Was heißt „Restriktion“ auf gebärdisch?
Benjamin studiert BWL, genau wie viele hundert andere Studenten an der LMU in München. Trotzdem fällt Benjamin im riesigen Audimax auf, denn er kommt immer zu zweit in eine Vorlesung. Begleitet wird er stets von einem Dolmetscher für Gebärdensprache, denn Benjamin ist gehörlos. Wir haben den 24-jährigen Münchner getroffen und ihn gebeten, uns zu erzählen, wie es ist, wenn man eine Vorlesung nur sehen kann.
Meine Schulzeit war ein für Gehörlose klassischer Bildungsweg – mit dem Besuch der Grundschule der Bayerischen Landesschule für Gehörlose und der Staatlichen Realschule für Gehörlose in München. Während meiner Realschuljahre habe ich zwar den Wirtschaftsteil der Zeitungen mit Interesse verfolgt, aber weil ich auch von dem Informatik-Boom angesteckt war, machte ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Danach begann ich bei der Telekom zu arbeiten, musste jedoch feststellen, dass mir der berufliche Alltag doch etwas zu monoton erschien. Etwa zur gleichen Zeit fing meine Schwester ein Rechtspflege-Studium an und ich kam auf den Geschmack, doch auch zu studieren. Nachdem ich die Hochschulreife in Essen (bundesweit die einzige Möglichkeit an einer gehörlosenspezifischen Einrichtung die Hochschulreife zu erwerben) nachholte, bin ich nun an der LMU gelandet. Die ständige Anwesenheit eines Gebärdensprachdolmetschers und die Sicherstellung der Kostenübernahme, in meinem Fall durch den Bezirk Oberbayern, gehören zu den wichtigsten Voraussetzungen für ein barrierefreies Studium. Auch Mitschreibekräfte – Studenten aus dem gleichen Semester – sind unentbehrlich, da ich als Gehörloser mit meinen Augen höre, was heißt, dass ich die ganze Zeit den Dolmetscher ansehen muss. Somit ist gleichzeitiges Mitschreiben schlichtweg unmöglich. Doch auch wenn ich momentan in den Genuss dieser Unterstützung komme, ist mein Studium nicht unbedingt barrierefrei. Mangel an Dolmetschern Erstens ist die Dolmetscherorganisation ein mühseliger Aufwand, der unnötig Zeit in Anspruch nimmt. Zweitens muss ich wegen des notwendigen Blickkontakts mit dem Dolmetscher vorne in der ersten Reihe sitzen, was zur Folge hat, dass der Kontakt zu den anderen Kommilitonen darunter leidet. Drittens ist die Dolmetscherübersetzung nicht synchron, sondern mindestens um einen Satz verzögert. Das hat Verständnisprobleme zur Folge, wenn der Professor gerade eine Formel oder eine grafische Darstellung mit Fingerzeigen auf der Folie erklärt. Ebenso kann ich wenig Beiträge zu lebhaften Diskussionen leisten, weil ich den letzten Satz noch nicht zu Ende „gehört“ habe. Viertens kann man nicht spontan an Übungen teilnehmen, weil eben immer ein Dolmetscher organisiert werden muss. Für kurzfristig bekannt gegebene Veranstaltungen fehlt dann oft ein Dolmetscher – ich leide also unter einem faktischen Abhängigkeitsverhältnis. Fünftens wird bedauerlicherweise die Kostenübernahme nur für den regulären Stundenplan – alle Vorlesungen, Übungen und Tutorien eines Semesters – übernommen, nicht aber für Unterhaltungen mit Kommilitonen oder Lerngruppen, was natürlich förderlich für ein gemeinsames Studium wäre.
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vor wenigen jahren wäre das doch noch nicht mal denkbar gewesen.
dennoch: interessant. vor allem, dass die dgs ja nicht nur gebärden für wörter hat, sondern auch eine ganz eigene grammatik...
BWLer sind weniger zugänglich? ich dachte immer, das sei ein vorurteil.
http://www.behindertenparkplatz.de/
Erstens sollte man den Hörsaal eh von unten auffüllen, weil das blöd für den Referenten ist, wenn sich alle in den letzten Reihen herumdrücken. Also muss eben einer (bzw. 25 weitere) in der ersten Reihe sitzen, so oder so.
Und zweitens, was heißt Kontakt? Auch die anderen müssen in der Vorlesung drin hocken, die Klappe halten und zuhören, oder denkst Du, hinter Deinem Rücken tanzen alle Ringelreihen?
Aber wenn man mal übermüdet zur Uni kommt, ist es natürlich schon blöd, wenn man ganz nach vorne muss, und gesehen wird, wie einem die Augen dauernd zufallen. ;-)
Von den Schwierigkeiten, Dolmetscher zu bekommen, habe ich auch schon gehört. Bei uns in Hamburg gab es das manchmal, dass Diplom-Dollmetscher-Studenten bei manchen studentischen Treffen dabei waren, um zu übersetzen und dabei gleichzeitig zu üben. Eine Tafel Schokolade als "Bezahlung" war dann auch absolut ok. Geht natürlich in München nicht, wenn es da keine Gebärdensprach-Studenten gibt.
Zur objektiven Beurteilung, ob jemand "gehörlos" ist, oder nicht, sollte man seinen HNO-Arzt fragen.
Allein die Abhängigkeit zur gewählten Sprache (DGS) begründet nicht das Attribut "gehörlos".
Vor ein oder zwei Monaten gab es auf SPIEGEL Online einen ähnlichen Artikel über einen gehörlosen Studenten in Hamburg - er bezahlt nicht mit Schokolade ;) [http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,521662,00.html]
Übrigens teile ich Benjamins "Restriktionen" im Studium und bin gleichzeitig dankbar für die Möglichkeiten - die überwiegen auf jeden Fall ^^ Die Uni bietet leider kaum gehörlosenspezifische Hilfen an (eher schon für lautsprachorientierte Hörgeschädigte, z.B. mit Induktionsschleifen oder für andere Behindertengruppen). Doch die Uni würde einen Gehörlosen allerdings am besten unterstützen, wenn sie festangestellte Dolmetscher wie in den USA hätte. Dann würden sich einige der "Restriktionen" lösen...
@dem_osten_so_nah: Dir muss ich leider widersprechen :) Auch ein Gehörloser kann ein natürliches Sprachgefühl erwerben, wenn auch das relativ selten vorkommt (liegt imho eher an dem Schulsystem). Sprache nimmt man nicht nur übers Gehör wahr. Doch Jollscherl hat es bereits auf den Punkt gebracht: Es liegen oft starke Unterschiede zwischen aktiver und passiver Sprachkompetenz bei Gehörlosen vor.
05.02.2008 - 09:18 Uhr
joneleth
Die medizinische beschränkt sich eben auf den Ausmaß des Hörverlusts. Ich z.B. kann nur noch Geräusche ab 110 Dezibel hören und habe eine "an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit".
Der soziologischen - ich meine also unter Gehörlosen - jedoch ist die Beherrschung der DGS (natürlich nicht in Perfektion) sowie die gesellschaftliche Teilnahme unter Gehörlosen von Bedeutung.
Ich halte diese Unterscheidung für wichtig. Keine der beiden Sichtweisen ist falsch. Aber nur die medizinische zu berücksichtigen, reicht imho nicht aus.
Ich glaube mal gehört zu haben, dass es da sehr unterschiedliche Ansichten zu und zwei entgegengesetzte Fronten unter den Gehörlosen gibt, aber für die Integration ist das definitiv sinnvoller, weil sie auf diesen Zivi nicht angewiesen war, schließlich konnte sie auch von uns sämtliche Mitschriebe bekommen, und es war ihr mit gewissen Einschränkungen natürlich jederzeit möglich, auch ohne Dolmetscher zu kommunizieren.
Die müssen auch DGS können...
Vielleicht sollt er mal da in die Kurse gehen und so jemanden fragen, ob er zum üben für ihn übersetzen möchte.
@sue: Man zweifelt DGS-Kenntnisse von angehenden nichtgehörlosen Gehörlosenpädagogen von vornherein an ;)
@ba999: Gehen wir von 20 Semesterwochenstunden aus, dürfte sich das auf ein paar tausend Euro pro Semester summieren.
Also, ich verbessere mich: "gehörlose Kommilitonin" muss es natürlich heißen!
Eine blinde Kommilitonin hatte ich auch, die hatte immer einen Computer und einen Hund dabei, dafür keinen Zivi ;-)
05.02.2008 - 15:54 Uhr
Jollscherl
Wenn du selber DGS lernen willst: www.mvhs.de
- Anmeldung für die neuen Kurse ist in ein paar Tagen: ). Am Anfang überwiegt der Spaßfaktor, später wird es dann richtig schwer. Ist meiner Meinung nach nicht mit dem Erlernen einer anderen Fremdsprache vergleichbar.
eisengrau sagte:
Ich finde den Ausdruck gebärdisch eigentlich ganz nett. Klingt nicht so bierernst und so amtlich wie DGS.
Wie Jollscherl richtig sagt, ist es aber einfach der korrekte Name dieser Sprache. Man kann ja auch statt DGS Gebärdensprache sagen.
vinclair sagte:
@Maracujakind:Wenn du selber DGS lernen willst: www.mvhs.de - Anmeldung für die neuen Kurse ist in ein paar Tagen: ). Am Anfang überwiegt der Spaßfaktor, später wird es dann richtig schwer. Ist meiner Meinung nach nicht mit dem Erlernen einer anderen Fremdsprache vergleichbar.
Sehe ich nur entfernt so. DGS ist natürlich anfangs relativ leicht zu lernen, weil wir die Mundbilder (das Wort, das man teilweise mit den Lippen zur Gebärde dazu formt) ja schon können. Nur musst Du die Gebärden ja trotzdem lernen. Es sind nicht alle bildlich erkennbar. Aber es ist natürlich eine andere Wahrnehmung beim Erlernen, als bei Lautsprachen.
@ sue: Kann mich erinnern, dass es hier in HH ja auch Gehörlosenpädagogik gibt und bin mir wirklich nicht sicher, ob die die DGS-Kurse zwingend belegen mussten. Bei uns war nur eine Pädagogin dabei.
Auf jeden Fall eine bezaubernde Sprache. Aber auch nicht leichter zu erlernen, als andere.
05.02.2008 - 18:56 Uhr
Jollscherl
Aber man kann schon sagen, dass DGS in Deutschland einheitlich ist, Dialekte verbinde ich nicht mit Einheitlichkeit.
ba999 sagte:
Ich studiere Sinologie und hab an meiner Uni noch nie einen Taubstummen gesehen. Daher ist für mich der Artikel interessant. Übrigens, werden Ein-Euro-Jobber als Dolmetscher eingesetzt? Denn nur ein paar tausend Euro pro Semester bei 20 Wochenstunden sind herzlich wenig. Da ist es kein Wunder, dass nur Leute wie kathabu bereit sind als Dolmetscherinnen zu arbeiten - bei dieser Rechtschreibung kriegen sie nicht mal einen Job bei Schlecker an der Kasse.
Bevor Du über andere herziehst, solltest Du Dich selbst erstmal gründlich informieren. Man sagt im Übrigen "Gehörloser", nicht "Taubstummer". Das wurde früher in der NS-Zeit häufig benutzt und hat für viele Gehörlosen einen sehr negativen Touch. Außerdem ist es fachlich auch nicht korrekt, da es durchaus Gehörlose gibt, die zwar nichts hören, dennoch aber sprechen können.
unsachlich.
und: taubstummer... wäre schon ein großer zufall, wenn man nicht nur taub, sondern auch noch stumm geboren wird, oder? das "stumm" kommt nur daher, dass gehörlose sich selbst nicht hören, und daher ihre stimme schlecht kontrollieren können. aber stumm? nö. wieso denn?
jollscherl: Es ist leider oft eine falsch verbreitetete Tatsache, dass Gehörlose auch noch stumm wären...
@Zum Artikel selbst: Ich finde das Wort "gebärdisch" eher witzig als falsch.
Die Dolmetschsituation in München kenne ich nur allzu gut, ich habe oft Vorlesungen ohne Dolmetscher besuchen müssen, sonst wäre ich gar nicht fertig geworden. Dolmetscher bekommen allerdings nur Gehörlose, die an einer staatlichen Hochschule studieren, die anderen an den privaten Hochschulen sind da wirklich aufgeschmissen und von ihren Kommilitonen abhängig.
Bevor Du über andere herziehst, solltest Du Dich selbst erstmal gründlich informieren. Man sagt im Übrigen "Gehörloser", nicht "Taubstummer". Das wurde früher in der NS-Zeit häufig benutzt und hat für viele Gehörlosen einen sehr negativen Touch. Außerdem ist es fachlich auch nicht korrekt, da es durchaus Gehörlose gibt, die zwar nichts hören, dennoch aber sprechen können.
Huch! Die Kusine meines Schwagers arbeitet in einer der vielen Taubstummenanstalten (Vereine mit diesem Namen gibt es hierzulande en masse und auch in Österreich) und sie ist doch nicht braun! Im Gegenteil, sie ist linker als Lafontaine und Gysi zusammen. Sie sagte zu mir am Telefon, dass eher "Gehörlos" in der NS-Zeit verwendet wurde, es gab sogar eine Gehörlosen-SA. Taubstumm wurde bis ca. 1939 verwendet und erst nach dem Weltkrieg verwendete man den Begriff wieder. Und "stumm" sind viele Taubstumme, da sie eben nicht sprechen wollen, sondern ausschließlich über Dolmetscher kommunizieren möchten. Das hat mit Denken nichts zu tun.
ba999: Wenn du es so genau haben willst, ein Gebärdensprachdolmetscher verdient pro Stunde 40€.
40 Euro pro Stunde? Dann kann hier wohl einer nicht rechnen, wenn's pro Semester bloß ein paar tausend Euro sein sollen.
die wenigen(!!) "Taubstummenanstalten", die es noch gibt und nicht umbenannt wurden, tragen ihren Namen nur noch, weil dieser so alt ist. Heutzutage würde keiner auf die Idee kommen, "taubstumm" zu benutzen, denn dies wird als diskriminierend empfunden. Wenn ich mich nicht auf Englisch unterhalten kann, sondern nur auf Französisch, bin ich dann "stumm"? Du sagst, dass viele "Taubstumme" nur mit Dolmetscher kommunzieren möchten, das bezeichnest du als "Stummheit"?????? Sie können doch kommunizieren! Anders gesagt, vielleicht ist in diesem Moment auch der Hörende "stumm", weil er nicht gebärden kann?
Es ist übrigens ein Unterschied, ob man "taub" oder "taubstumm" sagt. Gehörlose haben kein Problem damit, sich als taub zu bezeichnen. Nur sind sie eben nicht stumm, sondern können sich ausdrücken wie jeder andere, nur eben in einer anderen Sprache.
Das sollte die Kusine deines Schwagers allerdings auch wissen!
Zu den Dolmetscherkosten: leider bekommen Gehörlose kein Budget, dass alle Stunden mit Dolmetschern abdecken würde. Sie müssen mit Kompromissen leben und können die Dolmetscher nur gezielt einsetzen. Ca. 40€ stimmt schon.








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04.02.2008 - 19:35 Uhr
sue
Sonst aber interessant.