kobaltblau
Text: KleinOrangenmaedchen
Der Bus war voll an dem Novembernachmittag. Sie saß am Fenster, ein Arm in kobaltblauem Anorak drückte gegen ihre Schulter. Die Berührung war grob, hart. Der fremde Mann war alt und roch nach einigen Gläsern zuviel. Sein Blick war gefangen. Er blickte wie hypnotisiert auf den grauen, dreckigen Boden.
Der Takt der großen Scheibenwischer war nicht zu überhören. Penetrant drang er durch die Menschenmenge, die in ihren nassen Regenmänteln einen Knäuel bildete. Ihre Stimmen gingen unter. Sie bildeten eine Masse von Worten, wie ein schwerer Stein am Boden.
Ihre Augen folgten den Regentropfen, die immer schneller und kontinuierlich gegen das Scheibenglas prallten und nach Sekunden wieder abperlten. Sie kannte die Straßennamen auswendig, die die undeutliche Frauenstimme vor jeder Station bekannt gab. Jeden Tag fuhr sie diese Strecke, jeden Tag saß sie an diesem Platz. Wie für sie freigehalten, für sie bestimmt, war gerade dieser Platz, fünfte Reihe von vorne, immer frei. „E- li- sen- stra -ße“, ertönte es. Der Bus war leerer geworden. Der kobaltblaue Arm war verschwunden. Sie bemerkte erst jetzt, wie sich die Verkrampfung ihrer Schulter langsam löste. Die große Tür ging auf, sie stieg ganz hinten aus.
Ihre Beine waren schwer und müde, die roten Leinenschuhe durchnässt und von dreckigschwarzen Linien gesäumt. Sie lief hastig, schnell. Wie in Eile lief sie in der Elisenstraße zu dem verblasst gelben Haus ohne Garten davor. Wie in Eile lief sie nach Hause.
Es war still in diesem Haus. Ihre Vermieterin war verreist, erinnerte sie sich. Der Schlüssel fiel ihr aus der Hand, zuerst, bevor das Geräusch des aufschließenden Schlüssels die Stille für einen Moment unterbrach, durchbrach. Die Wohnung wirkte groß. Weiße Wände und ein alter Parkettboden. Im Bad kein Fenster. Keine Vorhänge. Das größte Zimmer war leer. Es war eine Leere, die man spüren, die man gar greifen konnte, betrat man den Raum mit dem knarrenden Boden, dessen Fenster zur Straße hin lag.
Doch sie hatte den Raum seit sechs Monaten nicht mehr betreten, vielleicht seit sieben. Seit sechs, sieben oder acht Monaten war dieser Raum leer. Leerer als je zuvor. Leerer als er je gewesen sein konnte.
Er hatte es ihr in einem Brief erklärt. Die Stelle in der anderen Stadt, in der es keine Elisenstraße gab. Die Stadt, in der er nun nicht mehr Bus fahren musste. Die Stadt, in der er genau das machen konnte, von dem er immer geträumt hatte. Die Stadt, die weit weg lag.
( Sie hatte ihm als Antwort eine Deutschlandkarte geschickt. ) Der Zug zu ihm hatte den Hauptbahnhof jeden Tag viermal verlassen, zum ersten Mal um 07.33 Uhr. Sie hatte am Anfang, vor sechs oder acht Monaten, jeden Tag dort gestanden, um sieben Uhr und dreiunddreißig Minuten und die Leute mit den großen Rucksäcken und den schweren Koffern beobachtet, wie sie in einer Schlange den Zug betraten. Wie die Frau an den Gleisen in die Trillerpfeife pfiff und der Zug sich in Bewegung setzte, eine elegante Bewegung, den Hauptbahnhof hinter sich ließ und in Schnelligkeit überging. Sie hatte nicht gewunken, die Augen fast zugekniffen und die Hände verkrampft an ihrem Körper herunterhängen lassen. Leblos. Jeden Tag.
Sie war nicht mehr zu den Vorlesungen gegangen, weil sie nicht zuhören konnte. Sie hatte die Stereoanlage nicht mehr angeschaltet, weil er seine CD vergessen hatte. Sie hat ihren Appetit in dem leeren Raum versteckt, in einer der vier Ecken. Seine Sachen wurden abgeholt. Eine Woche nach dem Brief waren sie weg. Verschwunden war auch ihr Kopf, ihr Herz.
Heute war Dienstag. Sie war pünktlich gewesen, eine Vorlesung über Ganglions. Die Universität war in einem alten Gebäude. Das Auditorium ganz oben, vierter Stock. Sie mochte die vielen Menschen in dem riesigen, endlichen Raum. Die Luft, die sie dort einatmete. Die Stimme des Professors, den monotonen Klang. Es gab Erbsensuppe in der Mensa oder Scholle mit Kartoffelsalat. ( Ihren Appetit hatte sie zuhause vergessen, in der Ecke der Leere. )
Seit einigen Wochen hatten ihre Beine den Weg zu Gleis acht nicht mehr gefunden. Sie drückte den Wecker jeden Morgen weiter und nahm später den Bus zur Universität. Es waren andere Leute in dem Bus, aber der gleiche Knäuel. In diesen Tagen hatte sie einen Brief an ihn angefangen. „Du.“, schrieb sie. Und dabei war es seit diesen Wochen geblieben. Ein kleines, tintenblaues „Du“, unscheinbar, kraftlos, auf dem grellen weißen Papier.
Sie erschreckte von dem Fiepen der Teekanne auf dem Herd. Das heiße Wasser quoll aus der Kanne, tropfte eilig auf die Herdfläche. Es zischte.
Heute wollte sie den Brief beenden. Worte brannten hinter ihrer Stirn. Die Fingerspitzen wärmer als sonst, kaum weiß.
Sie schrieb:
„Du.
Du bist jetzt in dieser anderen Stadt, von der du mir geschrieben hast. Deine Sachen sind abgeholt, dein Zimmer ist nur noch ein Raum. Leer. Aber du hast etwas vergessen. Du hast es bestimmt noch nicht gemerkt, aber es wird dir fehlen, glaube mir. Du hast dein Gesicht hier vergessen. Es liegt im Bad, da, wo deine Zahnbürste lag. Deine Worte sind noch hier und deine Träume. Die, von denen du mir erzählt hast, weißt du noch? Ich hab sie über die Badewanne gehängt.
Du hast vergessen, die Leere mitzunehmen, die doch dir gehört. Oder auch uns. Sag, was waren wir?
Du bist nicht frei, weißt du. Auch wenn du jetzt in dieser Stadt bist. Du wirst bemerken, was dir fehlt, aber nur ich kann es für dich benennen.“
Der Umschlag war kobaltblau. (Was ist ein Kobalt, was ist das, dachte sie.) Sie schnitt sich beim Falten des weißen Papiers in die rechte Hand. Den Brief legte sie in den leeren Raum. Sie ging drei schritte in ihn hinein, energische, kleine Schritte. Drei hintereinander. Dort legte sie ihn auf das Parkett, dessen Knarren die Stille nicht durchbrach.
Ohne sich noch einmal umzudrehen, drehte sie den Schlüssel im Schloss herum. Der leere Raum war abgeschlossen, die Leere dahinter. (Gibt es in der Leere ein hinten und ein vorne, rechts und links, dachte sie.)
Im Bad trank sie solange aus dem tropfenden Hahn, bis der Schlüssel den Weg durch ihre Kehle fand. Sie trank und trank. ( Und hoch fliegen über den Tagen möchte ich und das Vergessen suchen - - - , dachte sie. )
(Nach „Nach grauen Tagen“, Ingeborg Bachmann)
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31.01.2008 - 23:08 Uhr
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