Das Paradies wird produziert
Massentourismus, Ausverkauf, künstliche Landschaften – das perfekte Urlaubsaradies gibt es nicht mehr. Krystian Woznicki entwirft in seinem Buch „Abschalten“ ein zeitgemäßes Paradiesbild. Ein Interview

In deinem Buch „Abschalten“ beschäftigst du dich mit Paradiesproduktion, Massentourismus und Globalisierung. Warum gerade dieses Thema?
Jeder hat eine Vorstellung vom Paradies im Kopf, das beginnt schon in der Kindheit. Das sind schöne Bilder von exotischen Schauplätzen auf Postkarten oder in Bildbänden. Es gibt Filme wie Hatari oder die Brücke am Kwai, die ein großes Repertoire an Bildern vom Urwald und unberührter Natur haben. Filme, mit denen ich und viele andere aufgewachsen sind. Romane wie Robinson Crusoe, Zeitschriften wie Geo oder Merian aber auch Musikclips beeinflussen unsere Vorstellung vom Paradies. Das fand ich sehr interessant und das ist auch der Ausgangspunkt von meinem Buch. Ich frage: was hat es mit diesem Bild auf sich? Stimmt es mit der Realität vor Ort überein?
Du sagst, dass das Paradies produziert wird. Was kann man sich darunter vorstellen?
Man reist an einen Ort, an den man immer schon mal wollte und stellt auf einmal fest, dass das alles irgendwie anders aussieht, als man sich es vorgestellt hat. Dieser Ort ist nicht ansatzweise so unberührt, wie man sich das ausgemalt hat. Man findet einen Ort vor, der schon unglaublich stark in die ganzen kapitalistischen Verwertungszusammenhänge integriert ist. Alle Annehmlichkeiten in diesem Paradies werden kaufhausmäßig aufbereitet: Bars, Animateure usw. Alles ist wahnsinnig durchorganisiert. Das funktioniert wie Kino.
Oder wie das Holodeck im Raumschiff Enterprise!
Genau, die Inszenierung einer Illusion. Und da ist man natürlich erstmal enttäuscht. In meinem Buch geht es aber nicht nur darum, diese Desillusionierung nachzuzeichnen und daraufhin eine Entmystifizierung des Paradieses vorzunehmen. Vielmehr ist das der Ausgangspunkt dafür, ein zeitgemäßes Paradiesbild zu entwerfen. Es ist halt eine Tatsache, dass das Paradies produziert wird. Damit müssen wir leben. Aber wir müssen uns auch fragen, wer die harten Geschäfte vor Ort macht, wer das Paradies produziert.
Anders als die europäische Expansion ist die Globalisierung ein zirkulärer Prozess. Funktioniert die Paradiesproduktion auch für Menschen, die auf Europa schauen?
Ich habe bewusst eine eurozentrische Perspektive gewählt. Klar ist die Globalisierung ein Prozess, der nicht nur von Europa ausgeht. Spätestens seitdem die ehemaligen Kolonisierten ihren Blick auf Europa richten, sehen wir uns mit dem Umstand konfrontiert, dass Europa selbst zu einem Zielort auf der Suche nach dem Paradies geworden ist. Das gilt für Migranten genauso wie für Touristen, die nach Europa kommen. Ich arbeite ganz bewusst mit einem Begriff von Globalisierung, der in erster Linie als ein europäischer Expansionsprozess verstanden wird.
Aber diese Expansion ist doch längst abgeschlossen.
Trotzdem wird suggeriert, dass da immer noch etwas ist, das noch unberührt ist. Das ist paradox. Und damit beginnt eine ganz neue Phase der Globalisierung. Eine Phase, in der das „Außen“ immer noch existiert, allerdings nur, weil es mit großem Aufwand produziert wird. Das Paradies spielt hier eine wichtige Rolle, weil es früher tatsächlich ein unerschlossener Ort war, und heute ein Ort ist, an dem das Unerschlossene als Illusion aufrechterhalten wird. Bei dieser Produktion spielt nicht nur der Tourismus eine Rolle.
Was denn noch?
Der Tourismus ist zwar als zweitgrößte Branche der Welt ein sehr wichtiger Akteur der Globalisierung, aber eben nicht die einzige Macht, die das Paradies produziert. Es gibt ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Akteuren. Ich stelle in meinem Buch fünf verschiedene Orte und somit auch fünf Koproduktionen vor. Ich zeige das Paradies als Produkt einer Koproduktion von Tourismus und Hippiekultur, Tourismus und Hollywood, Tourismus und Umweltschutzbewegung, Tourismus und Geopolitik/Medien und im letzten Kapitel Tourismus und Militär.
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