wind anders wehte und auf einmal die Flugzeuge ihre Warteschleifen über LA flogen. Wohl gemerkt unser Film spielte 1409 bis 1410. In Zukunft werde ich Drehorte bei unterschiedlichen Windverhältnissen begutachten ;-). Am 3. und letzten Drehtag (für 24 Minuten Film !!) ging das Ganze dann von 10 Uhr bis 3 Uhr nachts, reine Zeit am Set und da merkt man dann, wie die Konzentration aber vor allem die konsequente Arbeit nachläßt.

Digital_Data

willywonka
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25.02.2008 - 19:16 Uhr
willywonka

Junge, Junge, da erscheinen schon wieder zwei neue Teile der Kolumne und ich sehe das erst heute, na sowas. Auf jeden Fall wieder sehr interessant. Mir hängt ja immer die Kinnlade runter, wenn ich mir diesen Stress und alles Rumgelaufe und Rumtelefonieren vorstelle. Es gibt sicher unzählige teurere Filme - aber bestimmt kaum einen Film, in dem soviel Liebe, Einsatz und Herzblut steckt. Ich freue mich immer mehr auf die Veröffentlichung. :-)

baedemantel
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14.03.2008 - 17:02 Uhr
baedemantel

@willywonka

"aber bestimmt kaum einen Film, in dem soviel Liebe, Einsatz und Herzblut steckt"
Mhhhmmm ich muss dir da mal frech wiedersprechen ;) Die meisten Studentenabschlussprojekte und/oder Debütfilme werden mit so viel Zeit, Kraft und Liebe umgesetzt... hab ich zumindest die Erfahrung gemacht :-) Wenn kein Geld da ist und man sein Baby, woran man so lange arbeitet und plant, unbedingt umsetzen will, entstehen tolle Teams, die alle an einem Strang ziehen :-)


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