Der Diercke Weltatlas wird 125. Ist das "Navi" unserer Schulzeit dem Tod geweiht?
Das Buch der Bücher aller Erdkundelehrer hat Geburtstag und erscheint in einer neuen Auflage. Hat der alte Atlas noch eine Zukunft? Ein Rückblick, ein Ausblick und ein Rätsel.
Und was für ein Brocken das damals in meinen schulkindlichen Armen war, der Diercke, Weltatlas, dieser Schulranzen-Backstein!Fast so schwergewichtig wie die große Ausgabe des Evangelischen Kirchengesangbuchs haben diese beiden Bücher meine Vorstellung davon geprägt, was im Leben scheinbar richtig wichtig ist:
1. Welt
2. Kirchenliedgut
Der Diercke gehörte zu den Muss-Anschaffungen in meiner Schule, neben dem Taschenrechner mit Extrem-Formel-Fähigkeit und Geodreieck und Wasserfarbkasten. Die Bildungsminister waren wohl der Ansicht, dass die Schüler nicht nur Erinnerungen an Skilager, Klassenschönheit und explodierte Pausenmilchpackungen aus der Schule mitnehmen sollten, es ging ihnen um einen bleibenden aber selten benutzten Wert:
um den Überblick über die Welt.
Aber so recht haben wir ihn nie gewonnen.
Der Diercke war und ist das Symbol für Verfügbarkeit von Wissen, er beruhigt die schlechten Gewissen. Dieses wuchtige Kartenbuch ist der Brockhaus der Erdkunde-Lehrer und bisweilen auch nicht mehr. Wie anders lässt sich erklären, dass wir brav die paar zig Mark fürs Anschaffen des Diercke dem Lehrer hinblätterten, das Buch dann aber ein langes Schulleben unter der Schulbank oder im heimischen Regal warten ließen? Der Diercke war nie ein Gebrauchsgut, von den wenigen Einsätzen im Erdkunde-Unterricht abgesehen. Rückblickend habe ich das Kirchengesangbuch öfter aufgeschlagen, immer auf der Suche nach „Großer Gott wir loben dich“. Was aber meiner Sozialisation geschuldet ist.
* Der Diercke war ein Symbol der Bildung, ein Sockel, auf dem eher bildlich Wissenskarrieren aufgebaut wurden.
* Heute ist der Diercke ein Gejagter.
Als vor 125 Jahren der königliche Seminardirektor Carl Diercke und der Kartenzeichner und Lithograph Eduard Gaebler die erste Ausgabe des „Schul-Atlas zum geographischen Unterricht in höheren Lehranstalten“ stemmten, war das eine wahre Schau und bis fast zum Ende des 20. Jahrhunderts war der Diercke, den Bildungsministern sei’s gedankt, zurecht Standardwerk in vielen Haushalten. Er diente der Groborientierung bei geplanten Reisen, diente der Verortung ausgewanderter Verwandter, der simplen Fernweh-Träumerei oder in Familien mit richtig viel Zeit der Suche nach dem aktuellen Arbeitsort von Peter Scholl-Latour.
Doch rum diese Zeiten.
Was der Diercke war, ist heute Map24, Google Earth, GoogleMaps oder das Navigationsgerät, das in jeder schrottreifen Mühle am Armaturenbrett pappt. Mit diesen oder in diesen Medien finden wir jeden gewünschten Ort der Welt sofort und orientieren uns fixer, als es mit dem Diercke überhaupt möglich wäre (der freilich auch nie als Straßenatlas gedacht war). In der Redaktion bei Westermann ist man sich dessen bewusst und bietet Online für jeden Atlas-Besitzer bereits tapfer einen interaktiven Erdkunde-Trainer, das Diercke WebGIS mit einer Einführung in geografische Informationssysteme und freilich „Die ganze Welt auf einen Klick“.
Ist der Diercke denn nun dem Tod geweiht?

„Im Jahre 2118“ heißt es ein wenig resignierend in der Festschrift zum 125-Jährigen des Diercke, „wird auch der Konservativste über das schmunzeln, was in diesem Buch als modern bezeichnet wird: Volumenpapier, Computerkartographie, frequenzmodulierte Raster. […] Lediglich verschrobene Liebhaber alter Druckwerke werden dann noch etwas mit dem Begriff umblättern anzufangen wissen.“ Und bereits in den 2050er Jahren, so die Prognose der Redaktion, werden vielleicht e-books sämtliche Bücher und Atlanten aus den Klassenzimmern verdrängt haben.
Nun, mag sein. Vielleicht aber erwacht der Diercke einst in neuer Blüte, wenn eine von elektronischen Geräten genervte Generation wieder dem Retro verfällt und aus dem Diercke das Tannenzäpfle beziehungsweise Astra des Bücherregals macht. Und vielleicht muss der Diercke, will er eine gedruckte Zukunft, auch nur aus dem Schulgefängnis ein wenig ausbrechen und sich dorthin legen lassen, wo sicher noch im Jahr 2050 mit Genuss geblättert werden wird:
Der Diercke als Coffee-Table-Buch im besten Sinne, als Bildband trotz Karten, als ein Buch zum auf der Erdkugel-Kruschen - künftig in Arztpraxen und bei Friseuren und in Kfz-Anmeldestellen. Damit alle Autofahrer verstehen lernen, wie das „Navi“ groß geworden ist.
P.S. Zur Feier des Jubiläums hier ein Mini-Diercke-Rätsel. Wir zeigen dir sechs Auszüge aus dem Diercke - allerdings ohne Ortsbezeichnung. Wie fit bist du im Umriss-Wiedererkennen?
Frage 1: Eine Stadt in Deutschland. Welche?

| Blöde Frage: Freiburg | |
| Sehr leicht: Osnabrück. | |
| Ha! Das ist Berlin. | |
| Moment, das ist ... Hamburg! | |
- Next Level Shit: Lukas Graham 12.02.2012
- Die Typologie der Esser 12.02.2012
- Der Harald Schmidt Ägyptens 10.02.2012
- Die Russenkälte! Eine Halbzeitbilanz in 30 Punkten 09.02.2012
- "Durch die Taten einzelner gerät die gesamte Protestaktion in Verruf" 01.02.2012
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!






