04.02.2008 - 19:00 Uhr

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Was heißt „Restriktion“ auf gebärdisch?

Text: franzi-schoenenberger

Benjamin studiert BWL, genau wie viele hundert andere Studenten an der LMU in München. Trotzdem fällt Benjamin im riesigen Audimax auf, denn er kommt immer zu zweit in eine Vorlesung. Begleitet wird er stets von einem Dolmetscher für Gebärdensprache, denn Benjamin ist gehörlos. Wir haben den 24-jährigen Münchner getroffen und ihn gebeten, uns zu erzählen, wie es ist, wenn man eine Vorlesung nur sehen kann.

Meine Schulzeit war ein für Gehörlose klassischer Bildungsweg – mit dem Besuch der Grundschule der Bayerischen Landesschule für Gehörlose und der Staatlichen Realschule für Gehörlose in München. Während meiner Realschuljahre habe ich zwar den Wirtschaftsteil der Zeitungen mit Interesse verfolgt, aber weil ich auch von dem Informatik-Boom angesteckt war, machte ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Danach begann ich bei der Telekom zu arbeiten, musste jedoch feststellen, dass mir der berufliche Alltag doch etwas zu monoton erschien. Etwa zur gleichen Zeit fing meine Schwester ein Rechtspflege-Studium an und ich kam auf den Geschmack, doch auch zu studieren. Nachdem ich die Hochschulreife in Essen (bundesweit die einzige Möglichkeit an einer gehörlosenspezifischen Einrichtung die Hochschulreife zu erwerben) nachholte, bin ich nun an der LMU gelandet. Die ständige Anwesenheit eines Gebärdensprachdolmetschers und die Sicherstellung der Kostenübernahme, in meinem Fall durch den Bezirk Oberbayern, gehören zu den wichtigsten Voraussetzungen für ein barrierefreies Studium. Auch Mitschreibekräfte – Studenten aus dem gleichen Semester – sind unentbehrlich, da ich als Gehörloser mit meinen Augen höre, was heißt, dass ich die ganze Zeit den Dolmetscher ansehen muss. Somit ist gleichzeitiges Mitschreiben schlichtweg unmöglich. Doch auch wenn ich momentan in den Genuss dieser Unterstützung komme, ist mein Studium nicht unbedingt barrierefrei. Mangel an Dolmetschern Erstens ist die Dolmetscherorganisation ein mühseliger Aufwand, der unnötig Zeit in Anspruch nimmt. Zweitens muss ich wegen des notwendigen Blickkontakts mit dem Dolmetscher vorne in der ersten Reihe sitzen, was zur Folge hat, dass der Kontakt zu den anderen Kommilitonen darunter leidet. Drittens ist die Dolmetscherübersetzung nicht synchron, sondern mindestens um einen Satz verzögert. Das hat Verständnisprobleme zur Folge, wenn der Professor gerade eine Formel oder eine grafische Darstellung mit Fingerzeigen auf der Folie erklärt. Ebenso kann ich wenig Beiträge zu lebhaften Diskussionen leisten, weil ich den letzten Satz noch nicht zu Ende „gehört“ habe. Viertens kann man nicht spontan an Übungen teilnehmen, weil eben immer ein Dolmetscher organisiert werden muss. Für kurzfristig bekannt gegebene Veranstaltungen fehlt dann oft ein Dolmetscher – ich leide also unter einem faktischen Abhängigkeitsverhältnis. Fünftens wird bedauerlicherweise die Kostenübernahme nur für den regulären Stundenplan – alle Vorlesungen, Übungen und Tutorien eines Semesters – übernommen, nicht aber für Unterhaltungen mit Kommilitonen oder Lerngruppen, was natürlich förderlich für ein gemeinsames Studium wäre.
Um das Organisieren von Dolmetschern muss ich mich selber kümmern. Die Universität stellt weder einen Dolmetscher zur Verfügung, noch bietet sie behindertenspezifische Hilfestellungen an. Es gibt auch noch keine ausgereifte Vermittlungsstelle in München, wo man einfach seinen Vorlesungsplan abgeben könnte und man dann alle gewünschten Dolmetscher zur Verfügung gestellt bekommt. Das Erstellen meines Stundenplans stellt also eine langwierige und aufwändige Prozedur dar, denn von den wenigen hochqualifizierten Dolmetschern verfügen noch weniger über eine entsprechende akademische Ausbildung – die aber dringend notwendig ist, damit die Dolmetschqualität im Hörsaal zufriedenstellend ist. Somit herrscht hier in München, wo ja auch noch andere Gehörlose studieren, Mangel an gerade diesen freiberuflichen Dolmetschern. Und deswegen muss ich lange vor Semesterbeginn einzelne Lehrstühle kontaktieren, mich nach den Vorlesungs- und Übungszeiten erkundigen und schlussendlich die Dolmetscher einzeln fragen, ob sie Zeit haben. So entstehen bei mir immer wieder Zeitlücken im Plan, weil wieder mal kein Dolmetscher weit und breit zu finden ist. Die Gebärdensprache ist mittlerweile als eigenständige und vollwertige Sprache anerkannt. Doch weil sie noch eine relativ junge Sprache ist, gibt es insbesondere für die wissenschaftlichen Fachwörter noch keine entsprechenden Gebärden. In solchen Fällen versuche ich, gerade für in der BWL häufig verwendete Begriffe, in Absprache mit den Dolmetschern eine neue Gebärde zu (er)finden. Ein Beispiel: Für das Wort Restriktion wird die gleiche Gebärde verwendet wie für das Wort Beschränkung. Was meine Stellung unter den Kommilitonen angeht, so ist natürlich grundsätzlich die Anonymität recht groß, aber was kann man an der LMU im Studiengang BWL anderes erwarten? So gesehen bin ich in meinen Semesters doch wieder ziemlich bekannt. Denn aufgrund der ständigen Begleitung des Dolmetschers und dadurch, dass ich stets in der ersten Reihe sitze, bin ich sicherlich nicht zu übersehen. Zwar werde ich häufig angesprochen, aber es ist nicht leicht, den Kontakt mit den Kommilitonen zu pflegen. Auch weil ich abseits der Universität noch meinen Freundeskreis von Gehörlosen habe, mit denen ich viel Zeit verbringe. Vielleicht ist es ein großer Nachteil, dass ich dabei dann weniger spezifisch über Betriebswirtschaft reden kann. Dafür können wir uns untereinander wenigstens fließend in Gebärdensprache unterhalten. Trotzdem gibt es regelmäßige Unternehmungen mit anderen Studenten, meistens jedoch von anderen Fakultäten. Denn die Studenten der BWL sind im Allgemeinen weniger zugänglich.


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Jollscherl
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Mag ich Mag ich nicht

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05.02.2008 - 19:01 Uhr
Jollscherl

na, so wie aus allen sprachen der welt früher oder später eine gemeinsame sprache entstehen wird (meiner meinung nach: ein hundsmiserables englisch), so kann sich ja die gebärdensprache mit der zeit auch annähern... wer weiß...

cidra
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Mag ich Mag ich nicht

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05.02.2008 - 21:13 Uhr
cidra

Für einige Ausbildungsberufe befindet sich ein Fachgebärdenlexikon im Aufbau. http://www.fachgebaerdenlexikon.de

Lormi
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Mag ich Mag ich nicht

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07.02.2008 - 12:48 Uhr
Lormi

M.-S.W. Benjamin ist sehr begabt und kann schaffen. toi toi toi

kathabu
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08.02.2008 - 21:51 Uhr
kathabu

Schöner Artikel. Auch für mich als Dolmetscherin (studiere noch) dieser fantastischen Sprache sehr interessant. Ist vielleicht ein Marktlücke an von Gehörlosen stark frequentierten Unis: ihr bringt euren Stundenplan und ein Dolmetschbüro sorgt für den Rest. Was die Bildung betrifft, so haben es die Gehörlosen sehr schwer. Seit vielen hundert Jahren sind die Hörenden der Meinnung besser zu wissen was die Gehörlosen brauchen. Würde man sie einfach in ihrer Muttersprache (DGS) unterrichten, wäre das Bildungsdefizit schnell ausgeglichen. Eins noch was viele vergessen: Deutsch ist für Gehörlose immernoch eine Fremdsprache, die man selten benutzt. Lesen und Schreiben sind also nicht einfach.

ba999
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09.02.2008 - 23:29 Uhr
ba999

Ich studiere Sinologie und hab an meiner Uni noch nie einen Taubstummen gesehen. Daher ist für mich der Artikel interessant. Übrigens, werden Ein-Euro-Jobber als Dolmetscher eingesetzt? Denn nur ein paar tausend Euro pro Semester bei 20 Wochenstunden sind herzlich wenig. Da ist es kein Wunder, dass nur Leute wie kathabu bereit sind als Dolmetscherinnen zu arbeiten - bei dieser Rechtschreibung kriegen sie nicht mal einen Job bei Schlecker an der Kasse.

BillyBudd
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10.02.2008 - 01:29 Uhr
BillyBudd

ba999 sagte:
Ich studiere Sinologie und hab an meiner Uni noch nie einen Taubstummen gesehen. Daher ist für mich der Artikel interessant. Übrigens, werden Ein-Euro-Jobber als Dolmetscher eingesetzt? Denn nur ein paar tausend Euro pro Semester bei 20 Wochenstunden sind herzlich wenig. Da ist es kein Wunder, dass nur Leute wie kathabu bereit sind als Dolmetscherinnen zu arbeiten - bei dieser Rechtschreibung kriegen sie nicht mal einen Job bei Schlecker an der Kasse.


Bevor Du über andere herziehst, solltest Du Dich selbst erstmal gründlich informieren. Man sagt im Übrigen "Gehörloser", nicht "Taubstummer". Das wurde früher in der NS-Zeit häufig benutzt und hat für viele Gehörlosen einen sehr negativen Touch. Außerdem ist es fachlich auch nicht korrekt, da es durchaus Gehörlose gibt, die zwar nichts hören, dennoch aber sprechen können.

Jollscherl
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Mag ich Mag ich nicht

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10.02.2008 - 10:42 Uhr
Jollscherl

... und wo ist denn jetzt die rechtschreibung von kathabu schlechter als die der übrigen leute hier?
unsachlich.
und: taubstummer... wäre schon ein großer zufall, wenn man nicht nur taub, sondern auch noch stumm geboren wird, oder? das "stumm" kommt nur daher, dass gehörlose sich selbst nicht hören, und daher ihre stimme schlecht kontrollieren können. aber stumm? nö. wieso denn?

littlered
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10.02.2008 - 10:54 Uhr
littlered

ba999: Wenn du es so genau haben willst, ein Gebärdensprachdolmetscher verdient pro Stunde 40€.

jollscherl: Es ist leider oft eine falsch verbreitetete Tatsache, dass Gehörlose auch noch stumm wären...

@Zum Artikel selbst: Ich finde das Wort "gebärdisch" eher witzig als falsch.
Die Dolmetschsituation in München kenne ich nur allzu gut, ich habe oft Vorlesungen ohne Dolmetscher besuchen müssen, sonst wäre ich gar nicht fertig geworden. Dolmetscher bekommen allerdings nur Gehörlose, die an einer staatlichen Hochschule studieren, die anderen an den privaten Hochschulen sind da wirklich aufgeschmissen und von ihren Kommilitonen abhängig.

ba999
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10.02.2008 - 21:36 Uhr
ba999

Bevor Du über andere herziehst, solltest Du Dich selbst erstmal gründlich informieren. Man sagt im Übrigen "Gehörloser", nicht "Taubstummer". Das wurde früher in der NS-Zeit häufig benutzt und hat für viele Gehörlosen einen sehr negativen Touch. Außerdem ist es fachlich auch nicht korrekt, da es durchaus Gehörlose gibt, die zwar nichts hören, dennoch aber sprechen können.


Huch! Die Kusine meines Schwagers arbeitet in einer der vielen Taubstummenanstalten (Vereine mit diesem Namen gibt es hierzulande en masse und auch in Österreich) und sie ist doch nicht braun! Im Gegenteil, sie ist linker als Lafontaine und Gysi zusammen. Sie sagte zu mir am Telefon, dass eher "Gehörlos" in der NS-Zeit verwendet wurde, es gab sogar eine Gehörlosen-SA. Taubstumm wurde bis ca. 1939 verwendet und erst nach dem Weltkrieg verwendete man den Begriff wieder. Und "stumm" sind viele Taubstumme, da sie eben nicht sprechen wollen, sondern ausschließlich über Dolmetscher kommunizieren möchten. Das hat mit Denken nichts zu tun.

ba999: Wenn du es so genau haben willst, ein Gebärdensprachdolmetscher verdient pro Stunde 40€.


40 Euro pro Stunde? Dann kann hier wohl einer nicht rechnen, wenn's pro Semester bloß ein paar tausend Euro sein sollen.

lizzie08
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12.02.2008 - 12:50 Uhr
lizzie08

ba 999:

die wenigen(!!) "Taubstummenanstalten", die es noch gibt und nicht umbenannt wurden, tragen ihren Namen nur noch, weil dieser so alt ist. Heutzutage würde keiner auf die Idee kommen, "taubstumm" zu benutzen, denn dies wird als diskriminierend empfunden. Wenn ich mich nicht auf Englisch unterhalten kann, sondern nur auf Französisch, bin ich dann "stumm"? Du sagst, dass viele "Taubstumme" nur mit Dolmetscher kommunzieren möchten, das bezeichnest du als "Stummheit"?????? Sie können doch kommunizieren! Anders gesagt, vielleicht ist in diesem Moment auch der Hörende "stumm", weil er nicht gebärden kann?

Es ist übrigens ein Unterschied, ob man "taub" oder "taubstumm" sagt. Gehörlose haben kein Problem damit, sich als taub zu bezeichnen. Nur sind sie eben nicht stumm, sondern können sich ausdrücken wie jeder andere, nur eben in einer anderen Sprache.
Das sollte die Kusine deines Schwagers allerdings auch wissen!

Zu den Dolmetscherkosten: leider bekommen Gehörlose kein Budget, dass alle Stunden mit Dolmetschern abdecken würde. Sie müssen mit Kompromissen leben und können die Dolmetscher nur gezielt einsetzen. Ca. 40€ stimmt schon.

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