Das Paradies wird produziert
Massentourismus, Ausverkauf, künstliche Landschaften – das perfekte Urlaubsaradies gibt es nicht mehr. Krystian Woznicki entwirft in seinem Buch „Abschalten“ ein zeitgemäßes Paradiesbild. Ein Interview
Warum hast du eigentlich nicht prototypische Paradiese des Massentourismus untersuchst, sondern Orte, die an den Rändern dieser Industrie liegen? Mir geht es um Orte, an denen die Industrie zwar schon da ist, aber noch nicht so massiv. Ist dort die Paradiesproduktion schon im vollen Gange oder noch nicht? Man kann es auf den ersten Blick nicht so genau sagen. Dort kann die Idee des „Außen“ sinnhaft in Szene gesetzt werden, weil es einen halbwegs soliden Boden für Illusionen dieser Art gibt. Widersprüche, die bei der Paradiesproduktion zu Tage treten, zeichnen sich dort noch nicht so markant ab oder sie haben noch keinen Namen. Das sind Orte des Umbruchs und des Übergangs. Man kann dort viel über die Globalisierung lernen. Ein ganz persönlicher Grund ist vielleicht, dass mich Orte einfach mehr interessieren, die noch nicht massenhaft bereist werden. Erzählen diese Orte andere Geschichten als die Zentren des Massentourismus? Wenn du zum Beispiel nach Paris reist, dann wäre dir von Vornherein klar, dass dort nicht alles perfekt ist. Neben den Attraktionen gibt es Stadtteile im Ausnahmezustand, brennende Autos, etc. In Bora Bora dagegen musst Du nach Widersprüchen förmlich suchen. Ein Weg, der hinter die Oberfläche führt und rein in die Geschichte des Ortes. Dort wurden schon zahlreiche Filme gedreht, etwa „The Hurricane“, ein Blockbuster seinerzeit. Dieser Film wird benutzt, um den Ort als Paradies zu bewerben – aber was passiert eigentlich an einem Drehort während der Vorbereitung und der Durchführung? Das ist ja ein Prozess, der die vermeintlich unberührte Landschaft grobschlächtig zerstört. Nach der Verwüstung wird dann das touristische Paradies aufgebaut. Das sind Geschichten, die sich zwischen Schönheit und Zerstörung, zwischen dem Werbeimage und dem was sich dahinter verbirgt, bewegen. Das gehört aber eben auch zu diesem Ort. Das klingt natürlich brutal, aber zu der Erfahrung des Paradieses gehört nun mal auch das Paradoxe und die „hässliche Seite“. Ich will das Paradies vor diesem Hintergrund noch einmal neu definieren, als einen Schauplatz, der nicht nur eine perfekte Gegenwelt zum Alltag darstellt, sondern einen Ort der Widersprüche, einen Ort der Kämpfe, der Konflikte und der Probleme. Als einen Ort eben, an den man nicht vor der Realität flieht, sondern an dem man die Realität wie unter einem Vergrößerungsglas erlebt. Könnte ich anstatt meines „Lonely Planets“ auch dein Buch in meinen Rucksack packen und mich auf den Weg machen? Und mit welchem Ort sollte ich da am besten anfangen? Ja, das könntest Du machen, weil jedes Kapitel wie eine Reise aufgebaut ist, mit recht genauen Angaben darüber wie man hinkommt und so. Eigentlich müsste die Antwort aber zweiteilig sein, wie auch das Reisen ein zweigleisiges Unterfangen ist: Reisen ist für mich nicht nur das physische Reisen an einen Ort, sondern auch das mentale Reisen. Der Titel „Abschalten“ bezieht sich nicht nur darauf, dass wir irgendwo hinfahren und dort „abschalten“. Wir sind auch schon Zuhause dieser Bewusstseinsindustrie ausgesetzt. Kannst Du ein Beispiel geben? Nehmen wir das Darién Gap, der Dschungel zwischen Panama und Kolumbien. Dieser Ort hat eine mythische Funktion in der Geschichte des Reisens. In den 1980ern war er der Mount Everest des Rucksacktourismus. Ein unglaublich prächtiger Dschungel und die einzige Lücke im Pan American Highway, der Alaska mit Feuerland verbindet. Und so gibt es zahlreiche Bilder von diesem Ort, die von Romanen, Reiseberichten, Filmen, Dokus usw. hervorgebracht worden sind. Bilder, die unsere Vorstellung gefangen nehmen und uns gewissermaßen entführen: In Brad Andersons Film „The Darien Gap“ etwa, scheitern junge Leute aus den USA auf dem Weg nach Patagonien an diesem unüberwindbaren Verkehrshindernis. Auch das Internet dokumentiert das Scheitern jener Aussteiger, die versucht haben, diesen Dschungel zu durchqueren. Es gibt auch eine Reihe von Entführungsgeschichten. Die Bilder, die uns zu Hause erreichen, sind nicht zuletzt so wirkungsvoll, weil sie mit der Situation vor Ort korrespondieren: Auf der einen Seite ist das Darién Gap eine Lücke, die geschlossen werden soll, auf der anderen Seite gibt es Akteure, die das verhindern, zum Beispiel Rebellen oder Umweltschützer. So bleibt dieser Ort wohl vorerst ein „Außen“.
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