Wenn Zweijährige Marketing lernen: Julia wollte wissen, was Elite ist
Ein Jahr lang besuchte Julia Friedrichs, 28, sogenannte Eliteschmieden. Sie fragte sich, was Elite eigentlich ist. Heute sagt sie: An Elite-Schulen werden Menschen dem normalen Leben entzogen. Ein Interview über einen vielgebrauchten Begriff und darüber, was er mit Angst zu tun hat.
Du hast dich vor drei Jahren bei McKinsey beworben und einen Text über das dortige Auswahlverfahren geschrieben. War das der Ausgangspunkt zur Recherche für dein Buch*? Genau. McKinsey hat damals den Begriff "Elite" so propagiert: "Wir formen Eliten, wir machen Eliten. Wer bei uns ist, der ist Elite." Da dachte ich: Uh, was soll das heißen? Am Ende deiner Bewerbung lag sogar ein Vertrag vor dir. Hast du überlegt, zu unterschreiben? Ich hatte ein, zwei Wochen gezögert – die Verlockung war plötzlich so groß. Es hat mich selbst erschreckt, wie sehr es mich gekickt hat, das Verfahren geschafft zu haben. Und als ich dann den Vertrag in der Hand hatte, der soviel Geld bedeutet hätte … Wieviel wäre das gewesen? 67.000 Euro im ersten Jahr plus Auto … aber letztendlich war meine Skepsis größer. Aber du hast diesen Moment erlebt, in dem man das Gefühl hat, zu einem erlesenen Kreis zu gehören. Auf jeden Fall. Ist dieses Gefühl ein Motiv, zu einer Elite gehören zu wollen? Es ist mehr. Die Studenten an den Elite-Unis antworteten auf meine Frage, ob sie Angst hätten, arbeitslos zu werden kategorisch mit „Nein“. Wenn man Elite wird, ist man viele Sorgen los. Welche Unis hast du für deine Recherche besucht? Ich war vor allem an der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel – dort habe ich einen Studenten über ein Jahr hinweg immer wieder getroffen. Dann war ich an der Bucerius Law School in Hamburg, an der WHU in Vallendar und dann habe ich noch Studenten der Bayerischen Eliteakademie getroffen. Wo hast du selbst studiert? In Dortmund. Was ist der Unterschied zwischen den Unis? An den privaten Wirtschaftsunis studieren nur 25 bis 30 Prozent Mädels - die kommende Wirtschaftselite scheint eine männliche zu sein. Und mir ist aufgefallen, dass alles nach wem heißt. Das neueste Gebäude an der EBS heißt Kiep-Center nach Walther Leisler Kiep. Der Eingangsbereich heißt nach einer Möbelfirma, die Hörsäle heißen „Deutsche Bank“-Hörsaal oder Daimler-Chrysler-Raum. Vielleicht schwer, aber: Kannst du „Elite“ definieren? „Elite“ ist für viele ein Label, sich selbst zu pushen. Der Begriff wird unscharf benutzt. Jeder benutzt ihn, wie er ihn braucht. An den Internaten, wo Noten keine Rolle spielen, wird gesagt: Wir sind eine Verantwortungselite. An den Wirtschaftsunis wird gesagt: Wir sind eine Leistungselite. Mein Eindruck aber war, dass dort die Geldelite eine wichtige Rolle spielt. Deshalb halte ich den Begriff heute für eine gesellschaftliche Debatte für unbrauchbar. Wenn mich jemand fragt, ob wir Eliten brauchen, könnte ich nicht sagen: Ja oder Nein. Ist nur der Begriff ein Problem? Oder ist es ein Problem, dass es prinzipiell Bereiche gibt, in die sich „Geldeliten“ oder „Leistungseliten“ zurückziehen können? Die private Bildungskarriere beginnt heute mit zwei Jahren. Eltern kaufen sich Kindergärten für 1.000 Euro im Monat und dann geht das so weiter bis zum Ende des Studiums. Diese Entwicklung halte ich für falsch. Weil ich das Gefühl habe, dass diese Kinder aus dem normalen Leben rausgezogen werden und mit allem, was normal ist, wenig zu tun haben. Ist das ein Kennzeichen von Elite? Ja. Allein die Orte sind sehr exklusiv. Dadurch wird ja schon eine Botschaft gesendet: Hier ist etwas Erlesenes. Und Elite funktioniert, indem man ein paar Leute nimmt und ihnen sagt, sie seien Elite. Die Studenten der Bayerischen Eliteakademie, die ich als sehr nachdenklich erlebt habe, die hatten deshalb ein Riesenproblem mit dem Begriff Elite. Weil die immer gesagt haben: Wir sind gute Studenten, wir strengen uns an. Aber von uns gibt es noch soviel mehr! Warum ist der Begriff so populär geworden? Es scheint mir, als würde der Begriff wie ein Werkzeug eingesetzt, mit dem man diverse Probleme, zum Beispiel in der Bildung, kurieren kann. Tja, am Ende dachte ich, ich hätte Mitleid mit dem Wort. Weil es eines der am meisten instrumentalisierten Wörter in der aktuellen Diskussion ist. Man will zum einen die deutsche Hinterherhink-Angst bekämpfen. Zum anderen benutzen es vor allem die privaten Bildungseinrichtungen, um sich selbst aufzuwerten. Es ist schicker zu sagen, dass hier Elite erzogen wird. Das klingt besser als "Wir sind für Kinder wohlhabender Eltern eine gute Schule oder Uni". Welche Erlebnisse hast du aus dem einen Jahr Recherche mitgebracht? Ich war zum Beispiel in einem privaten Kindergarten und habe dort eine Hausführung bekommen. Mir wurde dann auch der Keller gezeigt: Da war eine komplette Wellnesslandschaft mit Sauna und Physiotherapie – weil die auch schon oft Rückenschmerzen hätten. Das war wie ein Vorgriff auf das Managerleben. Hochgradig absurd. Kann es sein, dass wir das Elite-Wesen erst in den vergangenen 10, 15 Jahren gelernt haben? Gerhard Schröder hat 1998 gleich in seiner ersten Regierungserklärung gesagt: Jetzt brauchen wir wieder Eliten! So hat der natürliche Gegner der Eliten, die Sozialdemokratie das Okay gegeben. Das hat einen Umschwung gegeben, glaube ich. Und dass so viele Einrichtungen sich so offen als Elite bezeichnen, das hätte es vor ein paar Jahren nicht gegeben.
- Der Panda in mir 25.05.2012
- „Es muss eine klare Zuordnung geben“ 25.05.2012
- "Ich würde ihr keinen Rassismus bescheinigen" 24.05.2012
- "Seit Aristoteles wird geklagt, die Jugend sei nicht leistungsfähig" 22.05.2012
- „Ein bisschen geil“ 20.05.2012
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
wichtig ist dass die eltern die freiheit haben, ihre kinder nach ihren massstäben zu erziehen - auch wenn dabei fehler gemacht werden. schlimm wird es erst, wenn der staat sich hier einmischt mit standards, die die elterliche autorität untergraben.
Alle Kommentare anzeigen








0
22.02.2008 - 20:14 Uhr
astridnelke
Als betroffene Mutter, über deren Kinder sowohl in dem genannten Buch als auch in dem von der Autorin gedrehten Film berichtet wird, kann ich nur sagen: Wir sind bestürzt über so eine einseitige Berichterstattung und über derart gezielt eingesetzte Schnitt-Techniken. Der Film sollte alternative Bildungswege und bilinguale Erziehung als Innovation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dokumentieren. Von einem parallel erscheinenden Buch wussten wir nichts. Nun werden unsere Kinder als „Einheizer“ bei Lesungen zur Vermarktung eines Buches benutzt - das ist Kapitalismus pur und damit genau das, was Julia Friedrichs mit ihrem Buch vorgibt, anzuprangern.
Uns ist es wichtig, dass unsere Kinder früh Englisch lernen, weil sie in jungen Jahren eine zweite Sprache viel einfacher aufnehmen können, aber nicht, um aus ihnen Investmentbanker oder Unternehmensberater zu machen oder sie auf eine andere Art in eine nebulöse Elite zu pressen. Auch einem Bauarbeiter oder einer Friseurin schadet es nicht, fließend Englisch zu sprechen und was meine Kinder später beruflich machen, entscheiden sie sowieso selbst. Leider wurde das von der Autorin komplett anders dargestellt - so passt es ja auch nicht zu ihren aufgestellten Thesen, also nehmen wir uns mal die journalistische Freiheit und schneiden bzw. zitieren das so, wie es zur eigenen Meinung passt: Und schon ist die Story gestrickt!