29.01.2008 - 19:00 Uhr

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Boom, Boom, Boom! - Erinnerungen an den peinlichen 90er-Eurodance

Text: johannes-graupner - Illustrationen: lucille-mietling / Videos: YouTube

Nicht alles war schlecht in den Neunzigern - doch eine Musikrichtung namens "Eurodance" war es auf jeden Fall. Die Geschichte einer grauenhaften Sozialisierung

Eigentlich ist es ein altbekanntes Ritual: Menschen fortgeschrittenen Alters versammeln sich am Wochenende, um zu den Klängen ihrer Jugend zu tanzen. In unserem Verständnis waren das immer 70er- und 80er-Jahre-Parties, auf denen früh gealterte Menschen in für uns fremder Nostalgie über die Tanzflächen von gestern schwoften. Die Partys waren alle mindestens „Ü30“, was uns in unseren jungen Jahren fast mitleidig die Stirn runzeln ließ. Wir – das sind die Kinder der Neunziger. Menschen, denen eine melancholische Verklärung ihrer frühen musikalischen Jugend bisher eher fremd war. Doch jetzt reicht es zumindest schon für eine ironische Erinnerung an die Musik unserer Jugendtage: An die frühen und mittleren Neunziger, die Jahre des „Eurodance“. Es sind die Erinnerungen an musikalische Früh-Helden wie Dr. Alban, Snap!, 2unlimited, Masterboy, Magic Affair und Culture Beat.



Seit einiger Zeit feiert die Eurotrash-Welle nun ihr Comeback – allerdings nicht in den Charts. Dorthin haben es – abgesehen von einigen Remixen in den früher 00er-Jahren – die meisten Interpreten nie mehr geschafft. Außer Scooter und DJ Bobo, vielleicht. Stattdessen lebt der Eurodance jetzt auf Parties weiter, wo an die mehr oder weniger Erinnerungswilligen billig Bier und Schnaps ausgeschenkt wird, was das Tanzbein und die Erinnerungen enthemmen kann und soll.

Sicher haben die Neunziger einige große Künstler und Hits hervorgebracht, doch vergessen und verdrängt wird dabei oft unsere Jugend mit Eurodance, der Anfang bis Mitte der 90er Jahre in Deutschland und Europa die Radios und Tanzflächen dominierte. Rational gesehen ist Eurodance eine einfach gestrickte Musikrichtung, die sich rudimentärer Elemente aus Pop, Rap, Techno und Rave bediente und dann nach billigem und meist ewig-gleichem Schema verwurstete. Damals sahen wir das natürlich anders und hüpften begeistert über die Tanzflächen von Jugendzentren, Zeltlagern, Schützenfesten und Dorfdiskos. Es waren Abende, die wir ekstatisch zuckend mit Cola-Koffein-Flash oder einem heimlich getrunkenen Bier im Blut erlebten. Wenn man gefragt wurde, was für Musik man hörte, sagte man ganz knapp, professionell und cool: „Dancefloor“. Wir tanzten und schwitzten im Kreise unserer Freunde, die nur wenige Jahre vorher noch in unsere Grundschul-Poesie-Alben geschrieben hatten. Es waren unsere Abende, unsere Musik – und retroperspektiv gesehen auch Jahre, in denen die Musik-Industrie scheinbar aus Scheiße reines Gold machen konnte.

90er-Jahre-Parties beginnen, sich im Nachtleben zu etablieren, am Eurodance kommt man dann natürlich nicht vorbei. Dann liegen sich Menschen von Mitte bis Ende 20 bierselig und melancholisch verklärt in den Armen – oder fegen mit wilden Tanzfiguren über den Dancefloor, während 90er-Neonfarben an ihren nun erwachsenen Körpern ein grell leuchtendes Comeback feiern.

Wenn man zum ersten Mal auf so einer Party steht – dann ist dieser Moment der Erinnerung bizarr und unwirklich, er schmerzt mitunter aufgrund der musikalischen Abgründe, die sich auftun.

Und dann ist er doch plötzlich da – dieser Moment, in dem man die ersten paar Sekunden eines Liedes hört – und plötzlich macht es „Klick!“ im Kopf und die Erinnerung schlägt wie ein Blitz ein, so dass einem ungläubig die Gesichtszüge entgleisen. Plötzlich sind die Bilder im Kopf da, es ist der Sommer 1994, da sind Melanie und Tom, das erste großes Verliebtsein, die Neon-Armbänder aus der Bravo, Sand im Kassettenrecorder und der peinliche Fahrrad-Unfall auf dem Campingplatz.

Dann müssen wir doch noch lächeln, nicken zur Musik mit dem Kopf und denken ganz heimlich, still und leise: Irgendwie…sind schon ein paar geile Lieder dabeigewesen.


Auf den nächsten Seiten: Die jetzt.de-Redaktion erzählt von ihren 90er-Lieblingssongs und den Erinnerungen, die sie damit verbindet. Besonderes Schmankerl: Sie zeigt dir auch die Videos dazu. Als erstes outet sich max-scharnigg und schreibt über Snap!

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johannes-graupner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.