Sky blue sky
Text: weltherrrschaft
Nach Feierabend unternehme ich noch einen kleinen Ausflug ins Umland. Bergwinkel heißt die Gegend hier und genauso sieht es hier auch aus und genauso verlassen fühle ich mich auch. Berge, Winkel, Bäume und mittendrin ich. Im CD-Player läuft „Sky Blue Sky“ von Wilco, als vor mir aus dem Wald plötzlich ein schwarzhaariges Mädchen in BH, knappen Jeans und langen Stiefeln auf die Straße stolpert und ich heftig auf die Bremse trete.
Nach kurzer Schockstarre, steige ich aus. Zum Glück habe ich sie nicht angefahren. Zum Glück ist alles okay und sie lächelt mich sogar an, als ich ihr von der vom nassen Laub ganz dreckigen Landstraße aufhelfe. Ein ehrliches, einfaches, liebes Lächeln. Als ich sie frage, ob ich sie ein Stück weit mitnehmen könne, schließlich sehe ihr Wanderoutfit doch etwas dünn für die Jahreszeit aus und „Wanderstiefel, Wanderstiefel sind das ja auch nicht gerade, oder?“
Sie sagt, liebend gerne und ob sie vielleicht nicht fahren könne, zeigt sich dann aber doch einsichtig, als ich ablehne und nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. „Nein“, anschnallen wolle sie sich nicht. Na meinetwegen. Ich frage sie, ob ihr nicht ein bisschen kalt sei in ihren Klamotten, so draußen im Bergwinkelwald und was sie denn gerade hierher verschlagen habe und wie sie denn hieße.
Sie erzählt etwas davon, sie sei auf der Flucht, nirgendwo mehr gönne man ihr ihre Ruhe und so habe sie Leute gebeten, sie von weit her nach irgendwohin zu bringen, wo nie irgendwer nach ihr suchen würde, also in den Bergwinkel. Hier wolle sie endlich einmal in Ruhe entzieh… äh … ausspannen, unbelästigt vom Rest der Welt zu sich selbst zu kommen, abschalten. Ich solle sie Luzie nennen, Luzie Wagner. „Naja, und das mit den Klamotten. Du hast Recht, zum Wandern sind die nicht, aber hättest Du mich ohne die einfach so mitgenommen?“
„Warum meinst Du das denn? Nur, weil Madonna mal angeblich nackt an einem Highway getrampt hat und niemand angehalten hat? Ganz abgesehen davon, finde ich Dich hübscher als Madonna“, grinse ich „auch, wenn Du Waldwandersachen anhättest ... Mein Name ist übrigens Weltherrrschaft.“ Wieder grinst sie mich von der Seite an und irgendwie muß ich an irgendetwas denken, aber mir fällt es nicht ein und wir fahren weiter.
„Wohin willst Du“, frage ich sie „ich mein, ich selbst fahr hier nur aus Langeweile in der Gegend rum, weil … weil hier eben einfach nichts ist weit und breit.“ „Schön sagt sie. Nichts. Weit und breit nichts. Hast Du die Sitzheizung an, weil mein Arsch wird irgendwie so heiß.“ „Tschuldigung, ich dachte, Du frierst noch von draußen.“ „Nein, nein, nein danke! Nett von Dir, wie lieb Du Dich um mich kümmerst … nicht so wie all die anderen, Du weißt schon …“ „Neee. Ich weiß nicht.“ „Naja, die anderen halt. Das musst Du nicht verstehen.“
Nach einer halben Stunde, wir sind mittlerweile schon lange an Sterbfritz vorbei, drückt sie die Return-Taste meines CD-Players und Song 11 fängt wieder von vorne an. Mittlerweile fahren wir auf düsteren Landstraßen an denen Schilder auf Orte wie Freigericht, Biebergemünd und Lieblos hinweisen. Draußen dämmert es. Wieder skippt sie zurück zu Lied 11. Und noch einmal, ehe sie leise mitsingt:
If you feel like singing a song
And you want other people to sing along
Just sing what you feel don't let anyone say it's wrong.
And if you're trying to paint a picture
But you're not sure which colors belong
Just paint what you see don't let anyone say it's wrong.
And if you're strung out like a kite or stung awake in the night it's alright to be frightened
When there's a light (what light)
There's a light (one light)
There's a light (white light)
Inside of you
If you think you might need somebody
To pick you up when you drag
Don't loose sight of yourself
Don't let anyone change your bag
And if the whole world's singing your songs
And all of your paintings have been hung
Just remember what was yours
Is everyone's from now on
… und nur durch Zufall, weil ich gerade links abbiege, bekomme ich beim Schulterblick mit, wie ihr eine Träne über die Wange läuft. „Alles in Ordnung?”, frage ich sie, sie nickt kaum merklich, und singt, ganz leise, weiter mit Jeff Tweedy.
And that's not wrong or right but you can struggle with it all you like you'll only get uptight
Because there's a light (what light)
There's a light (one light)
There's a light (white light)
There's a light (what light)
There's a light (one light)
There's a light (white light)
There's a light (what light)
There's a light (one light)
There's a light (white light)
There's a light (what light)
There's a light (one light)
There's a light (white light)
Inside of you.
Dann schnäuzt sie sich in ein Taschentuch, räuspert sich kurz, fragt mich, wie denn Band und Platte hießen und stellt dann fest: „Ich muß jetzt was essen! Muß mich stärken!“ „Dann laß uns bei den Hausmanns Schnitzel essen … die sind echt gut.“ „Bestens!“
Vor der Gaststätte angekommen, steigt sie, während ich ihr die Tür aufhalte, sehr unvorteilhaft aus meinem Auto, und wir bestellen unser Essen. Weil Luzie extra noch einmal nachgefragt hat, ob denn die Schnitzel auch mehrmals ordentlich plattgeschlagen würden, hämmert es aus der Küche wie bei einem einseitigen Boxkampf.
Währenddessen wird Luzie vom gesamten Seniorenfeuerwehrmannsstammtisch und den drei bis vier Montagearbeitern angegafft und ich merke, wie sie sich immer unwohler fühlt. Einer der Typen bittet sie sogar um ein Autogramm, aber Luzie rennt nur laut kreischend nach draußen, wo sie sich hinter einem Vorsprung des Rathauses ziemlich schlecht versteckt. Ich zahle die Schnitzel, zum Glück kann ich alles eingepackt mitnehmen, finde Luzie ziemlich schnell und setze Tee auf.
„Was war denn das eben? Wollte der ein Autogramm von Dir?! Naja, mach Dir nix draus, die Leute hier sind alle ein bisschen seltsam. Als die mich damals für diese Doku hier im Ort gefilmt haben, haben die mich auch ein paar Tage komisch angegafft.“ Luzie ist dennoch kaum zu beruhigen, aber immerhin bekommt sie das Schnitzel zur Hälfte runter, verabschiedet sich dann kurz auf die Toilette, ehe sie sich wie von Sinnen auch noch die zweite Schnitzelhälfte einverleibt und mich mit Blick auf meine Schnitzelreste mit Kosenamen darum bittet, Ihr mehr zu geben.
Dann fängt sie wieder zu weinen an und erzählt mir alles: Sie habe es gerade eben auf der Toilette wieder getan, ja, sie wisse, das sei giftig für sie und sie wolle damit ja auch von ganzem Herzen aufhören, aber sie liebe nun mal den Rock’N’Roll-Lifestyle und ich solle doch bitte niemandem davon erzählen und ob sie heute Nacht nicht bei mir schlafen könne, weil die aus der Entzugsklinik sie doch suchen würden, sie aber heute Nacht nicht mehr dorthin zurück wolle und so.
Am nächsten Morgen schäle ich mich vorsichtig aus ihrer Umarmung und gehe duschen, als es an der Tür klingelt. Luzie macht keine Anstalten, aufzustehen, also stehe ich schließlich im Bademantel zwei Polizisten und drei 200-Kilo-Bodyguards gegenüber. „Ist sie hier bei Ihnen? Sie beide wurden gestern Abend im Ort gesehen, als sie in Ihre Wohnung gingen.“ Aus dem Schlafzimmer kommt Luzie nur im BH heraus, nickt den Bodyguards zu, zieht sich Stiefel und Hotpants über.
Dann umarmt mich ganz vorsichtig, drückt mir einen Kuss auf die Lippen und flüstert: „Goodbye, Weltherrrschaft! Hope to see you again. Don’t let me be the last to know when you’re around in Beverly Hills!” Die Türe schließt sich, durchs Milchglas glaube ich noch zu erkennen, wie sie mir winkt, mit jedem Finger einzeln und vor sich hin das Lied aus dem Auto summt. Beverly Hills? Hat sie gestern auch nu Englisch gesprochen?
Drei Wochen später liegt eine Einladung in meinem Briefkasten. Inklusive Blankoticket erster Klasse nach LA, und einer schwarzen Locke. „You want a piece of me? Must see you, Weltherrrschaft. Yours! Britney”
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16.03.2008 - 01:30 Uhr
nigella
mein leben war die letzten wochen auch eher eine art alptraum.
ich ärmste...
aber der text hat mir gefallen*
lg moni