06.02.2008 - 13:41 Uhr

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Nicht Karneval ist schlecht, wir sind es

Text: amplifythegoodtimes in Tagebuchschreiber (1134)

Die vergangenen Tage zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass es aufgrund eines alten Brauches gesellschaftlich legitimiert, ja sogar geboten war, auch tagsüber besoffen zu sein.
Das ist sehr gut so und Grund diesen Tagen zu danken. Es hat etwas ausgesprochen Feierliches, tagsüber betrunken zu sein, und außerdem gerät man so in den Genuss des Erlebnisses, dass man um acht Uhr abends in einer Dönerbude steht und denkt, es sei zwei Uhr in der Nacht. Dieses Durcheinaderbringen und Aufwirbeln der inneren Zeit hat reinigende Effekte, so als würde man einmal im Jahr die biologische Uhr mit dem Teppichklopfer bearbeiten, um sie vom Staub der letzten 356 Tage zu befreien. Danach tickt und surrt sie dann wieder einwandfrei und sagt uns zuverlässig, ob gerade Morgen, Mittag oder Abend ist.

Aber nicht nur tagsüber betrunken zu sein, war erlaubt. Man durfte auch sein, so sagen die alten Quellen, was man schon immer mal sein wollte. Pessimisten, das ist so sicher wie die Kotzpfütze auf der Zülpicher Straße, werden jetzt einwerfen, dass demnach wohl davon auszugehen ist, dass die halbe Jugend des Landes im tiefsten Inneren gerne Zuhälter oder Schlampe sein würde. Ich muss das aber entschieden zurückweisen. Ich zum Beispiel war an Karneval niemals Zuhälter oder Schlampe und trotzdem immer zufrieden. Nur einmal, im Kindergarten, da musste ich als Sonne gehen, in einem blauen Cape mit gelben Strahlen, das fand ich so schrecklich, dass ich den ganzen Tag über geweint habe. Ein traumatisches Erlebnis, doch nicht als langweiliger Himmelskörper verkleidet sein zu wollen, kann der Jugend kaum als Auswirkung ihrer Verrohung ausgelegt werden.

Man könne nicht nur ein bisschen Karneval feiern, heißt es oft. Entweder man müsse sich voll hineinstürzen oder über die tolle Tage aus dem Rheinland verschwinden. Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Ich habe, um es in den Worten von Kathrin Passig zu sagen, keine Geduld mit den Nachbetern dieser banalen Behauptung: Man könne irgendwelche Sachen nur ganz, nicht ein bisschen. Wer hat sich solchen totalitären Blödsinn bloß ausgedacht? Man kann alles auch nur ein bisschen machen, wenn einem danach ist. Und es soll mir ja keiner mit der Erwiderung kommen „Ein bisschen Karneval feiern – das ist doch wie ein bisschen schwanger sein!“. Karneval feiern ist eben ein vages Prädikat, so wie eine Glatze haben. Wenn Fritz Schramma drei Haare hat, dann hat er eine Glatze. Wenn er ein Haar mehr hätte, hätte er aber wohl immer noch eine Glatze. Das kann man nun ewig so weiterführen, bis herauskommt: Selbst wenn er eine Milliarde Haare hätte – was sehr viele Haare sind, so viele hat nicht einmal Murat Kurnaz – er hätte immer noch eine Glatze. Man kann eben keine eindeutige Grenze angeben, ab wie vielen Haaren Glatze gilt und wann nicht mehr. So ist es auch mit Karneval feiern. Jeder, der es nur ein bisschen tut, tut es trotzdem. Im Übrigens glaube ich auch nicht, dass Schwangersein so ein furchtbar eindeutiges Prädikat ist, da muss man nur mal Spezialisten für In-Vitro-Fertilisation fragen oder Maria, die seltsame Mutter Gottes. Es ist eben alles nicht so einfach, auch das Schwangersein.

Ein Kommilitone, ausgewiesener Experte für Deleuze und Antisemitismus und demnach natürlich kein Freund des Karnevals, berichtete mir von einem etwa fünfzigjährigen Mann, der auf seinem sonnenverbrannten Haupt mit den spärlichen verbliebenen Vagheitshaaren eine Mütze spazieren führte, auf welcher stand: Schluck du Luder! Der Kommilitone erklärte entsetzt, es wäre ihm höchst unangenehm auf solche Menschen zu treffen und der Straßenkarneval ihm demnach ein reines Gräuel. Nun gut, niemand will gerne von fünfzigjährigen Männern umgeben sein, die ihren ekelhaften Chauvinismus nur spärlicher hinter dem Vorwand von Ironie und Humor verstecken, wenn denn überhaupt. Aber das hat doch nichts mit Karneval zu tun. Karneval macht die Menschen doch nicht dazu, es ist bestenfalls ein Symptom, so wie Fieber oder starker, stinkender Durchfall. Als Arzt kann man sich das Symptom dann ansehen, kurz am Durchfall riechen, und eine hervorragende Diagnose stellen. Das ist das Tolle an Symptomen. Man darf sie nur nicht verleugnen, denn schlimmer als das Boshaft-Dumme ist nur das Boshaft-Dumme, das sich verstecke kann. Und man darf die Symptome nicht mit der Krankheit verwechseln. Die Menschen gehen ja nicht vor die Tür und sagen sich: „Oha! Es is’ ja mal wieder Karneval, da bin ich jetzt doch mal ein chauvinistisches Schwein. Frau und Mutter meiner Kinder, eile herbei und reiche mir die „Schluck du Luder“-Mütze!“. Nein, so wird es wohl eher nicht sei.

Wer was gegen Karneval hat und es gerne abschaffen würde, der soll doch bitte auch Weihnachten abschaffen, das ist doch im Prinzip das gleiche, nur aufgedröselt von anderen Seite. Und, ja ja, ich weiß, dass es jetzt tönt: Gut, no prob, schaffen wir Weihnachten mit ab, nichts lieber als das. Und ich weiß auch, woher es tönt. Es sind die feinen Herren in den publizistischen Logenplätzen, die da herumtönen, die Max Goldts und die anderen Distinguierten. Aber die können mir nun einmal den Buckel hinunterrutschen, die Distinguierten, es ist nämlich langsam gut mit ihrem avantgardistischen Konservativismus. Sollen sie doch von mir aus in ihren säuberlich aufgeräumten, schönen, aber tadellos unhippen Wohnungen sitzen und „wohnen“, wie sie es nennen, aus dem Fenster gucken und die Landschaft betrachten, weil man ja völlig vergessen habe, wie erquickend das sei, und sollen sie dabei von mir aus auch vor Langeweile eingehen, wie die Sträucher, gegen welche die Männer in ihren Zuhälterkostümen urinieren. Aber an eines sollten sie vielleicht zwischendurch denken, wenn in der Landschaft gerade kein Vogel vorbeifliegt, angesichts dessen sie sich aufregen können, dass kein Kind mehr eine Raben von einer Krähe unterscheiden kann: Das Konservative, selbst das avantgardistische Konservative, ist auf lange Sicht logisch immer inkonsistent. Wenn es nie etwas Neues gibt, das gut ist, dann kann es auch nichts Altes geben, das gut ist, denn es hätte ja irgendwann einmal neu sein müssen.

Ich will jetzt nichts vom dionysischen Fest und dem anarchischen Ausbruch erzählen, von Masse und Macht, ich kenne mich damit auch gar nicht aus, aber wenn mir einer davon erzählen würde, ich würde sagen: „Recht hast du! Bravo! Bravissimo! Ich hätte es nie so gut formulieren können! Drink doch eene mit!“. Ausnahmezustand, sagen die Infotainment-Reporter gern, herrsche im Rheinland an den Karnevalstagen, und sie sagen das, als sei es eine witzige Übertreibung und auch ein kleiner Seitenhieb. „Höhö, hihi“ machen sie da innerlich, die Ironiehanseln. Dabei haben sie den Kern der Sache zielgenau getroffen, wenn auch ohne Absicht. In dem Wort Ausnahmezustand steckt alles drin, wofür man dem Karneval danken sollte und ihn als kulturelle Errungenschaft feiern muss. Karneval, das ist so etwas wie ein Erdbeben oder ein großes Zugunglück, nur dass weniger Menschen dabei verletzt werden. Leute wie Max Goldt werden das natürlich nie verstehen, denn die konservative Ästhetik kennt keinen Ausnahmezustand. Deswegen sollte die konservative Ästhetik uns leid tun.

Ich sage ja nicht einmal, dass ich gut darin wäre, Karneval zu feiern. Ich bin es überhaupt nicht. Aber das liegt nicht daran, dass Karneval schlecht wäre, sondern daran, dass ich ein schlechter Mensch bin, nicht annähernd perfekt, vollkommen unzulänglich. Menschen, die Karneval feiern können, haben unsere vollste Bewunderung verdient. Natürlich nicht die alten Männer mit den „Schluck du Luder“-Mützen und auch nicht die zwanzigjährigen Arzthelferinnen in ihren Teufelchenkostümen, deren sonnenbankverbrannte Gesichter an Karneval noch zehn Jahre älter aussehen, als sie es das ganze Jahr über schon tun. Aber es gibt Menschen, das muss man mir glauben, ich habe sie nämlich selbst gesehen, die können Karneval feiern, die können im dionysischen Ausnahmezustand vollends aufgehen, ohne ihrer Würde verlustig zu gehen. Es sind großartige Menschen und sie sollten uns allen ein Vorbild sein, denn sie sind das Schönste, was es auf der Welt gibt: Ausnahmen. Die einen können nicht feiern, weil sie zu dumm sind, und sich stattdessen „Schluck du Luder“-Mützen aufsetzen und Teufelchenkostüme tragen. Die anderen können nicht feiern, weil sie zu gehemmt sind. Nur die Ausnahmen, die können es. Hoch sollen sie leben!

Also, wiederholen Sie nachher leise, was ich sagte: Nicht Karneval ist schlecht, wir sind es! Singen Sie am nächsten 11.11. alle Brings-Lieder mit, aber nicht „Macarena“ und „Westerland“. Denn wann bumsen Hans Castorp und Clawdia Chauchat, das beste Paar der Literaturgeschichte? An Karneval bumsen sie.


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18 Kommentare

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EtwasdasmanmaggibtmankeinenoriginellenNamen
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Mag ich Mag ich nicht

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06.02.2008 - 14:47 Uhr
Etwasdasmanmaggibtman…

Recht hast du! Bravo! Bravissimo! Ich hätte es nie so gut formulieren können!

Obwohl das Wort "bumsen" im letzten Satz bei mir alte Wunden aufreißt. Ich habe das mal verwendet in einem Referat über die verlorene Ehre der Katharina Blum (ich glaub es war ein wörtliches Zitat) und wurde nachher fürchterlich ausgelacht, weil dieses Wort in unseren Breiten nicht üblich ist und ich es vermutlich auch falsch ausgesprochen habe.

miss_moneypenny
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Mag ich Mag ich nicht

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06.02.2008 - 17:26 Uhr
miss_moneypenny

genauso ist es!

Gambit
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06.02.2008 - 17:30 Uhr
Gambit

ich hab nix gegen feiern und besoffen sein und so.
auch nicht tagsüber
mich nerven nur die menschen, die sonst nie dabei sind und deshalb doppelt so aggressiv feiern. und die schlechte musik.

air_kaviar
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Mag ich Mag ich nicht

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06.02.2008 - 17:36 Uhr
air_kaviar

herrlich!

rene
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Mag ich Mag ich nicht

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06.02.2008 - 18:57 Uhr
rene

Hoch sollst auch Du leben, und zwar für diesen Text! Endlich geht es mal um eine völlig vernachlässigte Sorte großartiger Menschen, derlei lese ich immer gern.

Eine Topologie des genüsslichen Daheimbleibens an Karneval werde ich auch mal irgendwann schreiben. Daß dergleichen möglich ist glaubt einem ja nie einer.

rune
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Mag ich Mag ich nicht

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06.02.2008 - 20:15 Uhr
rune

Ausnahmezustandstext, bravo.

alcofribas
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06.02.2008 - 20:20 Uhr
alcofribas

bäh, selber max goldt!
und deswegen super.

eisengrau
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06.02.2008 - 21:24 Uhr
eisengrau

Schön geschrieben. Macht Spaß, der Text.

Fink
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06.02.2008 - 22:41 Uhr
Fink

saufen im sozialen kontext - ohne funktioniert keine gesellschaft.

und der allerletzte satz ist natürlich großartig und wahr!

rose
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Mag ich Mag ich nicht

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07.02.2008 - 01:11 Uhr
rose

großartig geschrieben!

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